Wenn ein 2,01-Meter-Zehnkampf-Hüne und ein 2,04 Meter großer Diskusriese sich in die Arme nehmen, dann ist da ganz schön viel verknoteter Mensch. Zu übersehen war diese Glückwunschszene zwischen Leo Neugebauer, Europas König der Athleten, und Henrik Janssen, überraschender Bronze-Gewinner, in der Interviewzone des Alexander Stadiums in Birmingham daher nicht. „Neugebauer hat schon gesagt, er gibt einen aus“, sagte Janssen und lachte. Der 28-Jährige hatte bei den Leichtathletik-Europameisterschaften mit einem Wurf nahe der 70 Meter die erste deutsche EM-Medaille mit Diskus seit Robert Hartings Titel vor zwölf Jahren gefeiert.

Es war ein Triumph im Sog eines heißen Abends im Norden der zweitgrößten Stadt Englands. Vom Diskusring aus hatte Janssen mitbekommen, wie vor ihm erst Gesa Krause Gold und Olivia Gürth Bronze über 3000 Meter Hindernis gewonnen hatten. Dann ließen Neugebauer und Niklas Kaul mit Gold und Silber nach einem Zehnkampfkrimi den zweiten deutschen Doppelschlag folgen. „Das war irgendwie eine Welle, die man mitgeritten ist“, sagte Janssen. Am Ende standen fünf deutsche Medaillen, darunter die ersten zwei goldenen dieser Meisterschaft.
Gesa Krause feiert mit Freund und Tochter
Und natürlich hatte jede Medaille ihre Geschichte. Wie die von Henrik Janssen, der bisher bei Höhepunkten vom Pech verfolgt schien und nun endlich jubelte. Oder die der überglücklich bis ungläubig schauenden Olivia Gürth (24), die nach dem Sturz von der lange führenden Lea Meyer mutig im Schlussspurt zu Bronze rannte.
Natürlich die von Gesa Krause. So sehr hatte die 34-Jährige, die nach unzähligen internationalen Medaillen nichts mehr beweisen muss, dieses dritte EM-Gold gewollt. Für sich, als Beleg ihres Leistungsvermögens. Ihr Blick und wie sie mit weit ausgebreiteten Armen der Konkurrenz enteilt über die Ziellinie stürmte, benötigten keine weiteren Worte. Krause fand sie trotzdem: „Ich bin einfach sehr, sehr stolz, weil ich weiß, dass diese Momente nicht mehr so häufig kommen werden.“ Ihre drei Jahre alte Tochter Lola und ihr Lebensgefährte Robert waren im Stadion dabei. „Das ist natürlich ein ganz besonderer Moment, die beiden in die Arme zu schließen.“
Kaul vs. Neugebauer: Ein Duell für Olympia?
Und dann die Geschichte des großen Zehnkampfs, des Duells zwischen Leo Neugebauer, 26, und Niklas Kaul, 28. Nur 38 Punkte trennten den amtierenden vom 2019er-Weltmeister. „Das war eine coole Bestätigung nach dem WM-Titel in Tokio“, sagte Neugebauer.
Es ist ein Duell, das auch bei Olympia 2028 in Los Angeles eines um die Medaillen werden könnte. Das wiederum liegt an der Geschichte von Niklas Kaul, dem Europameister von 2022, der wieder zu seiner Stärke gefunden hat. Nach seinen großen Erfolgen hatte er sich verrannt. Gemerkt, dass sich was ändern müsse, habe er, „als ich in Paris sehr verkrampft dieser olympischen Medaille hinterhergerannt bin und total auf die Nase geflogen bin“. Er sortierte seine Gedanken, nahm Anpassungen vor. Es funktionierte: 2025 wurde er WM-Vierter, nun EM-Zweiter. „Mit den letzten zwei Jahren bin ich sehr, sehr happy“, sagte er. Auch er muss sich nichts mehr beweisen. „Alles, was jetzt kommt, ist Bonus.“ meme



