Die Blaukrabbe frisst sich durch Italiens Lagunen – und zwingt die Fischer zu einem radikalen Kurswechsel. Jahrelang galt der invasive Räuber vor allem als Plage: aggressiv, gefräßig und erstaunlich fruchtbar. Im Po-Delta südlich von Venedig dezimierte er die Bestände von Manila- und Miesmuscheln, zerriss Netze und brachte zahlreiche Betriebe in Bedrängnis.

Jeden 2. Sonntag

Ein FUNKE Liebe

Alle zwei Wochen sonntags: Antworten auf Beziehungsfragen – ehrlich, nah und alltagstauglich.

Mit meiner Anmeldung zum Newsletter stimme ich der Werbevereinbarung zu.

Inzwischen hat sich der Umgang mit der Blaukrabbe verändert. Weil sie sich aus der Adria kaum wieder verdrängen lässt, suchen Fischer und Wissenschaftler nach Wegen, ihre Ausbreitung einzudämmen und zugleich wirtschaftlich mit ihr umzugehen. Was lange vor allem vernichtet wurde, soll nun genutzt werden.

Klimawandel begünstigt die invasive Blaukrabbe in Italien

Wie tief die Krise inzwischen reicht, zeigt das Fischerkonsortium von Polesine im venetischen Po-Delta. Nach Angaben der Nachrichtenagentur AP brachen dessen Einnahmen 2024 und 2025 um 75 Prozent auf rund 15 Millionen Euro ein. Zugleich sank die Zahl der aktiven Mitglieder von 1.500 auf 850.

Dabei ist die Blaukrabbe in der Adria keineswegs neu. Piero Genovesi, Experte für invasive Arten am italienischen Institut für Umweltschutz, sagt gegenüber AP, dass sie dort vermutlich bereits seit den 1940er-Jahren vorkommt. Wahrscheinlich gelangten erste Tiere mit dem Ballastwasser von Handelsschiffen ins Mittelmeer. Über Jahrzehnte blieb ihr Bestand überschaubar. Erst 2023 vermehrte sich die Blaukrabbe plötzlich in großer Zahl. Die Tiere fraßen Muscheln und andere Weichtiere, beschädigten Fischernetze und verdrängten zunehmend heimische Arten.

Auch interessant

Eine wesentliche Rolle dürfte dabei der Klimawandel gespielt haben. Höhere Wassertemperaturen begünstigen die Fortpflanzung der Blaukrabbe. Gleichzeitig führte die anhaltende Trockenheit dazu, dass der Po weniger Süßwasser führte. Dadurch konnte salzhaltiges Meerwasser weiter in den Fluss und die angrenzenden Lagunen vordringen.

Damit veränderten sich gleich mehrere Bedingungen zugunsten der Blaukrabbe. „Der Klimawandel könnte die Fortpflanzung also sowohl durch die Temperatur als auch durch den Salzgehalt begünstigt haben, weil sich der Salzgehalt des Wassers verändert hat“, sagt Genovesi gegenüber AP. Hinzu kommt das große Nahrungsangebot in den flachen Lagunen: Dort liegen zahlreiche Farmen für Manila- und Miesmuscheln, die zu den bevorzugten Beutetieren der Blaukrabbe gehören.

Blaukrabbe in Italien: Warum die Bekämpfung bislang scheitert

Auf die rasante Ausbreitung reagierte die italienische Regierung 2024 mit einem großangelegten Bekämpfungsprogramm. Allein die Fischer von Polesine fingen innerhalb von zwei Jahren fast 2,3 Millionen Kilogramm Blaukrabben, die anschließend verbrannt wurden. Ähnliche Programme liefen auch in anderen Lagunen.

Die Bilanz fiel ernüchternd aus. Ein Grund dafür ist die enorme Fortpflanzungsrate der Blaukrabbe. Ein einziges Weibchen kann innerhalb einer Saison mehrere Millionen Eier produzieren. Selbst das massenhafte Abfischen reichte deshalb nicht aus, um den Bestand entscheidend zu verringern. Enrico Caterino, der von der Regierung eingesetzte Sonderbeauftragte für die Blaukrabben-Krise, sagte gegenüber AP, das Programm sei inzwischen beendet worden.

Krebstiere
Die invasive Blaukrabbe hat sich in der Adria stark ausgebreitet und setzt vor allem die Muschelwirtschaft im Po-Delta unter Druck.© picture-alliance / OKAPIA KG, Germany | Dr. Gilbert S. Grant/OKAPIA

Weil sich die Blaukrabbe allein durch Fang- und Vernichtungsaktionen kaum eindämmen lässt, erprobt auch die Wissenschaft andere Wege. Forscher der Universität Bologna setzten in diesem Sommer rund 150.000 junge Kraken an der Riviera Romagnola aus. Die Hoffnung: Die in der Adria heimischen Tiere sollen als natürliche Fressfeinde Jagd auf die Blaukrabben machen.

Wie groß der Effekt sein wird, ist allerdings offen. Der Meeresökologe Gianluca Sarà von der Universität Palermo verweist im „Scientific American“ auf die hohe Sterblichkeit frisch geschlüpfter Kraken; nur wenige erreichen das Erwachsenenalter. Hinzu kommt der zahlenmäßige Vorteil der Blaukrabbe: Ihre Weibchen können in einer Saison Millionen Eier produzieren. Ob 150.000 Jungkraken den Bestand spürbar verringern können, ist daher fraglich. Die Idee sei zwar „großartig“, so Sarà, ihre Wirkung könne aber „absolut vernachlässigbar“ bleiben.

Blaukrabbe in Italien: Aus der Plage wird ein Geschäft

Da auch dieser Ansatz keine verlässliche Lösung verspricht, setzen die Fischer zunehmend auf eine pragmatischere Strategie: Sie versuchen, mit der Blaukrabbe Geld zu verdienen. Jeden Morgen bringen sie Kisten voller lebender Tiere zu den Sammelstellen.

Einer, der diesen Wandel täglich erlebt, ist Federico Zago. In der Lagune von Scardovari zieht der Fischer heute statt Muscheln vor allem Käfige voller Blaukrabben aus dem Wasser. „Wir mussten unsere Strategie ändern und aus dieser Katastrophe eine Chance machen“, sagt Paolo Mancin, Präsident der Genossenschaft, gegenüber AP.

Auch interessant

Tatsächlich findet sich inzwischen für nahezu jede gefangene Krabbe ein Käufer. Viele Tiere werden nach Sri Lanka verschifft, dort verarbeitet und anschließend international verkauft. Für das laufende Jahr erwartet das Konsortium laut AP Gesamteinnahmen von rund 20 Millionen Euro; der größte Teil davon soll aus dem Geschäft mit der Blaukrabbe stammen. An die frühere Muschelwirtschaft reicht das dennoch nicht heran: Für ein Kilogramm Blaukrabben erhalten Fischer rund 1,30 Euro, Manila-Muscheln brachten etwa zehn Euro. Früher machten Muscheln rund 90 Prozent ihrer Einnahmen aus, heute nur noch etwa zehn Prozent.

Doch der neue Absatzmarkt hat eine Schwäche: In Italien bleibt die Nachfrage gering. Viele Verbraucher meiden die Blaukrabbe, auch rund um Venedig steht sie nur selten auf der Speisekarte. Die regionale Küche ist traditionell auf andere Krabbenarten ausgerichtet, zudem haftet der Blaukrabbe weiterhin das Image eines Schädlings an. Solange Nachfrage und Preise niedrig bleiben, kann der Verkauf die Verluste aus der Muschelwirtschaft nur teilweise ausgleichen.