Patrick Beckert: Im Alleingang zu Olympia

Erfurt  Losgelöst vom Trainingssystem des Verbandes nimmt der Erfurter Eisschnellläufer Patrick Beckert Olympia in Angriff.

Frontläufer: Patrick Beckert Anfang des Jahres beim Weltcup in Berlin.

Frontläufer: Patrick Beckert Anfang des Jahres beim Weltcup in Berlin.

Foto: Imago

Führte der Weg von Sotschi nach Gangneung über Land, hätte Patrick Beckert das Kaspische Meer längst überquert. Die weiten kasachischen Steppen lägen hinter ihm wie das Altai-Gebirge an der Grenze zur Mongolei. Vermutlich schaute er gerade von einem der mongolischen Hochplateaus herab auf die schon nah erscheinende südkoreanische Stadt östlich von der Gastgeber-Metropole Pyeongchang. Dreieinhalb Jahre sind vergangen, seit der Erfurter Eisschnellläufer mit dem Ende der Olympischen Winterspiele in Russland sogleich die in Korea 2018 ins Auge gefasst hat. Die letzte Etappe bricht nun an. Erreicht ist einiges, zu gewinnen sehr viel mehr, die Anforderungen sind unverändert: gewaltig.

Die Formel heißt wie in jedem Sommer Kraft aufbauen, Ausdauer ausbauen, an der Technik arbeiten – vom Rad, auf Rollen, in den Kraftraum; trainieren, trainieren, trainieren. Patrick Beckert reduziert es darauf: „fokussiert zu bleiben“. Die Anspannung steigt mit jeder Einheit. Gerade in den nächsten zwei Monaten, bis die ersten Höhepunkte der olympischen Eissaison anstehen, erweist sich, ob sein Plan aufgehen wird. Es ist ein großer. Nach zwei Bronzenen bei der WM über 10 000 Meter plant der Langstreckenmann vom ESC Erfurt im Februar den Angriff auf olympisches Edelmetall und denkt dafür in kleinen Schritten. Fürs Erste gilt, wieder ein Stück fitter zu sein.

Planspiel: DM-Triple und Top Acht in Heerenveen

„Wichtig ist, an die gute Form der vergangenen Saison anzuknüpfen“, sagt der 27-Jährige. Zwei Sommereis-Wochen sind Geschichte. Der weitere Fahrplan, den er vor allem mit ansprechenden Zeiten verbindet, ist dabei so detailgetreu im Kopf des Erfurters verankert, dass er ihn im Schlaf aufzusagen vermag. Er klingt ungefähr so: Eislehrgang in Inzell ab Mitte September, dann zehn, elf Tage Training in Erfurt, wieder nach Inzell, deutsche Meisterschaften dort Ende Oktober mit dem Ziel, drei Titel zu verteidigen; zwei Wochen später Weltcup in Heerenveen in den Niederlanden unter die Top Acht, danach in Stavanger eine gute Zeit über 10 000 Meter laufen, nach Übersee zu zwei Weltcups – und dann: erstmals durchschnaufen.

Bis Weihnachten scheint beim Frontmann der deutschen Eislauf-Männer jeder Tag verplant. Alles andere steht hintenan. Die Olympischen Spiele sind Motivation genug. Die dritten sollen für den Erfurter die besten werden. Nach einem 22. Platz in Vancouver als 19-Jähriger sowie einem sechsten und achten Rang in Sotschi möchte er Pyeonchang in der Form seines Lebens sein, um sich den Traum einer Medaille mit den fünf Ringen zu erfüllen. Sie wäre das i-Tüpfelchen auf dem Weg, den er seit zwei Jahren bewusst für sich im Alleingang geht – abgenabelt vom Trainingssystem der Deutschen Eisschnelllauf-Gemeinschaft (DESG).

Voraussetzung ist zunächst, die nationalen Titelkämpfe (27. bis 29. Oktober) auf den langen Strecken für sich zu entscheiden. Was gelingen sollte. Der Erfurter ist der nationalen Konkurrenz inzwischen enteilt.

Nunmehr 14 nationale Titel und Rekorde auf allen Langstrecken sind Gründe, von einem vorgezeichneten Weg nach Südkorea zu sprechen. Trotz des Wissens um die Unwägbarkeiten des Sportlebens geht Patrick Beckert davon aus, danach beim Weltcup in Heerenveen ebenso unter die Top Acht zu kommen und damit endgültig die Eintrittskarte zur Olympia-Bahn Kangwon zu buchen.

