Der Tourteufel darf nicht fehlen, wenn die Radsportelite an den Start geht. Bei der Tour de France im Jahr 1993 trug Dieter Senft erstmals sein rotes Teufelskostüm, mit dem er in den Folgejahren nicht nur in Deutschland, sondern unter Radsportfans in aller Welt bekannt wurde. Mit seinem Plastik-Dreizack fuchtelt er bei den Rennen umher und feuert die Profis auf den Rennrädern an. Der Tourteufel ist Kult und auch auf der Zeche Zollverein in Essen standen die Radsportfans am Mittwochnachmittag Schlange, um ein Foto mit dem 73-Jährigen zu machen.
Der Edelfan war da, im Hintergrund standen die riesigen Busse der Profiteams, große Namen der Szene gingen auf die Strecke: Die nun beginnende Deutschland Tour mag kürzer, generell kleiner dimensioniert und weniger kräftezehrend sein als die legendäre Frankreich-Rundfahrt. Aber in Essen zeigte sich, dass auch die kleine Tour durch die Bundesrepublik ihren Reiz hat: So nah kommen die Fans ihren Idolen sonst nie.
Deutschland Tour 2025 in Essen: „Tut dem deutschen Radsport richtig gut“
Vor dem Bus des Teams Team Red Bull-Bora-hansgrohe drängten sich die Menschenmassen, als sich Florian Lipowitz aufwärmte. Der 24-Jährige ist Deutschlands derzeitiger Topstar unter den Radprofis, vor wenigen Wochen schloss er die Tour de France als Gesamt-Dritter und als Träger des Weißen Trikots des besten Jungprofis ab – nach 19 Jahren stand wieder ein Deutscher auf dem Podium des legendären Rennens. Deutschlands Radsportfans feierten den neuen Helden, die TV-Quoten erinnerten an längst vergessen geglaubte Zeiten. „Er tut dem deutschen Radsport richtig gut. Hoffentlich kann er seine Form halten und so weitermachen“, sagte Tourteufel Senft vor dem Start.
Der Tourdritte rollte schließlich als Vorletzter auf die Strecke quer durch das Weltkulturerbe. Über ihm dröhnte der Hubschrauber des TV-Senders ZDF, an den Seiten klatschten und pfiffen die Zuschauer. Drei, zwei, eins – Start.
Deutschland Tour 2025 in Essen: Zu flach und zu kurz
Die Strecke des Prologs war mit ihren 3,1 Kilometern kurz, aber flach und technisch anspruchsvoll mit scharfen Kurven. Ein Kurs für echte Sprinter. Lipowitz benötigte 3,40 Minuten und beendete den Auftakt als 36. von 106 Startern. Eine Enttäuschung? Nein, auch wenn der junge Schwabe das Zugpferd ist und die Deutschland Tour mit seinem Start enorm aufwertet, zählt er nicht zu den Favoriten, wenn es in den kommenden Tagen bis Sonntag über insgesamt 741 Kilometer vom Ruhrpott quer durch das Land nach Magdeburg geht. Zwar gibt es einige kurze, knackige Anstiege im Teutoburger Wald und auch danach. Berge kann man diese aber kaum nennen. Lipowitz aber ist ein echter Kletterspezialist, seine besten Leistungen während der Tour zeigte er in den Alpen und Pyrenäen. Am Ende ist die Deutschland-Rundfahrt für ihn schlichtweg zu flach und zu kurz.
Die neue deutsche Radsporthoffnung sieht sich eher in der Helferrolle – und will den Auftritt in der Heimat nach seinem Frankreich-Husarenritt genießen. Tobender Applaus, als er ins Ziel schoss und außer Atem attestierte: „Drei Kilometer sind nicht so mein Ding, nach dem Urlaub muss ich erst mal wieder reinkommen“. An der Strecke hatten sie ihm zugejubelt und Plakate geschwenkt. „Ich habe es trotzdem genossen, es waren so viele Fans da. Richtig cool, in Deutschland wieder ein Rennen zu fahren.“
Deutschland Tour 2025 in Essen: Geraint Thomas vor dem Karriere-Ende
Tausende waren auf das Areal gekommen, nicht wenige, um Lipowitz live zu sehen. Aber auch, um Kaden Groves, Wout van Aert und Jonathan Milan zu bestaunen - drei Etappensieger der diesjährigen Tour de France. Oder um Ex-Tour-Champion Geraint Thomas vor dem Karriere-Ende noch einmal zu erleben. Am Ende sahen sie den Sieg des Norwegers Sören Waerenskjold vor dem Briten Samuel Watson und dem Österreicher Marco Haller.
An diesem Donnerstag geht es weiter, die erste Etappe führt das Peloton von Essen nach Herford, es geht durch Gladbeck und Gelsenkirchen und von dort raus aus dem Ruhrgebiet. „Schade“, sagt die deutsche Radsportlegende Erik Zabel. Der 55-Jährige sah dem Rennen im Startbereich zu, begrüßte Tourteufel Didi Senft mit einer Umarmung und warf einen Blick auf den Förderturm des einstigen Steinkohlebergwerks. „Dieser Auftakt hat einfach ins Ruhrgebiet gepasst. Tradition trifft Moderne – ich mag Orte wie diese.“


