Natürlich hatte dieser wilde Fußball-Abend noch eine Wendung parat, als Borussia Dortmunds Fans ihre Mannschaft aufforderten, den Bayern die Lederhosen auszuziehen. Und die ging so: Joshua Kimmich schlenzte den Ball mit ganz viel Gefühl aus rund 14 Metern in den Winkel. Der Bundesliga-Klassiker hatte damit mal wieder sein klassisches Ende: Bayern München gewann mit 3:2 (1:1) und hat den BVB damit in der Tabelle auf elf Punkte abgeschüttelt.

Doch dieses Duell hatte nicht den Charakter der vielen Münchener Sieger gegen den größten nationalen Herausforderer der vergangenen 15 Jahre. Dortmund forderte dem Rekordmeister alles ab, schoss einen viel umjubelten Ausgleich in der 83. Minute durch Daniel Svensson und hatte eine vorbildliche Reaktion nach der Champions-League-Schmach bei Atalanta Bergamo gezeigt. Doch die Bayern sind eben die Bayern. Der Spitzenreiter drehte durch einen Doppelpack von Harry Kane (54./71., Strafstoß) die Partie, nachdem Nico Schlotterbeck (26.) den BVB in Führung geköpft hatte.

BVB auf fünf Positionen verändert

Nach dem 1:4-Debakel in Bergamo hatte Kovac seine Mannschaft auf fünf Positionen verändert. Für den gesperrten Julian Ryerson, Bergamo-Pechvogel Ramy Bensebaini, Mittelfeldspieler Felix Nmecha sowie die beiden Offensivstars Julian Brandt und Serhou Guirassy begannen Yan Couto, Nico Schlotterbeck, Marcel Sabitzer, Karim Adeyemi und Fabio Silva.

Im Fokus stand in der ersten Halbzeit vor allem einer der fünf Neuen: Innenverteidiger Schlotterbeck. 21 bisweilen hektischen Minuten waren von beiden Teams gespielt, als der 26-Jährige voll ins Risiko ging. Da spielte Schlotterbeck zwar erst mit den Stollen den Ball, räumte dann aber mit der Sohle Josip Stanisic ab. Schiedsrichter Sven Jablonski zeigte nur Gelb, damit war Schlotterbeck gut bedient – und konnte nur sieben Minuten später die Dortmunder Führung erzielen.

Dortmunds Führungstreffer: Nico Schlotterbeck (links) trifft per Kopf.
Dortmunds Führungstreffer: Nico Schlotterbeck (links) trifft per Kopf.© AFP | Ina Fassbender

Daniel Svensson schlug einen Freistoß in die Mitte, wo sich Schlotterbeck hochschraubte und platziert ins rechte Eck einköpfte. Da konnte sich Manuel-Neuer-Vertreter Jonas Urbig strecken wie er wollte, 1:0 für den BVB. Ausgerechnet Schlotterbeck also, um den sich seit Monaten Abgangsgerüchte drehen, auch ein Wechsel zum Rekordmeister steht im Raum.

Bayern überrascht von der BVB-Führung

Den Bayern, die in den ersten Minuten ohne zu glänzen den Ton angaben, setzte der Gegentreffer merklich zu. Eine gute Gelegenheit hatten sie zwar nach 16 Minuten, als Michael Olise in den Strafraum dribbelte und Torwart Gregor Kobel zu einer Parade zwang. Da spielte die Münchener mal ausnahmsweise einen Angriff zu Ende. Nach dem Rückstand dann wirkte Bayerns Team etwas perplex, auch geschuldet durch eine extrem hohe BVB-Intensität: mit mutigem Pressing, feinen Balleroberungen – also den Attributen, die man in Bergamo im Reisegepäck vergessen hatte. Maximilian Beier hatte nach Doppelpass mit Fabio Silva sogar noch die Chance auf 2:0 zu erhöhen. Einziger Wermutstropfen: die Verletzung von Kapitän Emre Can, der sich zwar noch ein paar Minuten durchkämpfte, aber dann doch unter aufmunterndem Applaus noch vor der Pause raus musste.

Borussia Dortmund v FC Bayern München - Bundesliga
Verletzt: BVB-Kapitän Emre Can.© Getty Images | PAU BARRENA

Die Partie behielt auch in der zweiten Halbzeit den Unterhaltungswert bei. Den Bayern gelang früh der Ausgleich, nachdem sie einen Angriff ausnahmsweise mal zu Ende spielten. Joshua Kimmich lupfte in den Strafraum, Serge Gnabry legte auf Harry Kane ab, der sein 29. Saisontor erzielte (53.). Schon zuvor ging es hin und her: Dayot Upamecano störte Daniel Svensson im letzten Moment, der Franzose verpasste auf der Gegenseite knapp das 1:1, Beier feuerte drüber (54.), Olise auch (57.) und kurz darauf konnte er sich frei im Fünf-Meter-Raum nicht entscheiden, mit welchem Fuß er das Münchener Führungstor schießen wollte.

BVB jubelt über den Ausgleich, dann folgt der Kimmich-Schock

Bayern wollte sich nach einer Stunde jetzt trotzdem die Oberhand erkämpfen, hatte nun 62 Prozent Ballbesitz. Dortmund blieb gefährlich durch Umschaltmomente, aber war hinten nun anfälliger als noch in der ersten Halbzeit. So beschäftigte der Rekordmeister die Gastgeber häufiger im eigenen Sechzehner – mit Folgen. Schlotterbeck ließ das Bein stehen, Olise fiel, Schiedsrichter Jablonski zeigte auf den Punkt (71.). Und auch da ließ sich Kane nicht lange bitten. Kobel hatte zwar die richtige Ecke gefunden, doch der Engländer schoss zu hart, 2:1 für die Bayern. Spiel gedreht.

Doppeltorschütze in Dortmund: Bayern-Star Harry Kane.
Doppeltorschütze in Dortmund: Bayern-Star Harry Kane.© AFP | Ina Fassbender

Der BVB warf nun alles nach vorne. Guirassy, Brandt, Bellingham und Teenager-Talent Samuele Inacio kamen für die Schlussphase. Und dann richteten es diejenigen, die für die Offensive gar nicht zuständig sein. Der starke Sabitzer flankte aus dem Halbfeld, Svensson nahm den Ball volley – der Ausgleich (83.). Dortmunds Stadion war nun ein Tollhaus. Bis Kimmich für die Bayern zurückschlug und das 3:2 schoss.