Bildete die Landkarte den Maßstab, hat er auf dem Weg vom Schwarzen Meer zum Pazifik zig Kilometer tatsächlich schon zurückgelegt. Viele Radeinheiten haben die Beine auch in der nun etwa dreieinhalb Monate währenden Vorbereitung auf die Olympia-Saison gemeistert, viele Runden auf Rollen in Erfurt und natürlich in Summe Tage im Kraftraum. „Es läuft nach Plan“, zieht der Erfurter Bilanz. Reichlich Selbstvertrauen klingt durch. Und Bestätigung für einen mutigen Kurs.

In der Rechnung der DESG ist Patrick Beckert ein Faktor, der dem angezählten und tief im Umbruch steckenden deutschen Eisschnelllaufen gewinnbringende Zeit verschaffen kann, aber nicht Teil des Umbruchs ist. Während Bundestrainer Jan van Veen seit seinem Amtsantritt 2016 die Gruppen konzentriert und an einer veränderten Lauftechnik arbeitet, geht Patrick Beckert neben Claudia Pechstein (Berlin) oder Sprinter Nico Ihle (Chemnitz) einen Sonderweg. Einen, auf dem der Erfurter auf die Trainingsinhalte aus den Niederlanden vertraut. Anfangs hat er dafür ohne Förderung des Verbandes auskommen müssen.

Es ist ein Alleingang. „Aber ich bin nicht allein“, vermeidet es Beckert, das Bild eines Einzelkämpferbildes zu zeichnen. „Ich habe hier in Erfurt ein sehr, sehr gutes Team“, fügt er an. Er beruft sich auf die medizinische Abteilung am Olympiastützpunkt. Er bezieht sich auf Bundestrainer van Veen, der ihm keine Steine in den Weg legt; auf seinen kanadischen Trainer Gabriel Girard (Kanada) und er meint nicht zuletzt den Heimatverein ESC. „Ein Rad greift ins andere“, lobt er und ist vor allem auch Bruder Pedro dankbar. Der 20-Jährige begleitet Patrick Beckert. Er ist Antrieb und Stütze.

„Ich habe Pedro gefragt, ob er zwei Jahre mit mir trainieren würde“, erinnert sich Patrick Beckert an das Frühjahr 2016. Damals ist er nach einem Jahr im niederländischen Team „Justlease“ von Olympiasiegerin Ireen Wüst wieder nach Deutschland zurückgekehrt. In der Heimat sieht er die besten Trainingsbedingungen. Er beschließt aber, sich nicht dem DESG-Trainingssystem unterzuordnen, sondern weiter nach der Philosophie der niederländischen Weltmeistermacher Rutger Thijsen und Gerard Kemkers zu trainieren – in modifizierter Form. Er glaubt daran, weil die Runden immer schneller geworden sind.

Steiler Aufstieg lässt Kritiker verstummen

Sein Vorhaben stößt dennoch auf Kritiker und Zweifler. Und es geht anfangs mit dem Verlust der Förderung durch den Verband einher, weil er sich für seinen Weg entscheidet. Spätestens bei der WM vor einem Jahr auf der Olympiabahn hat sich viel dieser Skepsis in Anerkennung gewandelt. Unter 13 Minuten über 10 000 Meter zu laufen, darauf hat der Erfurter im Stillen gehofft – und sich übertroffen. Bei der Generalprobe steht WM-Bronze, die zweite nach 2015. Er ist der erste Nicht-Holländer, der auf einer Flachlandbahn un­ter 13 Minuten gelaufen ist. Und das in 12:52,76 min deutlich. Es lässt Kritiker verstummen und den Verband umdenken.

„Das gibt mir recht“, meint Beckert. Er ist überzeugt, wie die Spiele in Südkorea für ihn ausgehen, hängt in erster Linie von ihm selbst ab. Es wird ein Kampf gegen die Uhr und wohl auch einer gegen eine Nation. Er gegen die Niederländer. Will er eine Medaille heißt es, mindestens einen wie Sven Kramer, Jorrit Bergsma oder Jan Ted Bloemen hinter sich zu bringen. Der letzte der drei startet für Kanada, stammt aber aus den Niederlanden. Sie alle sind mit ihren Weltmeister-Titeln und Rekorden so etwas wie Spitze des niederländischen Eisberges in Sachen Langstreckler. Zu der ist der Erfurter inzwischen aufgestiegen, aber bei Weitem nicht am Ziel. Gangneung scheint ganz nah für Patrick Beckert. Viele kleine Schritte liegen aber noch vor ihm.