Katrin, deren Name von der Redaktion geändert wurde, sitzt mit anderen Frauen in einer Runde. Zuerst erzählt jede, was in ihrem Leben gerade gut läuft. Später ist Zeit für Ängste, Konflikte und Schwierigkeiten. Niemand in der Gruppe ist Therapeutin. Die Teilnehmerinnen hören einander zu, geben Rückmeldungen und führen die Sitzung selbst. Das, was sie machen, nennt sich Radikale Therapie. Auch Andre nimmt an dieser Art der Selbsthilfegruppen teil – allerdings in anderen Gruppen. Der 54-Jährige startete in einer Männergruppe und ist inzwischen seit rund zehn Jahren dabei. Er beschreibt die Treffen als „Übungsgruppen“, in denen er gelernt hat, eigene automatische Reaktionen früher zu bemerken.

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Die Radikale Therapie, kurz RT, entstand im Umfeld der Antipsychiatrie-Bewegung der 1960er- und 1970er-Jahre. Anders als viele klassische Selbsthilfegruppen versammelt die Radikale Therapie nicht Menschen mit demselben Problem oder derselben Diagnose. Jede Person bringt ihre eigenen Themen mit. Gleichzeitig folgen die Treffen festen Abläufen und Rollen. Doch kann eine „Therapie“ ohne Therapeuten tatsächlich wirken? Zwei Experten erklären, was an RT sinnvoll sein kann – und wo sie erhebliche Fragezeichen sehen.

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Radikale Therapie: Ist das überhaupt Therapie?

Christopher Kofahl, stellvertretender Direktor am Institut für Medizinische Soziologie des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf, forscht zu gemeinschaftlicher Selbsthilfe. Für ihn haben RT-Gruppen viele typische Merkmale von Selbsthilfe: Sie seien selbstorganisiert, die Teilnehmenden würden einander unterstützen, eine professionelle Leitung fehle. Gleichzeitig fällt RT aus dem üblichen Rahmen. „Eine Selbsthilfegruppe würde sich nicht Therapiegruppe nennen“, sagt Kofahl. Auch die stark festgelegten Abläufe unterschieden die Methode von vielen anderen Selbsthilfegruppen.

Mit dem Begriff „Therapie“ verbindet sich deshalb auch die Frage, worauf eine solche Gruppe eigentlich hinarbeitet. Der Psychologe und Psychotherapeut Jürgen Margraf hält Selbsthilfe grundsätzlich für angebracht: „Selbsthilfe ist sinnvoll, kann wirklich auch Gutes tun.“ Für ihn gilt das aber nicht unbegrenzt. Wer bei sich etwas verändern möchte, müsse zumindest klären, worin das Problem bestehe und woran er arbeiten möchte. Bleiben Fortschritte aus, sollte professionelle Unterstützung folgen.

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Gerade bei einer Teilnahme über mehrere Jahre wird diese Frage für Margraf relevant: Woran arbeitet jemand noch – und woran lässt sich erkennen, dass die Gruppe weiterhin hilft? Doch selbst wenn sich solche Ziele benennen lassen, bleibt ein grundsätzlicheres Problem: Bei der Radikalen Therapie wisse bislang niemand belastbar, wie gut sie tatsächlich funktioniere, betont Margraf. Genau dazu fehlten wissenschaftliche Studien. Die positiven Erfahrungen von Andre und Katrin sind damit relevant – aber kein Wirksamkeitsnachweis.

