Herzchirurgie war lange Zeit eine Männerdomäne, verändert sich die Disziplin gerade?
Der Frauenanteil in der Herzchirurgie liegt bei 25 %, nur in den oberen Hierarchiebereichen gibt es wenige Frauen. Dafür gibt es jetzt aber das Bewusstsein. Die Herzchirurgie braucht auf jeden Fall kluge Köpfe und gute Hände. Ja, und dem Herz ist es auch egal, ob die Hände, die es behandeln, von einem Mann oder einer Frau sind. Aber es ist einfach. Wir können es uns gar nicht leisten, auf die Hälfte der Talente zu verzichten.
Mitralklappe, Trikuspidalklappe, Aortenklappe – gibt es eine Diva unter der Herzklappen-Chirurgie?
Am meisten beschäftigt uns die Aortenklappe, die wird am häufigsten behandelt, interventionell oder herzchirurgisch. Auch die Mitralklappe hat hohe Therapieraten und ist in der Behandlung oftmals – wenn Sie so wollen – eine Diva, wenn sie sich nicht so gerne rekonstruieren lässt, wie wir das gerne sehen würden. Die Trikuspidalklappe stellt uns vor die größten Herausforderungen. Betroffen sind schwerkranke Patienten, oft in fortgeschrittenen Krankheitsstadien. Da gibt es viel über die beste Therapie zu diskutieren und zu entscheiden.
Gibt es Unterschiede bei Männern und Frauen, die in der Herzchirurgie oft unterschätzt werden?
Statistisch ist die Sterblichkeitsrate und die Komplikationsrate nach herzchirurgischen Eingriffen bei Frauen größer.
Woran liegt das?
Das hat verschiedene Ursachen. Frauen stellen sich später ärztlich vor, sind also oft in einem fortgeschrittenen Krankheitsstadium, sind kränker und auch älter, weil bei ihnen auch Herzerkrankungen erst später auftreten im Leben. Das ergibt natürlich ein höheres OP-Risiko. Aber auch die Anatomie, die wir vorfinden, ist komplexer. Allein dadurch, dass Frauenherzen kleiner sind. Das klingt so banal, aber die kleinere Anatomie ist komplexer und stellt uns vor größere Herausforderungen. Diese Faktoren führen zu höheren Komplikationsraten.
Was machen Sie als Herzchirurgin anders?
Ich mache nichts anders. Ich möchte zu einem guten Ergebnis kommen, d.h. kleiner Zugang, gute Rekonstruktion, der Patient erholt sich gut, kann schnell nach Hause.
Klappenersatz oder Klappenreparatur?
Herzklappen sollte man immer, wenn möglich, reparieren. Dafür gibt es viele gute Daten. Leider müssen wir uns natürlich auf die Gegebenheiten einstellen, die wir vorfinden. Es ist nicht immer möglich, eine Klappe zu reparieren.
Sie operieren schon sehr lange, was haben Sie von OP-Teams gelernt?
Dass Erfahrung ein Geräusch ist. Sie müssen sich vorstellen, dass manchmal eine erfahrene Pflegekraft am Geräusch eines Instrumentes, an meiner Stimmlage erkennen kann, dass hier etwas anders läuft, als es sollte. Schon bevor ich selbst die Situation richtig verstanden habe, wurde mir das richtige Instrument gereicht. Das ist eben Verstehen ohne Worte und große Erfahrung, die dahinter steht.
Was sind die größten Herausforderungen?
Menschlichkeit, Zeitdruck, Professionalität – alles hat den gleichen Raum. Für mich kann es die dritte OP am Tag sein, aber für den Patienten ist es seine OP.
Vor einer schwierigen Operation - sind Sie noch aufgeregt oder professionell cool?
Also richtig cool möchte ich eigentlich gar nicht werden. Ich denke, das, was wir machen, erfordert immer einen gewissen Respekt. Die Erfahrung gibt einem die Möglichkeit, eben ruhig und besonnen zu handeln, auch wenn es brennt.
Wenn Ihr Herz sprechen könnte, würde es sich eher über die Technik, das Team oder das Timing beschweren?
Wenn mein Herz sprechen würde, würde es sagen, Ihr macht euch viel zu viel Gedanken um die ganze Technik. Die Menschen und das Timing sind das Allerwichtigste. Und dann würde ich als Herzchirurgin ergänzen: aber ein bisschen Technik brauchen wir doch.
Interview: Anke Geyer
Audio- und Videopodcast zum Thema Herzerkrankungen
Den gesamten Podcast zu diesem Thema finden Sie auf www.zentralklinik.de/freche-fragen-chefaerzte/#c59527. Die Podcast- und Veranstaltungsreihe „Freche Fragen an Chefärzte“ widmet sich seit vielen Jahren auf unkonventionelle Weise verschiedenen Gesundheitsthemen. Sie finden alle Videos und vieles mehr auf diesen Seiten.


