Von Schirmen läuft das Wasser, vom Dach schwappt es in breiter Front. Es schüttet. Die Menschen drängen sich unter den schmalen Vorsprung. Sie suchen ein Plätzchen, wo die Böen das Nass nicht bis auf die Haut peitschen. Auf der Tribüne hinter ihnen ist es trocken. Die Welt scheint über Rudisleben unterzugehen, die marode Holzkonstruktion des Stadions aber darf nicht betreten werden.

„In Rumänien würde es wahrscheinlich niemanden interessieren, aber hier führt kein Weg rein“, denkt Jan Massarczyk kurz laut. Der Wolkenbruch ist inzwischen in Regen übergegangen. Ein Mann hat ihm im Fortgehen dankend einen Fünfer zugesteckt, eine Frau klopft ihm auf die Schulter. Der 43-Jährige aus Meerane ist pitschnass; aber happy. So happy, wie einer nur sein kann, der Hunderte Fußballfans mit einem Kreisliga-Kick an einem verregneten Freitagabend glücklich gemacht hat. Viele werden den Guss lange als Genuss in Erinnerung behalten.

Willkommen auf der Manfred-von-Brauchitsch-Kampfbahn. Willkommen unter Stadionsammlern.

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Der Andrang übertrifft alle Erwartungen. An die 1800 Besucher wollen das Spiel sehen. Die Kreisligisten freut es. © FUNKE Foto Services | Sascha Fromm

Gründungsmitglied erlebt Heimstadion ganz anders

Julius Zimmer rollt fort, als sich das Grau über dem Fußballplatz an der Hauptstraße nach Arnstadt in Kübeln leert. „Wenn der Regen kommt, haue ich ab“, kündigt er an. Der ältere Herr im E-Mobil ist Gründungsmitglied der BSG Podjomnik Rudisleben, die 1952 in die BSG Motor Ichtershausen-Rudisleben übergeht. Als Linksaußen hat er im Stadion vor der Haustür bis 1965 viel erlebt. Er spricht von einer tollen Zeit, von großen Kulissen und Duellen gegen Karl-Marx-Stadt und Halle. Er hat sich die Nase gebrochen, inzwischen ein neues Knie. Er erzählt, wie ein Reitturnier 7000 Leute angezogen habe und das Grün danach umgepflügt gewesen sei. Was der 90-Jährige am Freitag sieht, lässt ihn staunen.

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Gründungsmitglied Julius Zimmer lässt es sich nicht entgehen. Der 90-jährige Rudisleber freut sich, dass endlich mal wieder etwas los ist auf der „Kampfbahn“. Bis 1965 hat er selbst dort gespielt. © FUNKE Foto Services | Sascha Fromm

Die Menschen stehen Schlange. Es wird gefrotzelt. Bierflaschen werden fotografiert, ehe die Kasse naht. Groundhopper nennen sich die meisten von ihnen. Alle blicken erwartungsvoll dem Abend entgegen. Die Karte ist für viele allein das Eintrittsgeld wert. Ein Stück Papier, traditionell, stilvoll, einzigartig: „Ein letztes Spiel auf historischem Boden“ – dafür kommen Hunderte teils von weit her.

Keine Mannschaft, kein Bedarf, kein Leben – bis Freitag

Knapp 71 Jahre ist es her, als das nach dem einstigen Silberpfeil-Piloten Manfred von Brauchitsch benannte Stadion eingeweiht worden ist. Das in die Bezirksliga aufgestiegene Heimteam spielt vor 3000 Leuten gegen Erstligist Zwickau (1:3). Es ist Auftakt einer großen Tradition, die in langer Tristesse mündet. Mehrere Tausend Besucher ziehen Duelle gegen Ilmenau, Turbine Erfurt oder Tiefenort an. Sieben Jahre spielt Rudisleben zweitklassig. Doch seit 2005 verfällt das Gelände. Rudisleben fusioniert später mit Arnstadt. Kein Spiel mehr seit 2011, keine Mannschaft, kein Bedarf, kein Leben. Bis Freitag.

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Die Eintrittskarten hat Christian Igel vom SV 09 Arnstadt entworfen. Für viele Groundhopper sind sie allein das Dabeisein wert.© FUNKE Foto Services | Sascha Fromm

„Der Platz ist bespielbar, aber nicht so schön. Werfen Sie keine Kippen herunter“, ruft der Stadionsprecher den Gästen auf der abgekreideten Wiese zu. Wo Arnstadt II und der Weimarer SV später auflaufen sollen, gehen sie umher, machen Fotos. Von allem, von rostigen Torpfosten, Netzen, von der fast unsichtbaren Aschenbahn, vom ramponierten Grün, von jedem Brett der vergitterten Tribüne.

