Paracetamol gehört seit Jahrzehnten zu den wichtigsten Schmerz- und Fiebermitteln in der Schwangerschaft. Fachgesellschaften empfehlen den Wirkstoff in der Regel als Mittel der ersten Wahl. Das Bundesgesundheitsministerium etwa erklärt, Paracetamol könne bei leichten bis mittelstarken Schmerzen und Fieber während der Schwangerschaft eingesetzt werden; bei längerer Einnahme sei ärztlicher Rat sinnvoll. Daran haben auch Behauptungen aus den USA wenig geändert, wonach Paracetamol in der Schwangerschaft Autismus begünstigen könne – für einen solchen Zusammenhang gibt es bislang keinen belastbaren Beleg.

Jeden 2. Sonntag

Ein FUNKE Liebe

Alle zwei Wochen sonntags: Antworten auf Beziehungsfragen – ehrlich, nah und alltagstauglich.

Mit meiner Anmeldung zum Newsletter stimme ich der Werbevereinbarung zu.

Nun liefert eine dänische Studie neuen Stoff für die Debatte. Forschende um Margit Bistrup Fischer vom Rigshospitalet in Kopenhagen berichten im Fachjournal „Human Reproduction Open“ von möglichen Veränderungen an den Fortpflanzungsorganen weiblicher Säuglinge, deren Mütter während der Schwangerschaft Paracetamol eingenommen hatten. Die Ergebnisse klingen zunächst beunruhigend. Bei genauerem Hinsehen werfen sie jedoch vor allem Fragen auf.

Paracetamol in der Schwangerschaft: Auffällige Befunde bei Eierstöcken und Gebärmutter

Das Team wertete die Daten von 685 Schwangeren aus. Die Frauen dokumentierten regelmäßig, ob und wie häufig sie Paracetamol eingenommen hatten. Zusätzlich analysierten die Forschenden Urinproben. Nach der Geburt konnten schließlich 302 Töchter untersucht werden. Sie waren zu diesem Zeitpunkt im Durchschnitt etwa dreieinhalb Monate alt.

Besonders interessierten sich die Forschenden für die Eierstöcke, die Gebärmutter, verschiedene Hormonwerte und die sogenannten Follikel. Das sind kleine Strukturen in den Eierstöcken, in denen Eizellen heranreifen. Dabei zeigten sich Unterschiede zwischen Mädchen, deren Mütter während der Schwangerschaft Paracetamol eingenommen hatten, und Mädchen, bei deren Müttern das nicht der Fall war.

Auch interessant

Entscheidend schien auch der Zeitpunkt der Einnahme zu sein. Hatten die Frauen Paracetamol vor der 17. Schwangerschaftswoche verwendet, waren die Eierstöcke ihrer Töchter im Durchschnitt kleiner. Auch die Gebärmutter wies ein geringeres Volumen auf. Bei einer Einnahme zu einem späteren Zeitpunkt fanden die Forschenden dagegen weniger Follikel. Die Unterschiede waren zum Teil beträchtlich: Nach einer frühen Einnahme lag das Volumen der Eierstöcke im Durchschnitt rund 40 Prozent niedriger, jenes der Gebärmutter etwa 13 Prozent. Bei einer späteren Einnahme zählten die Forschenden ungefähr 23 Prozent weniger Follikel.

Hinzu kam ein weiterer Befund. Bei einigen Messwerten zeigte sich laut der Studie ein sogenannter Dosis-Wirkungs-Zusammenhang: Je häufiger die Frauen Paracetamol eingenommen hatten, desto ausgeprägter waren bestimmte Unterschiede bei ihren Töchtern.

Fruchtbarkeit bei Mädchen: Warum die Befunde relevant sein könnten

Warum diese Unterschiede überhaupt von Bedeutung sein könnten, hat mit einer Besonderheit der weiblichen Fortpflanzung zu tun: Mädchen kommen bereits mit ihrem Vorrat an Eizellanlagen zur Welt. Später werden keine neuen gebildet. Veränderungen während der frühen Entwicklung könnten deshalb theoretisch Auswirkungen auf die spätere Fruchtbarkeit haben – oder darauf, wann die Menopause einsetzt.

