Als hätte Amanal Petros an diesem Sonntagmorgen nicht schon genug gekämpft, machte ihm auch noch ein Stück Stoff das Leben schwer. Beherzt hatte er sich die Deutschlandfahne im Zieleinlauf des EM-Marathons in Birmingham geschnappt. Er verlor sogar noch ein paar Sekunden, weil er sich beim Umbinden kurz verhedderte, um dann aber die Hände für seine Gewinnergeste freizuhaben: mit Handkantenschlag durchs Zielband.

Der Marathon-Vizeweltmeister ist nun auch Europameister. Bei der Leichtathletik-EM in Birmingham gewann der Bochumer, der für Hannover 96 startet, auf einer schwierigen Strecke vor dem Italiener Pietro Riva mit Meisterschaftsrekord von 2:09:11 Stunden Gold und löste damit seinen Teamkollegen Richard Ringer als Titelträger ab. Ringer war 2022 in München überraschend Europameister geworden, diesmal wurde er Zehnter hinter dem Neunplatzierten Samuel Fitwi.
Petros über EM-Strecke – „furchtbar“
Geschlagen gab sich Petros nur der Erdanziehungskraft. Kaum im Ziel, lag er lang, herzte auf dem Boden den drittplatzierten Gashau Ayale aus Israel. Als er wieder stand, verbarg er sein Gesicht kurz in den Händen – ein Moment nur für ihn. Schnell wuschelte er sich durch die Haare, eine Mischung aus Schweiß und Wasser schwamm über sein Gesicht, lief in seinen Bart, machte Kurven um sein breites Grinsen. Dann war es wieder diese Fahne, die ihn ärgerte. Bei all dem, was gerade auf ihn einprasselte, hatte er nicht bemerkt, dass er sie falschrum trug. Gold-Rot-Schwarz statt Schwarz-Rot-Gold. Beinahe wäre sein Fauxpas auf den offiziellen Siegerfotos gelandet. Doch gerade rechtzeitig korrigierte er sein widerspenstiges Utensil, breitete es über sich aus und ließ sich feiern. Auch dank seines Sieges gewann Deutschland wie vor vier Jahren in München hinter Israel Silber in der Teamwertung. Die deutschen Frauen gingen indes leer aus.

Kurz darauf musste sich der 31-Jährige erst einmal auf einem Klappstuhl niederlassen. Die Strecke hatte ihm alles abverlangt. „Es tut überall weh“, gestand er. „Ich muss gleich erst einmal zum Physio.“ Vor allem für die Gelenke war die von zahlreichen Kurven und etlichen Bergauf- und Bergab-Passagen gespickte Route eine Qual. Petros sprach gar von seinem schwierigsten Rennen. „Die Strecke war furchtbar, eine riesengroße Herausforderung.“ Erst zwei, drei Kilometer vor Schluss konnte er ein wenig „die Atmosphäre aufsaugen“.
Attacke bei Kilometer 25 – Lehre aus Tokio
Aber der ehemalige Athlet des TV Wattenscheid, der in Tigray geboren wurde und als Jugendlicher aus Äthiopien nach Deutschland geflohen war, biss sich durch. Bei Kilometer 25 attackierte er und setzte sich ab. Genau so war es geplant. „Es war mein Ziel, früh alles klarzumachen. Das hat super geklappt. Ich hatte alles im Griff.“ Die Konkurrenz hängte er ab. Es war auch eine Lehre aus der WM im vergangenen Jahr in Tokio. Da hatte Petros auf seinen starken Schlussspurt vertraut, doch die Kräfte verließen ihn, um einen Hauch von Nichts verlor er Gold und gewann, ins Ziel stürzend, Silber. „Ich bin jemand, der aus seinen Fehlern lernt. Deshalb habe ich heute die beste Taktik gewählt“, sagte Petros.

Nach dem WM-Coup war dieses Gold, das er seiner Mutter widmete („Sie ist meine Königin, mein Kraftspender“), das klare Ziel. Dass es klappte, ist das Ergebnis einer Entwicklung. In München war Petros schon einmal Favorit. Doch er schien nicht richtig fokussiert, ging das Rennen nicht clever genug an, musste abreißen lassen. Die Frage drängte sich auf: Fehlte dem hochveranlagten Läufer, der sich monatelang im Trainingslager schindet, der nötige Biss für Meisterschaften? In Birmingham zeigte er, dass er sich weiterentwickelt. Nicht einmal die zwei Tage dauernden, kräftezehrenden Probleme bei der Einreise beeinflussten ihn. Trotz extrem harter Strecke lief er so schnell wie kein anderer vor ihm bei einem EM-Marathon.
Trainingslager in Kenia: 200 Kilometer pro Woche
Gemacht wurde dieser Erfolg wieder einmal in Kenia. Auf 2500 Metern Höhe ist Amanal Petros Dauergast. Zweieinhalb Monate trainierte Petros wieder in seiner starken internationalen Läufergruppe. 200 Kilometer spulte er pro Woche ab. Keine Ablenkungen. Nur: schlafen, laufen, essen. Immer wieder. Das ist der Rhythmus des Erfolgs und Amanal Petros beherrscht ihn. Der 31-Jährige hat große Träume, er schielt sogar Richtung Weltrekord, Richtung Olympia-Medaille.

Nach WM-Silber und EM-Gold sind die Sommerspiele 2028 in LA sein großes Ziel. Im Marathon hat sich viel verändert. Längst stehen nicht mehr nur Topläufer aus Afrika ganz oben. Etliche von ihnen entscheiden sich auch in WM- oder Olympia-Jahren eher für finanziell lukrative Starts bei großen Straßenlaufevents statt bei Meisterschaften. Gleichzeitig hat es in Europa durch verbesserte Trainingsmethodik, schnelle Carbonschuhe und neue Ernährungsstrategien einen Schub gegeben. Amanal Petros ist ein Gesicht dieser Entwicklung. Am Sonntag hat er sich belohnt, das darf gefeiert werden. Bei Petros gerne „mit ein, zwei, drei Rotwein“. Zurück zur Plackerei geht es noch früh genug.



