Wenn das Flugzeug an diesem Mittwoch in Richtung Finnland abhebt, wird es für die deutschen Biathleten und Vanessa Voigt ernst. Am kommenden Wochenende steht in den Wäldern von Kontiolahti der Auftakt in den Weltcup-Winter an. Vanessa Voigt blickt voller Vorfreude auf die ersten Rennen, lächelt und sagt: „Es ist schön, dass es mit den Staffeln losgeht und wir den Druck ein bisschen aufs ganze Team verteilen können.“ Vor allem ihr kommt dieser „softe“ Einstieg entgegen.

Im Sommer hatte die Oberhoferin dem permanenten Leistungsdruck Tribut zollen müssen. Ende Juli gewährte sie in einem Instagram-Post Einblick in ihr Seelenleben, schrieb von einem „mental breakdown“ und einer anderthalbmonatigen Auszeit „zum Selbstschutz“. Das jahrelange Sportler-Leben am Limit, die Hatz von einem Ziel zum nächsten, der eigene Drang, alles perfekt machen zu wollen, hatten sie psychisch und physisch an ihre Grenzen gebracht.

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Laufzeiten und Schießergebnisse von Vanessa Voigt wurden immer schlechter

„Es gab Tage“, verrät Vanessa Voigt, „an denen ich im Bett lag und nicht aufstehen konnte. Mein Körper fühlte sich so erschöpft an, als hätte ich fünf Tage extremes Krafttraining hinter mir.“ Trotzdem zwang sie sich zum Training, weil weder der Vorbereitungsplan noch ihr Gewissen Pausen erlaubten. Als ihr jedoch die Einheiten immer schwerer fielen, Laufzeiten und sogar Schießergebnisse schlechter wurden, zog sie die Reißleine.

Für eine, die immer funktionierte, die Selbstdisziplin wie kaum eine andere vorlebte, ein enorm schwerer Schritt. Aber vielleicht auch der größte Sieg in ihrer bisherigen Karriere. „Mein Mentaltrainer hat mich damals beglückwünscht. Ich wusste erst gar nicht, warum. Bis er mir sagte, es sei ein sehr großer Erfolg, meine Situation selbst erkannt zu haben.“ Diese anschließend mit der Öffentlichkeit zu teilen, obwohl sie sich damit auch angreifbar machte, stand für die 27-Jährige außer Frage: „Ich bin ein direkter und ehrlicher Mensch, mag kein Versteckspiel. Das Thema ‚mentale Gesundheit‘ ist zu wichtig, um es geheim zu halten.“

Malen und stricken statt laufen und schießen

Sie sei sich beim Veröffentlichen ihres Posts im Klaren darüber gewesen, dass es in den sozialen Medien auch Gegenwind geben könnte. In der Vergangenheit sah sich die (selbst-)kritische Athletin nicht selten negativen Kommentaren ausgesetzt. Doch diesmal blieben Beleidigungen aus, das Feedback war nahezu durchweg positiv. Und im Nachhinein, gesteht Vanessa Voigt, „hätte ich damit vielleicht sogar noch früher herausgehen sollen“.

Es folgten mehrere Wochen, in denen sie Waffe und Skiroller beiseitelegte – und sich Dingen widmete, die nichts mit dem Sport zu tun haben. Sie lebte ihre künstlerische Ader aus, begann zu malen und strickte Socken für den Winter. Sie räumte ihre Wohnung nicht nur einmal, sondern bestimmt fünfmal um. Und dann gab es Tage, an denen sie „nicht die Sportlerin Vanessa war, sondern einfach mal die Tochter, die Schwester oder die Freundin.“ Langweilig wurde ihr jedenfalls nie.

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Vorfreude auf die Saison mit jungem Frauenteam

Stattdessen half das Abschalten, den Kopf freizukriegen und das Feuer für den Biathlon neu zu entfachen. Als irgendwann das surrende Geräusch der Skiroller auf dem Oberhofer Asphalt durch ihr offenes Fenster drang, spürte Vanessa Voigt Lust in sich aufsteigen. „Da begann es wieder zu kribbeln“, erzählt sie schmunzelnd. Mittlerweile ist der eigene Fokus geschärft und die Freude auf das nächste Abenteuer mit der jungen Frauenmannschaft groß.

Die Gesamtweltcup-Achte, und damit beste deutsche Biathletin des vergangenen Winters, wirkt nicht weniger ehrgeizig, aber durchaus gelassener, wenn sie über Neuerungen und Ziele für die anstehende Saison spricht. Die Diskussion um die Umstrukturierung der Starterfelder in Sprint und Einzel – die Top 15 dürfen künftig erst in der dritten Gruppe starten – hat die Thüringerin zwar mitbekommen und findet die Änderung nicht zielführend. Sie sagt aber auch: „Im Sommer hatte ich ganz andere Probleme.“

Gute Erinnerungen an Saisonstarts in Kontiolahti

So hart die damaligen Wochen auch waren: Vanessa Voigt ist froh, dass sie sich die Zeit für sich genommen hat. Der Spaß am Sport ist zurück. Am Wochenende will sie mit einem Lächeln an der Startlinie stehen und die ersten Wettkämpfe genießen. Die Erinnerung an Kontiolahti könnten zusätzlich helfen. Vor zwei Jahren, als die Saison letztmals in der „Bärenbucht“ eröffnet wurde, stürmte sie mit einem perfekten Schießen auf Platz vier im Einzel und landete mit der Staffel auf Rang zwei.

Top-Ergebnisse, gegen die sie gewiss nichts einzuwenden hätte; die aber kein Muss sind. Ihren persönlichen Sieg hat Vanessa Voigt bereits im Sommer errungen.

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