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Selbst das Tor ist beliebtes Fotomotiv. © Sascha Fromm

„So ein schönes altes Häuschen findet sich kaum noch“, schwärmt „Pain“. Der Vierzigjährige möchte wie „Rossi“ (46) bloß seinen Spitznamen sagen. Sie sind Cottbus-Fans – und begeistert. Sie sammeln Stadionbesuche. „Pain“ ist von Feuerland bis zu den Faröern bei etwa 2000 Fußballspielen gewesen. Zwischen Colorado und Yokohama bietet Rudisleben eine einmalige Chance.

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Dankeschön: Jan Massarczyk (vorn links) bekommt ein Erinnerungstrikot vor dem Spiel überreicht. Er hat es erst möglich gemacht und große Unterstützung erhalten. Vor allem auch vom SV 09 Arnstadt. © FUNKE Foto Services | Sascha Fromm

Jan Massarczyk hat sie ermöglicht. Er kommt aus der Szene, betreibt die Social-Media-Kanäle „Lost Ground Hop“. Der Fan und Organisator hat Plätze in Meerane und Riesa für ein einziges Spiel auferstehen lassen. Drei Jahre arbeitet er sich ab, das Rudisleber Juwel aus dem Dornröschenschlaf zu erwecken. Er findet in Marcel Junghanns vom FC Rot-Weiß, Christian Igel, dessen SV 09 – und letztlich in der Stadt große Unterstützung. Zig Stunden verbringen viele Helfer, um das der Natur überlassene Gelände nach der festen Zusage in kurzer Zeit für ein Kreisliga-Spiel herzurichten.

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Die Kampfbahntiger: Der Tierschutzverein hat den heimatlosen Katzen Namen gegeben, die auf der Holztribüne zu Hause sind. „Simba“ und „Tiger“ haben sich während des Spiels verzogen. Die Fans spenden reichlich für den Verein. Einige Hundert Euro kommen zusammen. © FUNKE Foto Services | Sascha Fromm

Der Ruf macht in anderthalb Wochen in der Szene mobil. Von Cottbus kommen sie, von Göppingen, Groundhopper aus Tschechien, Österreich, der Schweiz, ja sogar aus Norwegen sind in der App „Futbology“ eingeloggt, als das erste Tor fällt. Eine Riesenkulisse. An die 1800 Menschen sehen, wie Arnstadts Kapitän Dominik Voigt trifft. „Ein Glück“ scherzt „Rossi“. Ein Null-zu-Null brächte Unglück.

Der Amateurfußball ist ehrlicher. Es menschelt, es macht Spaß.

Chris Jakobs, Groundhopper aus Bad Segeberg

Wie das Ergebnis ausfällt, ist den meisten fast gleich. Chris Jakobs, 39, aus Bad Segeberg schätzt die Gemeinschaft, die Gespräche. Und er mag es dort, wo kein „normaler Tourist“ hinkäme. Der Profifußball hätte ihn verloren, als dieser während der Coronazeit in leeren Stadien spielt. „Als wäre der Fan austauschbar“, sagt er. „Der Amateurfußball ist ehrlicher. Es menschelt, es macht Spaß.“

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Der Guss überrascht die Zuschauer. Die Spieler des Weimarer SV können sich in der Pause im Bus zurückziehen. Darin haben sie sich umgezogen.© FUNKE Foto Services | Sascha Fromm

Der scheint vor der Halbzeit langsam zu vergehen. Es beginnt zu gießen. Die Hälfte der Besucher ist geflüchtet, als ein „Platzfehler“ zum 2:0 verhilft. Die 50 Tonnen aufgebrachte Erde sind Schmierseife, aber die Teams hart im Nehmen. Wie die Groundhopper. Vor dem Abpfiff zu gehen verstößt gegen die Stadionsammler-Ehre. Auch wenn die Tribüne aus bautechnischen Gründen tabu bleibt, harren sie aus. Sie sehen ein 5:0, ehe die Helfer Müll einsammeln.

Dann wird es still über der Kampfbahn. Das Spiel ist aus. Das erste seit Jahren wird wohl das letzte bleiben. Eigentlich schade.

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Wieder ist Weimars Keeper geschlagen. Arnstadts Zweite feiert.© FUNKE Foto Services | Sascha Fromm
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Der Platz ist wie Schmierseife geworden. Die Schuhe des Weimarer Keepers sind ein Kilo schwerer.© FUNKE Foto Services | Sascha Fromm
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Für Arnstadt heißt es am Ende 5:0. Torschütze Johannes Ruschke (Arnstadt II) erzielt den Endstand und springt zu den Fans.© FUNKE Foto Services | Sascha Fromm