Wenn am 6. Februar 2026 in Mailand und Cortina das olympische Feuer entzündet wird, gehen 18 Athletinnen und Athleten aus Thüringen an den Start. Sie sind dabei, weil sie jahrelang trainiert, verzichtet, gekämpft haben. Und weil im Hintergrund ein Arzt arbeitet, der dranbleibt, wenn es schwierig wird: Dr. Gerald Lutz aus Erfurt.

Vertrauensarzt der Sportler: DESG-Mediziner ist immer erreichbar

Der 58-Jährige ist leitender Verbandsarzt der Deutschen Eisschnelllauf- und Shorttrack-Gemeinschaft (DESG) und gehört bei den Spielen zum medizinischen Stab des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB). Für den Thüringer Spitzensport ist er jedoch mehr als das. Er ist erreichbar, immer! Einer, der ans Telefon geht, wenn andere längst nicht mehr erreichbar sind. Warum Sportler ihm vertrauen, zeigt die Geschichte von Rodler Max Langenhan. Der sechsmalige Weltmeister ist einer, der weiß, wie sich Siege anfühlen und wie nah Niederlagen manchmal sind.

SOTSCHI  2014 - OLYMPISCHE WINTERSPIELE
2014 in Sotschi: Eisschnellläuferin Stephanie Beckert und Mannschaftsarzt Dr. Gerald Lutz im Mannschaftsquartier der deutschen Olympiamannschaft im Coastal Village.© TA | Sascha Fromm

Wir gehen dafür zurück in den Winter 2024. Nach dem ersten Weltcup in Oberhof Mitte Dezember reiste die Nationalmannschaft noch vor Weihnachten zu Trainingsläufen ins sächsische Altenberg. Am zweiten Trainingstag verletzte sich der Thüringer am Fuß. Er fuhr weiter. Auch dann noch, als der Fuß blau anlief. Erst nach dem letzten Lauf an einem Sonntag im Dezember ist Schluss. „Es war 16 Uhr, die letzten Testläufe waren absolviert und ich konnte kaum noch auftreten“, erinnerte sich der 26-Jährige. „Ich habe Gerald Lutz angerufen und er war sofort erreichbar. Ich habe die Situation nur kurz geschildert und er hat gesagt, ich soll auf schnellstem Weg nach Erfurt in seine Praxis kommen.“ Gegen 19 Uhr an diesem vierten Advent stand Max in der Praxis im Erfurter Süden. Wenige Minuten später war klar, was passiert war: eine Fraktur im Fuß und das zwei Tage vor Weihnachten. Der Abflug am 28. Dezember zum nächsten Weltcup im lettischen Sigulda rückte näher.

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Weltcup-Triumph trotz Verletzung: Arzt und Athlet kämpfen gemeinsam

Was folgte, war ein Wettlauf gegen die Zeit: Untersuchungen, Behandlungen, Anpassungen. Draußen wurde es still, die Tage wurden kürzer, die meisten Praxen schlossen für die Feiertage. In der Erfurter Praxis von Dr. Lutz aber brannte Licht. Immer wieder Rückmeldungen, immer wieder neue Entscheidungen und immer wieder die Frage, wie weit man gehen kann, ohne zu viel zu riskieren. „Ohne Gerald Lutz wäre eine so schnelle Diagnose und ein Fahrplan, wie es für mich weitergehen soll, nicht möglich gewesen“, sagte der Friedrichrodaer. „Er hat sofort alles organisiert und mit mir einen Plan erarbeitet, wie ich bis zu den Weltmeisterschaften Anfang Februar wieder fit werde. Das hat mir Sicherheit gegeben.“

Dr Gerald Lutz
Dr. Gerald Lutz checkt Eisschnellläufer Finn Sonnekalb nochmals durch.© Sebastian Lenk | Sebastian Lenk

In den nächsten drei Weltcuprennen stand der sechsmalige Weltmeister trotz gebrochenen Fußes jedes Mal auf dem Podest. Dazwischen Kontrolltermine in der Praxis. Immer wieder prüfen, ob die Belastbarkeit stimmt. Der Blick ging nach vorn. Am 25. Januar war Heimweltcup in Oberhof. „Wir hatten in diesen Tagen häufig Kontakt“, sagte der Olympiastarter. „Gerald wollte immer wissen, wie es sich unter Belastung anfühlt. Für mich war das extrem wichtig, da mir Gerald mit seinem medizinischen Know-how die Sicherheit gegeben hat, dass ich weiter ohne Sorgen rodeln kann.“

