Jolina Ernst war noch voller Überschwang, als sie in den Katakomben des Wattenscheider Lohrheidestadions Rede und Antwort stand. „Ich glaube, das ist jetzt mein achtes Interview“, sprudelte es aus der 22 Jahre alten Sprinterin heraus. Kurz zuvor war ihr der größte Coup ihrer bisherigen Karriere gelungen: Im Finale über 100 Meter hatte die Nachwuchshoffnung des TV Wattenscheid in ihrem Heimstadion vor versammelter Familie und jubelnden Freunden das perfekte Lokalmatadorinnen-Märchen geschrieben.

Jolina Ernst schlägt namhafte Konkurrenz

Mit persönlicher Bestleistung von 11,26 Sekunden war sie zur Deutschen Meisterschaft gerannt – und hatte dabei namhafte Konkurrenz hinter sich gelassen. Titelverteidigerin und Sprint-Star Gina Lückenkemper, die ihre Nachfolgerin im Ziel herzlich umarmte, belegte hinter der erst 18 Jahre alten Emma Goretzka Platz drei. Die deutsche Jahresbeste Rebekka Haase wurde Vierte. „Vor zwei, drei Jahren hätte ich noch gesagt: Oh, mein Gott: Gina Lückenkemper!“, gab Jolina Ernst zu. „Aber heute verstehen wir uns alle gut, sind Freunde. Ich freue mich mega, mit diesen großen Namen laufen zu können, vor denen ich immer noch großen Respekt habe.“

Leichtathletik - Deutsche Meisterschaft
Herzliche Umarmung von der Titelvorgängerin: Gina Lückenkemper herzt die neue Deutsche Meisterin. © dpa | Hoppe

„Unfassbar“ und „unglaublich“ waren Worte, die aus der Tochter des früheren Sprinter-Paars André Ernst und Melanie Paschke herauspurzelten. „Das muss ich erst einmal sacken lassen. Ich bin selbst am meisten von mir überrascht, weil die letzten Wochen nicht so liefen, wie ich es mir gewünscht hatte.“ Sie habe viel gezweifelt in dieser Saison, nun habe sie sich selbst bewiesen, „dass ich es drauf habe. Jetzt hier als deutsche Meisterin zu stehen und dann noch so krasse Konkurrenz geschlagen zu haben – das macht man nicht alle Tage.“ Nun hofft Jolina Ernst, die von ihrem Vater trainiert wird, auf eine Nominierung für die deutsche Sprintstaffel bei der EM in Birmingham (10. bis 16. August).

Gina Lückenkemper: Nervensystem angegriffen

Gina Lückenkemper will da dann auch wieder in besserer Verfassung antreten. Eine Zecke, die sich an ihrem Hinterkopf festgebissen hatte, hatte die Europameisterin von 2022 seit Ende Juni ausgebremst. Zwei Wochen musste sie mit dem Training pausieren und Antibiotikum nehmen. Mit stockender Stimme und gegen die einschießenden Tränen ankämpfend gestand die 29-Jährige: „Es war echt hart. Das Nervensystem hat so einen Treffer davon genommen.“ Noch immer habe sie Gleichgewichtsschwierigkeiten.

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Kämpfte sich zum Titel: Jolina Ernst (rechts) gegen Gina Lückenkemper.© dpa | Hoppe

Das unter normalen Umständen enttäuschende Ergebnis geriet da in den Hintergrund, Lückenkemper sei „unfassbar froh“, überhaupt auf der Bahn gestanden zu haben. Neidlos erkannte sie an: „Man sieht, dass in Deutschland auch anderswo gut trainiert wird.“ Birmingham sei nun „das große Ziel. Ich bin guter Dinge, da wieder anständig angreifen zu können.“ Vielleicht gemeinsam mit Jolina Ernst.