Die Feierlichkeiten im Deutschen Haus haben ihre Spuren hinterlassen. Seine Stimme klingt am Montagvormittag noch etwas heiser. Christopher Grotheer sieht müde aus. „Fünf Uhr morgens war ich im Bett“, verrät er und spricht von einer „ordentlichen Party“ nach dem Mixed-Team-Wettbewerb am Sonntagabend. Für ihn sei es besonders hart gewesen, „nachdem ich im letzten halben Jahr kaum etwas getrunken habe“. Bei der olympischen Premiere der neuen Disziplin hatte der Skeletoni gemeinsam mit seiner langjährigen Weggefährtin Jacqueline Pfeifer die Bronzemedaille gewonnen. Kurz nach der emotionalen Siegerehrung am „Cortina Sliding Centre“ gab er seinen sofortigen Rücktritt bekannt.
Verletzungssorgen und Rückschläge gemeistert
Eine Entscheidung, die nicht überraschend kam. In dieser Saison kämpfte Grotheer mit gesundheitlichen Problemen. Erst brachten ihn Adduktorenprobleme aus dem Tritt, dann sorgte ein Muskelfaserriss in der Wade für eine unfreiwillige Auszeit. Es war lange nicht klar, ob er rechtzeitig für die Olympischen Spiele in Form kommen würde. Doch wie sich der Oberhofer zurückkämpfte und sowohl im Einzel als auch im Team Bronze holte, nötigt selbst Bundestrainer Christian Baude Respekt ab: „Nach seiner Vorgeschichte glänzt Bronze mindestens genauso sehr wie seine Goldmedaille vor vier Jahren.“ 2022 war Grotheer in Yanqing (China) zum Olympiasieg gerast.

Eindeutige Signale des Körpers
Gern hätte Grotheer seiner Kollektion noch ein paar Glanzstücke hinzugefügt. Doch in den vergangenen Monaten häuften sich die Schmerzen. Das Training fiel dem früheren Skispringer aufgrund diverser Blessuren immer schwerer. Auch am Sonntag zwickte es beim Routinier in der Muskulatur. Vor den finalen Läufen musste er zusätzliche Dehn- und Kräftigungsübungen machen. „Mein Körper hat mir immer öfter signalisiert, dass es Zeit wird. Außerdem soll man aufhören, wenn es am schönsten ist“, sagt der gebürtige Sachsen-Anhalter. Mittlerweile lebt er mit Ehefrau Mary-Ann und der dreijährigen Tochter Elsa im Thüringer Wald.
Eine Hundertstelsekunde fehlt zu Silber
Neben den körperlichen Signalen spielte auch ein persönlicher Moment mit seiner Schlittenpartnerin in Cortina eine Rolle. „Ich habe mit ‚Jacka‘ damals angefangen und in all den Jahren so viel erlebt. Gerade mit ihr gemeinsam eine olympische Medaille zu gewinnen, ist wirklich schön. Für mich schließt sich damit ein Kreis“, sagt der 33-Jährige. Dass letztlich nur eine Hundertstelsekunde auf das zweite deutsche Duo Axel Jungk/Susanne Kreher und damit auf Silber fehlte, sei „natürlich sehr ärgerlich“. Er ist jedoch „absolut im Reinen“ mit sich und den beiden Medaillen. Sie vergrößern seine Trophäensammlung im heimischen Wohnzimmer. Zusätzlich zu den drei Olympiamedaillen hat er seit 2019 sieben Weltmeistertitel in Einzel- und Teamwettbewerben gewonnen. Hinzu kamen zehn Weltcup-Erfolge.

Grotheer strebt Karriere bei der Landespolizei an
Nach seiner großen sportlichen Laufbahn richtet Grotheer den Blick nun nach vorn. Ab Dienstag, nach seinem Auszug aus dem Olympischen Dorf, hat er mehr Zeit für seine Familie, und auch beruflich sind die Weichen gestellt. Bei der Thüringer Landespolizei strebt der Leistungssportler eine Ausbildung für den gehobenen Dienst an, die ein dreijähriges Bachelor-Studium umfasst. In Zukunft heißt es demnach: Uniform statt Rennanzug und Schulbank statt Eiskanal. Grotheer ist gespannt: „Ich freue mich auf die neuen Herausforderungen.“



