Tokio, 30 Grad, 90 Prozent Luftfeuchtigkeit. Willkommen in der WM-„Hölle“. Geher Jonathan Hilbert ist am Mittwochabend gelandet im Ort der Leichtathletik-WM, wo er am Samstagmorgen seinen Wettkampf über 35 km bestreitet. Vor vier Jahren hatte der Mühlhäuser von der LG Ohra Energie bei Olympia in Japan mit der Silbermedaille einen sensationellen Erfolg gefeiert.
Jonathan Hilbert seit zwei Jahren an Depression erkrankt
Nun ist er wieder da. „Das ist verrückt und schön. Tokio war nicht geplant. Es ist die Kirsche auf der Torte“, sagt der 30 Jahre alte Sportpolizist, der nach einer Depression vor zwei Jahren vor dem Karriereende stand. Vor ein paar Wochen machte er seine Krankheit öffentlich. „Man sollte offen damit umgehen. Es ist eine Krankheit, wie jede andere. Nur Leistungssportler erkennen sie viel später“, erzählt Hilbert.
Die Abschaffung der 50-km-Distanz nach dem Olympia-Triumph war der erste schwere Schlag für den Geher mit dem langen Atem. Hilbert musste nach seinem Silber-Coup in Sapporo gleich für die WM 2022 in Eugene (USA) passen. Eine Corona-Erkrankung im Vorfeld hatte ihn aus dem Tritt gebracht. Er kämpfte sich dann aber doch noch in eine passable Form. Bei der Heim-EM in München belegte Hilbert über 35 km den fünften Platz und feierte mit Vizeeuropameister Christopher Linke.
Anschließend fiel der Thüringer in ein Loch, wurde 2024 sogar aus dem Kader gestrichen. „Drei Jahre gab es keinen Fortschritt“, sagte Hilbert, der inzwischen an sich zweifelte. Mit großer Energie sicherte er zumindest den deutschen Mixed-Platz für Olympia mit Saskia Feige. In Paris war Hilbert dann „nur“ Ersatzmann.

Mittlerweile hat Hilbert sein Leben umgekrempelt. Er zog zu seiner Freundin Anna nach Leipzig. Das Pendeln nach Erfurt fällt weg. Mit Daniel Fleckenstein fand er einen neuen Coach und stellte seine Trainingsinhalte komplett neu auf.
In Tokio packt Hilbert kurz vor halb elf den Koffer aus. Die Geher sind vom Pre-Camp im ruhigen Myazaki direkt am Meer angereist. Das riesige WM-Hotel, wo alle Teilnehmer untergebracht sind, ist eher ein Kulturschock. „3500 Zimmer, 1500 Plätze im Essensaal“, berichtet Hilbert aus seinem für Tokio großzügigen Zimmer.
Hitzetraining im Maleranzug auf dem Ergometer
Auf die Temperaturen haben sich die deutschen Sportler im Höhentrainingslager in St. Moritz vorbereitet. „Auf dem Ergometer in einer Art Maleranzug. Doch unser Hitzetraining war Kindergarten gegenüber dem, was uns in Japan erwartet“, sagt Hilbert. Auf den 35 Kilometern durch Japans Mega-Metropole steht ein Ausscheidungsrennen bevor. „Da darf man nicht überpacen und nervös werden, wenn man nach einer Stunde oder 75 Minuten nicht unter den Top 20 liegt“, denkt Hilbert, der mit den Potsdamern Christopher Linke und Johannes Frenzel an den Start geht.
„Ich bin kein Traumtänzer. Ein Platz unter den besten 20 der Welt ist mein Ziel. Vorn werden sie abartig schnell gehen. So weit bin ich noch nicht wieder, um da mitzuhalten“, sagt der Thüringer, der in der Weltspitze mit Blick auf Olympia 2028 in Los Angeles erst wieder Fuß fassen will.
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Die Abstände zwischen seinen Therapie-Sitzungen sind übrigens größer geworden. In Tokio hat das Nationalteam einen Psychologen dabei. Jonathan Hilbert geht es seit acht Monaten sehr gut. Er schaut auf den silbernen Armreif, ein Geschenk seiner Freundin Anna. Sie war schon vor Olympia vor vier Jahren Hilberts großer Rückhalt.




