Das IOC kennt kein Erbarmen. Auch am dritten Wettkampftag der Biathleten hatte der bekannteste Einwohner von Antholz Stubenarrest. „Bumsi“, der knuffige Braunbär, der sonst durch die Südtirol-Arena hüpft, die Zuschauer zum Klatschen animiert und mit den Sportlern für Fotos posiert, darf sein Wohnzimmer derzeit nicht betreten. Während der Olympischen Spiele herrscht dort Sperrzone. Und, das wird ihn besonders schmerzen, die Hermeline Tina und Milo haben stattdessen das Zepter übernommen. Die Olympia-Maskottchen grüßen aus der Arena und werden als kleine Exemplare an alle Medaillengewinner überreicht. Vanessa Voigt ging leer aus – wieder einmal.
13 Sekunden fehlen Vanessa Voigt zu Bronze
Wie schon bei den Olympischen Spielen 2022 in China beendete sie das 15-km-Einzelrennen auf dem undankbaren vierten Platz. Fehlten ihr im bitterkalten Zhangjiakou damals 1,3 Sekunden zu Bronze, waren es diesmal 12,9 Sekunden. Der Rückstand ist größer, der Schmerz derselbe. Entsprechend geknickt schaute die Thüringerin im Ziel drein und versuchte, ihre Gedanken zu ordnen. Einerseits rief sie vor knapp 12.000 Zuschauern ihr bestes Ergebnis in diesem Winter ab. Andererseits hätte die 28-Jährige gern auf die erneute „Blechmedaille“ verzichtet.

Eindeutige Geste von Olympiasiegerin Julia Simon
Den Sieg sicherte sich die Französin Julia Simon, die zu Saisonbeginn nach ihrer Verurteilung wegen Kreditkartenbetrugs noch gesperrt war. Im Ziel legte sie demonstrativ den Finger auf den Mund und forderte damit ihre Kritiker zum Schweigen auf. Trotz eines Schießfehlers verwies Simon ihre Landsfrau Lou Jeanmonnot um 53,1 Sekunden auf Platz zwei. Die Silbermedaillengewinnerin hatte zwei Scheiben stehen lassen. Dritte wurde sensationell die Bulgarin Lora Christowa (1:04,5 Minuten zurück), die wie Voigt ohne Patzer blieb.
Im Einzel zählt jeder Fehler doppelt. Statt einer Strafrunde, die etwa in 25 Sekunden absolviert ist, wird für jede nicht getroffene Scheibe gleich eine Strafminute auf die gelaufene Zeit gerechnet. Die guten Schützinnen sind in dieser Disziplin klar im Vorteil. Zu denen gehört zweifellos auch Franziska Preuß. Das zeigte sie mit drei makellosen Schießeinlagen. Zwischenzeitlich lag sie sogar auf Goldkurs. Doch zwei Fehler beim finalen Anschlag ließen ihren Traum von der ersten olympischen Einzelmedaille zerplatzen. Am Ende wurde sie Zehnte.

Franziska Preuß gesteht einsetzendes Kopfkino
Das enttäuschende Ende eines bis dahin nahezu perfekten Rennens bewies: Selbst erfahrene Athletinnen wie Preuß kriegen ihre Gedanken manchmal nicht in den Griff. Vor den letzten fünf Schüssen hätte bei ihr das Kopfkino begonnen, verriet sie. „So ein Einzel ist extrem lang. Da hat man viel Zeit zum Nachdenken. Nach dem ersten Fehler sind die Abläufe wie ein Kartenhaus in sich zusammengefallen. Das ärgert mich sehr.“ Ein sauberes Schießergebnis hätte der Oberbayerin zumindest Silber beschert.
Während Preuß mit dem letzten Anschlag haderte, kämpfte Voigt mit ganz anderen, aber ähnlich bitteren Gefühlen: „Auf der einen Seite bin ich unheimlich stolz auf mich, dass ich bei Olympia meine beste Platzierung ausgepackt habe. Die Saison war ja doch eher so lala. Ich habe es nie geschafft, bei der Flower-Zeremonie dabei zu sein. Auf der anderen Seite bin ich natürlich enttäuscht, dass wieder dieser vierte Platz herauskam.“ Sie könne sich jedoch nichts vorwerfen, habe alles gegeben – und denke sich jetzt einfach die Blumen und die Schokolade, die es im Weltcup für die ersten Sechs gibt.
Bundestrainer spricht über Krisengespräch in Oberhof
Im Gegensatz zu ihrem forschen Auftritt in der Mixed-Staffel, in der sie mit dem deutschen Team am Sonntag Bronze gewonnen hatte, ließ Voigt viel Zeit auf der Schießmatte liegen. 73 Konkurrentinnen absolvierten ihre vier Schießserien schneller. Die Bulgarin Christowa benötigte beispielsweise 27 Sekunden weniger. Wie Bundestrainer Kristian Mehringer verriet, gab es beim Weltcup in Oberhof Anfang Januar wegen ihrer langsamen Schießzeiten ein Krisengespräch mit Voigt – ein härteres Gespräch, wie er sagt. Dabei seien auch Tränen geflossen.
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Doch am Mittwoch verteidigte die Oberhoferin ihre Taktik mit den besonderen Erfordernissen des Rennens: „Im Einzel zählt einfach jeder Treffer. Ich wollte mir da nichts vorwerfen und sauber die Null schießen. Ich habe sogar noch mal vor dem letzten Schuss abgesetzt, um wirklich auf Nummer sicher zu gehen. Leider hat es nicht gereicht.“
Noch haben Voigt und Preuß drei Chancen, eine Einzelmedaille zu erringen. Die erste bietet sich im 7,5-km-Sprint am Samstag (14.45 Uhr). Tags zuvor sind die Männer im 10-km-Sprint gefordert (14 Uhr). Auch dann wird „Bumsi“ nur aus der Ferne zuschauen dürfen.




