Ultrafans aus Fußballclubs agieren außerhalb der Spieltage oft im Verborgenen. Die Ultras des FC Carl Zeiss Jena gehen einen anderen Weg. Sie haben sich in einem ehemaligen Möbelhaus und einer Ex-Diskothek eingemietet und zeigen zwei Monate lang eine Ausstellung über ihre Gruppierung.
„Die Idee hatten wir schon zum 20-Jährigen“, sagt Toni Schley, Mitglied der ersten Stunde der 2001 gegründeten Horda Azzuro. Doch im Jahr 2021 entschieden die Mitglieder aufgrund der Corona-Pandemie und einer fehlenden Location, das Projekt zu vertagen. Vor dem 25-Jährigen kam die Idee wieder in die Diskussion. „Wir wussten nicht, worauf wir uns einlassen“, sagt der 40-Jährige rückblickend.
Fans verwandeln leerstehendes Gebäude in Ausstellungsräume
Die Gruppierung fand ein derzeit ungenutztes Objekt direkt gegenüber der Landespolizeiinspektion Jena, das in wenigen Jahren einem Hochhaus weichen soll. Der Verwalter vermietete die Fläche. Mit viel Eigenleistung und Unterstützung diverser Handwerker gestalteten die Fans die 800 Quadratmeter große Fläche um. Sie zogen Wände ein, um die Kapitel zu präsentieren.
Das blieb nicht ohne Rückschläge. „Mit den gesammelten Erfahrungen könnten wir jetzt problemlos ein Haus bauen“, sagt Schley. Sehr schwierig sei es gewesen, alle Auflagen der Behörden umzusetzen. Diese Woche ging das letzte notwendige Brandschutzgutachten ein.
Der Konflikt mit Bürgermeister Benjamin Koppe (CDU) um die Südkurve scheint auch fern des Stadions durchzuschlagen. „Vorige Woche gerieten wir noch einmal in die Krise, nachdem der Bürgermeister am Verwalter vorbei beim Eigentümer in Leipzig angerufen hat. Unsere Argumente waren aber stärker“, sagt Schley. Koppe entgegnet: „Das ist eine falsche Behauptung. Ein solches Gespräch hat es nicht gegeben.“
Ultras zeigen Entwicklung, Konflikte und soziales Engagement
Die Ausstellung, in die viele Hundert Arbeitsstunden flossen, geht auf die Gründungsjahre ein und zeigt mit einer Videoinstallation, wie sich die regionalen Schwerpunkte in Thüringen entwickelt haben. Die Ultras legen ihr angespanntes Verhältnis zur Polizei offen, das aus eskalierten Einsätzen resultiert. Raum bekommt die politische Arbeit der links verorteten Gruppierung, die regelmäßig karitative Zwecke umsetzt. Ein Beispiel ist die Unterstützung der Jenaer Tafel in der Corona-Zeit.

In einer Fleißarbeit stellte eine Gruppe Bilder aller bisherigen Choreografien zusammen. Ein Nachbau erinnert an die früheren Flutlichtmasten im Ernst-Abbe-Sportfeld. Stolz sind die Organisatoren, viele Originalkleidungsstücke zusammengetragen zu haben. Die 25 Jahre alten Jogginghosen weisen schon einmal kleine Löcher auf. „Es handelt sich um Leihgaben. Manche haben die Keller bei Oma durchforstet und freuten sich, die Erinnerungen nicht umsonst aufgehoben zu haben.“
Gerät die Ausstellung teils textlastig, finden Besucher Abwechslung mit multimedialen Inhalten oder Filmen. In zwei Bereichen widmen sich die Jenaer Ultras anderen Gruppierungen. Mit den Ultras des FC Bayern München, des FSV Frankfurt und des Eishockeyclubs Lausanne HC sind sie befreundet. Feindschaften pflegen sie mit den Anhängern des FC Rot-Weiß Erfurt, des Halleschen FC und Chemie Leipzig. Besucher können nachlesen, wie diese entstanden sind.
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Ultras laden Stadtgesellschaft zum Dialog und Austausch ein
„Wir freuen uns über Ausstellungsbesucher anderer Ultra-Gruppen und haben rivalisierende Fans eingeladen“, sagt Schley. Angst vor Vandalismus haben die Organisatoren nicht und setzen auf die Ehre der Szenen. Die FCC-Anhänger wollen nicht nur Fußballfans erreichen, sondern auch Menschen aus der Stadt. „Wer unsere Sicht der Dinge kennenlernen möchte, ist gern eingeladen“, sagt Mitorganisator Clemens Ringmayer. „Während der Öffnungszeiten ist immer jemand da, mit dem man ins Gespräch kommen kann.“
„Wir ticken kontrovers, aber man muss sich vor nichts verstecken“, sagt Schley. So sparen die Anhänger auch sensible Themen nicht aus. Sie widmen einen Bereich ihren verstorbenen Mitgliedern, stellen aber auch von Fans gestaltete Graffiti vor – nicht nur jene, die auf regulären Flächen entstanden sind. Die Horda Azzuro kreierte in den 25 Jahren 370 verschiedene Aufkleber. Bis auf fünf, von denen keine mehr auffindbar waren, sind alle in der Ausstellung zu sehen.
Bis Ende Oktober können alle Interessierten bei freiem Eintritt das Ultramuseum besuchen. Es ist donnerstags bis sonntags von 12 bis 21 Uhr geöffnet – mit Ausnahme von Spieltagen des FCC. Nach Nachmittagsheimspielen wollen die Ultras auswärtigen Fans einen Besuch ermöglichen. Größere Gruppen oder Schulklassen können Extra-Termine vereinbaren. Die Ausstellung befindet sich nur wenige Schritte von der Straßenbahn-Haltestelle Spittelplatz entfernt.
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„Wir wollen die Besucher nicht alle zu Ultras machen. Aber nach einem Vierteljahrhundert haben wir uns bewusst entschieden, diesen Schritt in die Öffentlichkeit zu gehen“, sagt Schley. Einen ersten Erfolg haben sie schon verbucht. „Es war schön zu sehen, wie geflasht die Mitglieder waren: Sie kommen rein und kriegen den Mund nicht mehr zu.“
Informationen zur Ausstellung: www.horda-azzuro.de/ausstellung-25-jahre






