Selbst zuletzt in der Klinik blätterte Hans Grodotzki noch eifrig durch die mitgebrachte „Fuwo“. „Hans hat sich gefreut, dass sein FC Rot-Weiß Erfurt an der Tabellenspitze steht und die Schalker den Bayern ein 0:0 abgeknöpft hatten“, sagte sein Freund, Geher-Olympiasieger Peter Frenkel, der ihn wie Kugelstoß-Idol Udo Beyer bis zuletzt besuchte. Doch nach einem Rückfall bei einer Lungenentzündung kam der „Dauerläufer“ nicht wieder auf die Beine. Grodotzki, zweifacher olympischer Silbermedaillen-Gewinner 1960 in Rom, starb am 18. September im Alter von 90 Jahren.

Nach Kriegsflucht aus Ostpreußen in Menteroda in Thüringen eine Heimat gefunden

Zum bekennenden Thüringer wurde der 1936 in Ostpreußen geborene Grodotzki nach der Flucht. Die grauenvollen Bilder des Krieges verfolgten ihn dabei ein Leben lang. Die Familie landete schließlich in Menteroda im nordthüringischen Kali-Revier. Nach der Schulzeit wurde der blonde Junge Bergmann, spielte Fußball für Aktivist und rannte – schneller als alle anderen. Nach einem Jahr in Brieske-Senftenberg in der Lausitzer Braunkohle ging er 1956 zur Kasernierten Volkspolizei und trainierte beim legendären Erich Bock beim ASK Vorwärts Erfurt.

Einmaliges Doppelsilber in Rom 1960

1958 wurde Grodotzki nach Potsdam abkommandiert. 1960 feierte der Langstreckler seinen größten Erfolg, als er in der gemeinsamen deutschen Olympia-Mannschaft in Rom Silber über 5000 und 10.000 Meter errang. Auf der langen Strecke ist er damit bis heute der einzige Deutsche, der dort Edelmetall gewann. Die Sportanhänger feierten ihn fortan als den „Blonden Hans“. Fernsehreporter Heinz-Florian Oertel hatte ihn in Anlehnung an den Filmstar Hans Albers so benannt.

Karriereende nach Achillessehnenriss und verunglückter Operation

Grodotzkis Karriere nahm 1962 ein abruptes Ende. Bei der innerdeutschen EM-Qualifikation in Malmö riss die Achillessehne. Eine Operation in Berlin missglückte. „Damals hatte man wenig Erfahrung mit solchen Verletzungen“, sagte Geher Frenkel, der damals beim Unglückswettkampf in Schweden dabei war. Danach wurde Grodotzki Trainer, war Zivilangestellter bei der Nationalen Volksarmee.

Nach der Wende half ihm der Besitzer von der Fluggesellschaft Germania, Hinrich Bischof. Erst arbeitete Grodotzki wieder als Trainer bei Halensee Berlin, dann wurde er Lagerleiter bei Germania und flog Ersatzteile durch die Welt.

Olympische Spiele 1960 in Rom. 5000m: Hans Grodotzki (Deutschland) bei seinem Lauf zur Silbermdaille. *** Olympic Games
Olympische Spiele 1960 in Rom. 5000m: Hans Grodotzki läuft zur Silbermedaille. © HORSTMUELLER GmbH via www.imago-images.de

Dem Sport und seinen Freunden blieb Grodotzki stets eng verbunden. So traf er sich regelmäßig mit Thüringens Lauf-Legenden wie Siegfried Herrmann, Dieter Fromm, Jürgen May oder Dieter Hermann. Zuletzt kommentierte er noch die Ergebnisse der deutschen Leichtathleten bei der EM in Birmingham, sagte Frenkel.

Seine Fußball-Begeisterung ist unvergessen. Der FC Rot-Weiß überbrachte Glückwünsche zum 90. und kondolierte jetzt auch zum Tod seines Ehrenmitglieds. Fotograf Eberhard Thonfeld lernte ihn als junger Reporter beim Sportecho durch den Fußball-Experten Günter Simon kennen. „Einmal waren wir zusammen in Greiz, da wurde ein russischer Schwarz-Weiß-Fernseher als Preis nach der Wahl zum Fußballer des Jahres überreicht“, erinnert sich Thonfeld.

Grodotzki in Menteroda unvergessen

Und auch in Menteroda ist der „Blonde Hans“ unvergessen. Corinna Trautvetter von der Gemeindeverwaltung, Ururenkelin des einstigen Bürgermeisters und Gründers des Turnvereins, blätterte in der Chronik, wo der Leichtathlet als verdienter Bürger aufgeführt ist. „Wir werden Hans Grodotzki hier sicher nicht vergessen“, sagte Trautvetter. Im August stattete der Sportheld seiner geliebten Heimat mit einem Freund nochmal einen letzten Besuch ab.

In Potsdam, wo der Landessportbund seinen 90. Geburtstag übrigens vergaß, steht eine Olympia-Stele mit seinem Namen. Die wurde inzwischen repariert, nachdem ein Lkw sie angefahren hatte. Vielleicht gibt es sogar bald ein kleines Denkmal in Menteroda für Thüringens größten Langstreckenläufer.