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Am 25. Januar, gut vier Wochen nach dem Trainingsunfall, kam alles zusammen. Max Langenhan gewann zum ersten Mal auf seiner Heimbahn in Oberhof den Weltcup. Gerald Lutz stand auf der Tribüne, zwischen Familie und Freunden. Regen fiel, die Hymne erklang und in diesem Moment wurden auch seine Augen feucht. Später darauf angesprochen, versuchte Gerald Lutz dies wegzulächeln. Doch genau diese Situation machte deutlich, wie nah der Mediziner an den Erfolgen der Sportler ist. Wie sehr er mitgeht. Und wie viel von seinem Herzen im Leistungssport steckt. „Für mich war es das Schönste, dass er vor Ort war und mit mir diesen Moment erleben konnte“, sagte Langenhan. „Eigentlich hätte er die Goldmedaille verdient.“

Dr. Gerald Lutz vor neun Jahren in seiner Praxis mit Basketballer Niklas Wimberg des damaligen Erstligisten Oettinger Rocktes aus Gotha.
Dr. Gerald Lutz vor neun Jahren in seiner Praxis mit Basketballer Niklas Wimberg des damaligen Erstligisten Oettinger Rocktes aus Gotha.© Marko Deicke

Finn Sonnekalb, der deutsche Eisschnelllauf-Shootingstar, kennt diesen Rückhalt ebenso. „Dass ich bei Olympia an den Start gehen kann, ist nicht zuletzt auch dank Gerald Lutz und meinem Physio Torsten Rocktäschel möglich“, sagt der 18-Jährige. „Egal wann ich in den vergangenen Jahren ein medizinisches Problem hatte, sie waren da. Ob montags am Morgen vor dem Training, Samstagabend oder auch am Sonntag, sie waren und sind immer für mich da. Mit diesen Leuten zu arbeiten, macht Erfolge erst möglich. Ich vertraue Gerald und Torsten zu 100 Prozent.“

Olympia-Arzt Lutz betreut erneut deutsche Top-Athleten in Mailand

Auch bei den Wettkämpfen in Italien wird Sonnekalb im Notfall auf den Erfurter Arzt zurückgreifen können. „Ich bin froh, dass Gerald bei Olympia dabei ist. Das gibt mir schon ein gutes Gefühl und macht mich sicherer“, verdeutlicht er. Für Lutz sind es bereits die vierten Olympischen Spiele nach Vancouver 2010, Sotschi 2014 und Peking 2022. Diesmal arbeitet er am Standort Mailand für das deutsche Olympiateam.

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Der gebürtige Wertheimer studierte Medizin in Würzburg, arbeitete am Waldkrankenhaus Berlin und kam 1996 nach Erfurt. Seit 2003 betreut er die Sportler des Thüringer Olympiastützpunktes in Erfurt und Oberhof. Als Mannschaftsarzt der Erfurter Basketball-Löwen und der Volleyball-Bundesligamannschaft des VfB Suhl ist er eine feste Größe im Spitzensport des Freistaats.

Und doch bleibt er zurückhaltend. „Die Sportler erringen die Erfolge“, sagt Lutz. „Sie brauchen ein Umfeld, das ihnen das ermöglicht. Die Medizin ist dabei nur ein Teil. Erfolge entstehen im Team. Und auch Niederlagen lassen sich nur gemeinsam verarbeiten.“ Auf die Frage, wie viele Olympiasieger er in seiner Praxis behandelt hat, antwortet der Arzt dann doch leise, aber nicht ohne Stolz, mit einer bemerkenswerten Zahl: „Wir haben vor Kurzem gezählt. Es waren 80.“ Eine Zahl, die nach den Spielen von Mailand und Cortina sehr wahrscheinlich steigen wird.

*Sebastian Lenk ist als Medien-Promoter für den Thüringer Bob- und Schlittenverband tätig.