Es ist erstaunlich, wie leise 20.000 Menschen sein können. Doch in der Leichtathletik gehört Schweigen zum guten Ton. Wenn sich die schnellsten Männer Europas zum Beispiel für das Finale über 200 Meter bei der EM in Birmingham in die Startblöcke begeben. Volle Konzentration. Auf die Plätze, fertig, los. Mit dem Schuss reißt die Stille. Wie laut 20.000 Menschen sein können. Und wie schnell sie wieder leise sind.
19,95 Sekunden brauchte Owen Ansah am Freitagabend, um als Erster über die Ziellinie zu rennen – und das Alexander Stadium verstummen zu lassen. Der 25 Jahre alte Deutsche hatte dem britischen Publikum die Party verdorben und seinen hochdekorierten Starläufer Zharnel Hughes klar geschlagen. Wäre der Rückenwind nicht so stark gewesen, Owen Ansah hätte sogar den deutschen Rekord gebrochen. Bronze teilten sich Eseosa Fostine Desalu (Italien) und Timothé Mumenthaler aus der Schweiz (beide 20,26).
Fall Ansah: Die Konkurrenz hält sich lieber bedeckt
Nach dem Sprint begann für Owen Ansah der Marathon – von Kamera zu Kamera, von Mikrofon zu Mikrofon. Einen deutschen 200-Meter-Europameister hatte es seit 44 Jahren nicht mehr gegeben. In Athen gewann damals Olaf Prenzler für die DDR. In seinen Händen knetete der strahlende Sieger Ansah nun einen kleinen Zettel. Was darauf stand, ist nicht bekannt. Vielleicht war es eine jener Motivationsbotschaften, die er vor der EM in seiner Wohnung verteilt hatte, vielleicht nur ein Bon der hiesigen Supermarktkette Tesco. Vielleicht sogar eine Gedankenstütze, was er sagen darf und was nicht.

Denn über dieser Geschichte liegt ein Schatten. Owen Ansahs Sieg bleibt wie schon sein Gewinn der Bronzemedaille über 100 Meter ein Triumph unter Vorbehalt. Weil die Nationale Anti-Doping-Agentur (Nada) ihm einen verweigerten Test vorwirft, droht ihm eine bis zu vierjährige Sperre. In deren Konsequenz würden ihm auch alle Titel aberkannt, die er seit dem 9. Juli, dem Tag des Vorfalls, errungen hat. Der Athlet wehrt sich. Eine endgültige Entscheidung steht noch aus.
Natürlich hatte die Situation Wellen geschlagen. Ansahs Finalkonkurrenten wollten aber lieber nichts dazu sagen. Ob er über den Fall Bescheid wisse, wurde Hughes gefragt. Lange Pause, vielsagendes Grinsen. „No.“ Dann schob ihn eine Pressebetreuerin weiter. „Das ist nicht meine Angelegenheit“, sagte Bronzegwinner Mumenthaler. „Owen hat Gold, gut für ihn.“
Laufendes Verfahren: Ansah schweigt dazu
Ansah gelang es bislang meisterlich, dieses Damoklesschwert zu ignorieren. Statt an dem Druck zu zerbrechen, brachte er eine Topleistung nach der anderen. „Gar nicht schwierig“ sei es für ihn, sich so zu fokussieren. Er betonte erneut: „Ich konzentriere mich auf die Sachen, die ich beeinflussen kann, und das ist schnell rennen. Ich glaube, heute habe ich nochmal zeigen können, dass ich vom Kopf her frei bin, und das ermöglicht es mir auch, solche Leistungen zu bringen.“

Sprechen wolle er über seinen Fall nicht, es sei ein laufendes Verfahren. „Ich bitte, dies auch jetzt wieder zu respektieren. Ich habe eine Goldmedaille gewonnen, wir können gerne dieses Thema auseinandernehmen, aber über andere Sachen möchte ich nicht reden.“ Er sagte dies nicht genervt, sondern blieb ruhig, freundlich, wich keinen Blicken aus.
Von Hamburg nach Mannheim
Macht man es ihm gleich und blendet für einen Moment diese ganze Thematik aus, dann bleibt eine wunderbare Erfolgsgeschichte. Es geht um den besonderen Weg, den Ansah mit seinem Trainer Sebastian Bayer – ehemaliger Weitsprung-Europameister – bisher gegangen ist. „Er spielt eine sehr, sehr große Rolle in meinem Leben“, sagte Ansah. „Von null bis 18 haben meine Eltern für meine mentale Stärke gesorgt, danach war es Sebastian Bayer.“
Aufgewachsen ist der Sohn einer Deutschen und eines aus Ghana stammenden ehemaligen Leichtathleten mit zwei Schwestern in seiner Geburtsstadt Hamburg, wo er zur Leichtathletik fand. 2021, direkt nach seiner Ausbildung, verließ er dann seine Heimat, zog mit Bayer nach Mannheim, um dort gemeinsam mit seinem HSV-Kollegen Lucas Ansah-Peprah in einer Trainingsgruppe zu arbeiten. Bayer habe gesagt: „Hey Jungs, ich habe was mit euch vor. Lasst uns hart arbeiten. Ich weiß, dass ich was in euch sehe.“ Ansah gesteht: „Damals habe ich wirklich nichts in mir gesehen, aber fünf Jahre später stehen wir hier mit einer Gold- und einer Bronzemedaille. Das ist einfach schön.“
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Dem 40-Jährigen widme er diesen EM-Sieg – ebenso wie seinem kleinen Sohn. Drei Jahre ist dieser alt, den Namen möchte Ansah lieber aus den Medien heraushalten. Doch er verrät mit einem Funkeln in den Augen: „Der feiert‘s, dass ich schnell bin. Der will immer mit mir rennen. Natürlich lasse ich ihn da auch gewinnen“, sagte er lachend: „Nur einer darf schneller als ich sein – und das ist mein kleiner Sohn. Der wird noch früh genug lernen, dass Papa schneller ist.“ Auf seinem rechten Oberarm trägt Ansah ein Porträt von seinem Kind, auf dem linken Arm hat er seine Mutter verewigt.
WM, Olympia: Aber darf Ansah dort starten?
Nach dem EM-Titel will Ansah nun auch jenseits des Kontinents erfolgreich sein. Er wolle zeigen, „dass wir auch sprinten können“, dass Deutschland nicht nur eine Nation der Werfer und Stoßer ist. „Das habe ich jetzt in Europa geschafft und das möchte ich in Zukunft auch in der Welt schaffen.“ Er trainiere daher nicht nur für sich, sondern für Deutschland. „Deutschland braucht weltweit Medaillen – und dafür bin ich da, um dies zu erfüllen.“
Aber ob er das wirklich kann? An dieser Stelle drängt die Thematik der drohenden Sperre wieder in den Vordergrund und beendet das unbeschwerte Erzählen. Nächstes Jahr steht in Peking die WM, 2028 in Los Angeles Olympia an. Der Hamburger wäre bei den Spielen im perfekten Sprinteralter von 27 Jahren. Doch ob er dabei sein wird, darf bezweifelt werden. Owen Ansah wird niemand mehr diese großen Emotionen von Birmingham nehmen können. Doch die Zeit des Ausblendens ist vorbei. Spätestens, wenn die endgültige Entscheidung über eine Sperre feststeht. Der Schatten über dieser Geschichte bleibt.