Selbsthilfe: Was Betroffenen helfen kann

Ganz abschreiben lässt sich die Methode trotzdem nicht. Denn vieles, was in RT-Gruppen passiert, knüpft an bekannte Wirkfaktoren von Selbsthilfe an. Kofahl hat mit seinem Team Tausende Menschen aus unterschiedlichen Selbsthilfegruppen befragt. Besonders wichtig sei die „psychosoziale Entlastung“: „Das Gefühl, nicht allein zu sein mit seinem Problem“ und schnell verstanden zu werden. Hinzu kommt der Erfahrungsaustausch. Betroffene lernen voneinander Dinge, „die sie von Profis nie zu hören kriegen würden“, weil diesen die eigene Erfahrung fehlt. Kofahl nennt etwa den Alltag nach einer Operation: Andere Betroffene könnten aus eigener Erfahrung berichten, welche praktischen Probleme nach der Entlassung aus dem Krankenhaus tatsächlich auftreten.

Prof. Dr. Jürgen Margraf
Der Psychologe und Psychotherapeut Prof. Dr. Jürgen Margraf hält Selbsthilfe grundsätzlich für angebracht. © Alexander Basta | Alexander Basta

Auch an der starken Struktur der RT findet Kofahl einiges plausibel. Feste Abläufe und Kommunikationsregeln könnten Gespräche weniger störanfällig machen. In Übungen erkennt er zudem Parallelen zu systemischen Ansätzen, etwa beim Umlernen oder beim bewussten Fokus auf positive Aspekte. Sein Fazit: „Diese Form der Selbsthilfe hat für viele ein sehr hohes positives Potenzial.“ Gleichzeitig schränkt er ein: RT sei „nicht ganz so voraussetzungsfrei“ wie andere Selbsthilfegruppen und verlange viel Reflexions- und Distanzierungsfähigkeit. Das sei nicht allen gegeben.

Auch der Anspruch völliger Hierarchiefreiheit überzeugt die Experten nicht vollständig. Margraf findet die Idee gut, dass niemand dominieren soll, hält es aber für typisch, dass manche Menschen in Gruppen mehr Einfluss haben als andere. Kofahl formuliert es noch deutlicher: „Hierarchiefrei? Theoretisch und im Sinne des Konzepts vielleicht, faktisch gibt es aber auch hier Einzelpersonen, die das Geschehen bestimmen und somit eine Führungsrolle übernehmen.“

Risiken der Radikalen Therapie

Hinzu kommt ein Risiko, das grundsätzlich jede Gruppe betrifft: Menschen können voneinander nicht nur hilfreiche Strategien übernehmen. Margraf erinnert sich aus seiner Arbeit mit Angstgruppen an Situationen, in denen sich Teilnehmer gegenseitig neue Vermeidungsstrategien vermittelt haben. Einer erzählt, was er aus Angst vermeidet – und ein anderer beginnt anschließend, genau diese Situation ebenfalls zu meiden. Selbsthilfe habe trotzdem ihren Platz, sagt Margraf, aber eben nicht grenzenlos.

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Die vielleicht grundlegendste Frage führt zurück zu einer Kernidee der RT. Sie betrachtet psychische Belastungen nicht nur als individuelles Problem, sondern auch im Zusammenhang mit gesellschaftlichen Rollen, Erwartungen und Machtverhältnissen. Für Katrin war genau dieser Blick für ihre Entwicklung wichtig. Kofahl hält ihn grundsätzlich für berechtigt – „aber eben nicht ausschließlich“. Die Gefahr bestehe darin, eigene Anteile auszublenden und Schwierigkeiten nur noch dem System zuzuschreiben. Den Gedanken, Probleme auch jenseits klassischer Diagnosen anzugehen, findet er trotzdem „eigentlich sehr charmant“.

Dr. phil. Dipl.-Psych. Christopher Kofahl
Der stellvertretende Institutsdirektor Christopher Kofahl forscht am Institut für Medizinische Soziologie. © Privat | Privat

Damit liegt vielleicht genau hier die Stärke und die Schwäche der Radikalen Therapie: Sie weitet den Blick über das Individuum hinaus. Entscheidend bleibt aber, ob dieser Blick den eigenen Handlungsspielraum vergrößert, oder irgendwann zur Erklärung dafür wird, warum Veränderung ausbleibt.