Wie weit sich aus den dänischen Daten solche Schlüsse ziehen lassen, ist allerdings offen. Die Studie zeigt zunächst nur einen Zusammenhang. Sie belegt nicht, dass Paracetamol die beobachteten Veränderungen verursacht hat. Ebenso wenig ist geklärt, ob kleinere Eierstöcke, eine kleinere Gebärmutter oder weniger Follikel im Säuglingsalter später tatsächlich die Fruchtbarkeit beeinträchtigen. Um das beurteilen zu können, müssten die Mädchen über viele Jahre hinweg begleitet werden.

Einen ersten Versuch in diese Richtung unternahmen die Forschenden mit einer zusätzlichen Auswertung. Dafür analysierten sie Daten von 1210 Mädchen, die von der Säuglingszeit bis ins Jugendalter untersucht worden waren. Auch dort fanden sich Zusammenhänge zwischen der Paracetamol-Einnahme der Mütter und kleineren Fortpflanzungsorganen ihrer Töchter. Nach Ansicht des Forschungsteams könnte das darauf hindeuten, dass die beobachteten Unterschiede nicht nur vorübergehend sind. Beweisen lässt sich das mit diesen Daten jedoch nicht.

Auch Studienleiterin Margit Bistrup Fischer warnt deshalb davor, aus den Ergebnissen vorschnelle Konsequenzen zu ziehen. „Frauen, die während der Schwangerschaft Paracetamol eingenommen haben, sollten sich durch unsere Ergebnisse nicht beunruhigen lassen“, sagt sie. Die Untersuchung erlaube keine Aussage darüber, wie groß das Risiko für ein einzelnes Kind sei. Viele Frauen, die während der Schwangerschaft Paracetamol eingenommen hätten, hätten Töchter mit völlig unauffälligen Werten bekommen.

251483_1817_cover.jpg
Abnehmen: Mit diesen Tipps verlor Felix Bertram 15 Kilo
Länger Leben
 

Paracetamol in der Schwangerschaft: Forschende warnen vor Alarmismus

Auch unabhängige Fachleute beurteilen die Ergebnisse zurückhaltend. Dimitrios Siassakos vom University College London weist gegenüber dem Science Media Center darauf hin, dass es sich nicht um eine randomisierte Studie handelt. Die Frauen wurden also nicht nach dem Zufallsprinzip verschiedenen Gruppen zugeteilt. Deshalb lasse sich nicht ausschließen, dass andere Faktoren die beobachteten Unterschiede beeinflusst haben. Hinzu kommt ein statistisches Problem. Nach entsprechenden Korrekturen seien nur wenige Ergebnisse eindeutig geblieben, sagt Siassakos. Für seine Empfehlung zu Paracetamol in der Schwangerschaft ändere die Studie daher nichts.

Ähnlich urteilt der Biostatistiker Adam Brentnall von der Queen Mary University of London. Die Untersuchung liefere wertvolle Daten und werfe wichtige Fragen auf, die Schlussfolgerungen gingen seiner Ansicht nach aber teilweise über das hinaus, was die Statistik hergebe. Besonders kritisch sei die große Zahl der untersuchten Messwerte. Denn je mehr Zusammenhänge geprüft werden, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass einzelne Auffälligkeiten allein durch Zufall entstehen.

Damit ist die dänische Studie weder belanglos noch ein Wendepunkt. Sie liefert Hinweise, aber keinen Beleg dafür, dass Paracetamol die spätere Fruchtbarkeit beeinträchtigt. Für eine grundlegende Neubewertung eines seit Jahrzehnten etablierten Medikaments reicht die Evidenz nicht aus.