Mit dem Gewinn der Goldmedaille bei den World Games im chinesischen Chengdu feierte Mia Bitsch den größten Erfolg ihrer bisherigen Karriere. Wir sprachen mit der 21-jährigen Karatekämpferin von Bushido Waltershausen über das unvergessliche Erlebnis.
Hat die Goldmedaille schon einen Ehrenplatz erhalten?
Selbstverständlich. Ich habe daheim ein kleines Medaillenregal, da steht sie jetzt in der Mitte in der Pakethülle und mit allem Drum und Dran. Sie ist im Vergleich zu den anderen Medaillen noch ein Stück mehr wert.
„Es hat Tage gebraucht, bis ich wieder Ruhe hatte“
Und hat sich Ihr Smartphone wieder etwas beruhigt?
Ja, jetzt endlich (lacht). Das war schon krass. Es sind tauende Nachrichten eingetroffen, überfüllt von Glückwünschen und Verlinkungen. Es hat zwei Tage gebraucht, bis ich wieder etwas Ruhe am Telefon hatte.
Siegerin der World Games – haben Sie den Triumpf mittlerweile realisiert?
Tatsächlich ist mir das in China gut gelungen aufgrund des Gefühls, mit den Athleten in einem Dorf zu sein. Da kam jeden Tag ein anderer Sportler mit einer Medaille um den Hals zurück. Als ich in Deutschland groß empfangen wurde und danach der Alltag wieder startete, vergisst man schnell, was man geleistet hat.

Zumal Sie in der Gruppenphase fast schon ausgeschieden wären. Wie haben Sie die Zeit rund um den Einspruch samt Videobeweis erlebt?
Der ganze Wettkampf war ein Auf und Ab der Gefühle. Schon im ersten Kampf gegen die Chinesin lief alles anders als geplant. Eigentlich dachten wir, gegen sie muss jeder gewinnen. Dann die Niederlage und der Druck, fokussiert und positiv zu bleiben. Nach dem Erfolg gegen die Kanadierin war der Kampf gegen die Japanerin entscheidend. Sie war die vermeintlich Stärkste unserer Gruppe, ich habe gegen sie schon öfter verloren und war erst so richtig enttäuscht, weil ich einen guten Kampf hingelegt hatte und dennoch verlor. Dann der Protest und das Wissen, dass der Kampf ab der Mitte nochmal wiederholt wird. Das war alles unwirklich. Ich bin in der Halle hin- und hergetigert. Man darf ja hoffen, aber nicht davon ausgehen, dass der Kampf wiederholt wird, und muss bei sich bleiben. Als er dann wiederholt wurde, war es, als hätte ich nochmal einen Schritt in meiner Leistung gemacht. Von da an wurde es besser mit der Krönung am Ende.
Lassen Sie uns den Finalkampf Revue passieren – wann war Ihnen klar, dass der Sieg nicht mehr zu nehmen ist?
Im Nachhinein ab Sekunde zwei. Wenn du dir zutraust, eine Fußtechnik anzusetzen, um die Gegnerin zu beeindrucken. Man hat in ihrem Gesicht gesehen, dass sie damit nicht gerechnet hat. Wir wussten beide, dass es super viel Risiko ist, wenn man als erstes startet. Ich habe gegen sie mein Herz in die Hand genommen und wurde belohnt. Aber selbst nach der Führung konnte man nie ganz sicher sein.
Irgendwann kam das Lied und wir haben nur gelacht.
Mia Bitsch, über die Entstehung der Aussage: „Bleib stabil“
Gut hörbar waren die Worte Ihres Bruders Noah, der „bleib stabil“ rief. Was hat es damit auf sich?
Das ist dem Lied „Deutschland isch stabil“ von Teddy Teclebrhan (deutscher Komiker/d. Red.) entnommen. Bei der Vorbereitung in Hongkong wollten wir während des Trainings gute Laune haben. Irgendwann kam das Lied und wir haben nur gelacht. So wurde es unser Spruch und hat sich im Wettkampf durchgezogen.
Die letzte Sekunde lief ab, man sieht einen neckischen Blick. Was folgte, war Ektase. Wussten Sie, wohin mit den Gefühlen?
Ich habe in diesem Moment so viel empfunden und wusste gar nicht mehr, was ich machen sollte. Ich habe dann einfach getanzt. Da kam alles raus, die pure Freude.

Welchen Anteil hat Noah am Sieg?
Den größten Anteil von allen in meinem Leben. Allein der Protest, den er einwarf. Ich wäre gar nicht auf die Idee gekommen, hätte er das nicht getan. Dann wäre ich als Dritte rausgegangen und hätte in der Ecke geweint. Meine gesamte Karriere verdanke ich ihm, genauso wie meinem Vater Klaus und meiner Schwester Jana, die vorher bis 55 Kilogramm auf der Matte gestanden hat. Sie steht mir immer wieder mit Rat und Tat zur Seite. Und meine Mutter Bianca hält den ganzen Laden zusammen (lacht).
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Noah und Jana gewannen einst Silber – darf man da jetzt ab und zu eine kleine Spitze loslassen?
Meine Geschwister erlauben sich gerne Scherze. Sie haben es bei den World Games und bei der EM immer probiert und sind im Einzel Vize geworden. Ich selbst werde dennoch nie besser sein können als sie, so viele Medaillen, wie sie abgeräumt haben.
Olympia bleibt wahrscheinlich ein Traum
Mit 21 Jahren haben Sie gefühlt alles erreicht – da fehlt nur noch der Weltmeistertitel…
Und der European Games Titel, also der Titel der besten Europäerin in den nichtolympischen Sportarten. Die nächsten Games finden in zwei Jahren statt. Der WM-Titel wäre der größere Titel, der noch fehlt. Wir haben ja dieses Jahr noch eine WM, mal schauen, was drin ist. Liebend gern würde ich auch Olympiasiegerin werden, aber das bleibt wahrscheinlich nur ein Traum.
Noch sind Sie jung und man weiß nie, ob Karate wieder olympisch wird. Wie groß ist die Hoffnung?
Nach den World Games habe ich diesen Traum. Sie waren so ein tolles Erlebnis, ich kann mir kaum vorstellen, dass es noch besser geht. Aber bei Olympia dabei zu sein, ist der Traum eines jeden Sportlers. Ich hoffe unheimlich sehr, dass wir olympisch werden. Aber weil wir nicht die mediale Präsenz haben, wird es wohl nicht passieren. In anderen Ländern ist Karate präsenter. In den Ländern, in denen Olympia ausgetragen wird, aber eher nicht.

Lassen Sie jetzt erst einmal Luft an das Erlebte oder geht es sofort mit Wettkämpfen weiter?
Karatespezifisch habe ich jetzt erstmal Luft und nutze das, um Zeit mit der Familie zu verbringen. Dann geht es mit der Bundeswehr zur Weiterbildung. Im September beginnt dann die Vorbereitung auf die WM. So viel Freizeit ist also gar nicht vorhanden.



