Es ist ein heller Sommernachmittag in Berlin-Schöneberg. Ich stehe vor einem Altbau und bin etwas aufgeregt. Gleich werde ich mehrere Stunden mit einer Frau verbringen, die sich selbst als schamanische Mentorin und systemische Coachin bezeichnet. Menschen suchen dort Orientierung, innere Klarheit oder Antworten auf persönliche Fragen. Doch was passiert eigentlich in einer schamanischen Sitzung? Das will ich heute herausfinden.

Schamanische Mentorin beschreibt sich selbst als „fein getuntes Radio“

Als ich die Räume von Birgit Gentis betrete, fällt mir die besondere Atmosphäre auf. Die Möbel sind hell, dennoch liegt der Raum durch die zugezogenen Vorhänge in gedämpftem Licht. Im Raum verteilt steht eine Trommel und liegen Rasseln und Kristalle. An den Wänden hängen farbenfrohe, gewebte Stoffe. Sie stammen, wie Birgit mir erzählt, von den Q’ero, indigenen Gemeinschaften aus den peruanischen Anden.

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Für Birgit sind diese Gegenstände Teil ihrer schamanischen Praxis. Die Frau mit den freundlichen blauen Augen beschreibt ihre Rolle als „eine Art fein getuntes Radio“: Sie könne Informationen wahrnehmen, die anderen Menschen verborgen bleiben. Nach einer Ausbildung im systemischen Coaching wandte sie sich schamanischen Traditionen zu. Sie absolvierte unter anderem Ausbildungen bei der Four Winds Society, gegründet von Dr. Alberto Villoldo, der als medizinischer Anthropologe und Autor bekannt wurde, sowie bei den Paqos in den Anden, die den spirituellen Lehren der Inka folgen. Heute verbindet sie systemisches Coaching, Ritualarbeit und schamanisches Mentoring.

Belastendes Loslassen: Darum geht es in der schamanischen Sitzung

Eine reguläre Sitzung bei Birgit Gentis dauert etwa zwei Stunden und kostet 185 Euro. Sie umfasst ein Vorgespräch, die schamanische Arbeit sowie ein Abschlussgespräch. Für meinen Selbsttest muss ich nicht bezahlen. Zu Beginn trinken wir syrischen Bergtee. Wir sprechen über körperliche Anspannung, Herausforderungen des Alltags und darüber, wie bestimmte Gedanken und Überzeugungen mein Handeln beeinflussen. Birgit interessiert sich weniger für einzelne Probleme als für die Zusammenhänge dahinter. Ihre Arbeit basiere auf einer schamanischen Weltsicht, nach der der Mensch nicht nur aus Körper und Gedanken besteht, sondern auch von einem Energiefeld umgeben sein soll.

Zum Abschluss des Vorgesprächs trommelt Birgit für mich.
Zum Abschluss des Vorgesprächs trommelt Birgit für mich.© FUNKE Foto Services | Maurizio Gambarini

„Menschen wissen oft mehr, als sie denken“, sagt Birgit. „Sie wissen, was ihnen fehlt. Schwieriger ist meist, diesem Wissen wieder zuzuhören.“ Zum Abschluss des Gesprächs bittet sie mich, die Augen zu schließen. Während sie trommelt, soll ich mir vorstellen, dass aus meinen Füßen Wurzeln tief in die Erde wachsen. Belastendes soll nach unten abfließen, stärkende Energie von oben in den Körper hineinströmen. Die Trommel gehört für Birgit zu den klassischen schamanischen Instrumenten. Ihr gleichmäßiger Rhythmus helfe ihr, in einen anderen Bewusstseinszustand zu gelangen. Wie eine Art Schwelle – weg vom Alltag, hin zu einer feineren Wahrnehmung.

Rituale, Klänge und Düfte prägen die schamanische Sitzung

Kurz darauf beginnt die eigentliche Sitzung. Ich lege mich auf eine weiße Liege. Birgit deckt mich zu und zündet Palo Santo, weißen Salbei und Weihrauch an. Der Duft breitet sich im Raum aus. Anschließend beginnt eine sogenannte Anrufung. Sie richte sich nicht an einen bestimmten Gott, sondern lade bewusst Kräfte wie Erde, Wasser, Himmel, Feuer, Sonne, Mond, Berge und Winde ein, mit denen sie sich in ihrer schamanischen Arbeit verbunden fühlt. Diese stünden für Qualitäten wie Halt, Bewegung oder Wandlung.

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In den nächsten zwei Stunden arbeitet sie mit verschiedenen Ritualgegenständen um mich herum. Ich sehe nicht, was genau sie tut, höre aber eine Klangschale, ein Windspiel und eine Rassel. Später erzählt sie mir von einem Pendel, einem Bergkristall und ihrer sogenannten Mesa – einem persönlichen Bündel aus Tüchern, Steinen und Symbolen aus der andinen Tradition.

Was ich während dieser Zeit empfinde, lässt sich schwer beschreiben. Es ist weder ein Gespräch noch eine klassische Meditation. Während der Sitzung drifte ich immer wieder weg. Vor meinem inneren Auge tauchen Landschaften, einzelne Szenen und immer wieder ein Kind auf. Besonders häufig sehe ich die Farbe Blau. Mein Körper entspannt sich, auch mein Rücken fühlt sich weicher an. Ob das an der rituellen Arbeit, der Ruhe oder meiner eigenen Erwartung liegt, kann ich nicht sagen. Zwischendurch verliere ich jedes Zeitgefühl. Die Geräusche der Stadt verschwinden, meine Aufmerksamkeit richtet sich ganz nach innen.

In der energetischen Session kann ich mich ganz entspannen.
In der energetischen Session kann ich mich ganz entspannen.© FUNKE Foto Services | Maurizio Gambarini

Das hat die Sitzung bei mir ausgelöst

Genau darin sieht Birgit den Kern ihrer Arbeit. Es gehe nicht um ein festgelegtes Ergebnis, sondern darum, einen Raum zu schaffen, in dem Menschen zur Ruhe kommen und innere Bilder, Erinnerungen oder Muster bewusster wahrnehmen. Im weiteren Prozess könnten diese gemeinsam überprüft und neu ausgerichtet werden.

Nach der Sitzung setzen wir uns wieder an den Tisch. Ich erzähle Birgit von meinen Bildern. Auch sie habe einige davon wahrgenommen. Besonders die Eiche sei ihr begegnet – für sie ein Symbol für Standfestigkeit, Ausdauer und Verwurzelung. Dabei betont sie immer wieder, dass sie keine festen Deutungen vorgibt. Diese liege letztlich beim Klienten.

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Die Stunden bei Birgit Gentis haben mir keine endgültigen Antworten geliefert. Sie haben mir vor allem Zeit gegeben, mich bewusst mit mir selbst auseinanderzusetzen. Als ich die Praxis verlasse, fühle ich mich nicht wie ein anderer Mensch. Aber ich gehe langsamer, als ich gekommen bin. Mit mehr Ruhe, einigen Fragen und Bildern, die mich noch lange begleiten werden.