Im vergangenen Sommer machte Hendrik Radke eine Reise in seine Vergangenheit. Drei Wochen ging‘s für den jungen Rollstuhlbasketballer der Thuringia Bulls in die Klinik nach Brandenburg an der Havel. Dorthin, wo er nach einem Unfall, der sein Leben veränderte, seine Rehabilitation absolvierte. Kurz nach seinem Abitur war er bei einer Party in einen Aufstellpool im Garten gesprungen, ausgerutscht und mit dem Kopf voran auf dem Boden gelandet. Der sechste Halswirbel war zertrümmert, statt Sportlehrer und Fußballer bei Eintracht Sondershausen ging das Leben des jungen Mannes aus Wenigenehrich im Kyffhäuserkreis im Rollstuhl weiter.
„Dass ich damals so schnell wieder Mut geschöpft habe, lag auch an den tollen Pflegern und Therapeuten in der Klinik, weshalb ich dort noch einmal hin wollte“, erzählt der 24-Jährige, der in Erfurt lebt. Aus der dreiwöchigen Reise in die Vergangenheit wurde schließlich eine Reise mit Zettel und Stift zu sich selbst. Denn beim Besuch in der Klinik kam er mit vielen frisch verunglückten jungen Menschen ins Gespräch, die ähnliche Schicksalsschläge erlebt hatten wie er und unzählige Fragen hatten. Zum neuen Alltag im Rollstuhl, zu den Auswirkungen auf das Umfeld, zur Sexualität, zu sonst was. „Da entstand in meinem Kopf die Idee, einen Ratgeber zu schreiben, in dem Jugendliche auf all die Fragen, die diese neue Lebenssituation mit sich bringt, Antworten finden“, erklärt der Masterstudent für Grundschullehramt.
Wichtigster Tipp gleich zu Beginn: Hör niemals auf zu lachen
Auf 62 Seiten nimmt Radke den Leser, den er duzt, mit in das Leben eines Verunfallten. Den für ihn wichtigsten Tipp in seinem Buch mit dem dann auch etwas ironischen Titel „How to survive: Die Klinik“ gibt er gleich im ersten Absatz: Hör niemals auf zu lachen. Er beschreibt, wie schwer das am Anfang ist, wenn man sich die neue Situation bewusst machen muss und die gut gemeinten Sätze der Angehörigen, dass alles wieder gut werde, irgendwann nicht mehr ertragen könne. „Das Umfeld tut sich oft schwerer mit der neuen Situation als der Verunfallte selbst“, weiß Radke, der bei den Bulls aus Spaß am Basketball in der zweiten Mannschaft mitspielt und auch in der Bundesliga schon ausgeholfen hat.
Offen spricht er auch über Fehler, die er im Wissen darüber selbst gemacht hat: „Ich habe meinen Eltern von den vielen Eingriffen, die gemacht werden mussten, irgendwann nichts mehr erzählt, um sie nicht zu belasten. Aber das war der falsche Weg, zumal sie es über die Klinik sowieso erfahren und dann mit einem Chickenburger vier Stunden auf mich gewartet haben. Man muss sie mitnehmen, du brauchst sie und sie brauchen dich“, blickt er zurück auf die Zeit, als ihn seine 400 Kilometer entfernt lebenden Eltern jedes Wochenende besuchten.
Ich habe meinen Eltern von den vielen Eingriffen, die gemacht werden mussten, irgendwann nichts mehr erzählt, um sie nicht zu belasten. Aber das war der falsche Weg. Man muss sie mitnehmen, du brauchst sie und sie brauchen dich.
Henrik Radke, über den Umgang mit seinen Eltern nach dem Unfall
Er spricht darüber, wie er wieder „normal“ werden wollte, damit die Beziehung mit seiner Freundin eine Zukunft hat. Die ging dennoch in die Brüche und er merkte: Ich muss es für mich tun, nicht für andere. Du musst deine eigene Realität finden und dennoch bereit sein, deinen Schweinehund zu überwinden, rät er dem Leser. Dieser Prozess beginnt in der Klinik, wo man Wege finden muss, den manchmal monotonen Alltag zu meistern und aktiv zu gestalten. Ihm halfen dabei Humor und Musik. Egal, was es ist: „Hauptsache, es gehört dir und macht dich ein kleines bisschen glücklicher.“
Auf dem Weg zur neuen Realität heißt das Motto: ausprobieren
Gerade, weil von jetzt auf gleich jegliche Privatsphäre vorerst Geschichte ist und man im wahrsten Wortsinn „komplett die Hose runterlassen“ muss. Sich jene Privatsphäre zurückzuholen, geht nur übers Ausprobieren, erzählt er und schreibt über den Moment, als er sich vor einer Pflegerin im Schneidersitz hinsetzte, sich untenrum rasierte und das letztlich gar nicht schlimm fand. Überhaupt sei es wichtig, Vertrauen aufzubauen. Zu Therapeuten. Zu Pflegern. Zu Mitpatienten. Zu Psychologen. Und viele Fragen zu stellen, damit man sie sich später, nach dem Klinikaufenthalt, möglichst selbst beantworten kann.
In der Klinik entwickelte Radke eine Freundschaft zu seinem Zimmernachbarn. Als dieser ging, fiel er in ein Loch. Er rät, sich in so einer Situation nicht zu isolieren, sondern sich neue Beschäftigungen zu suchen. So fand er damals auch zum Rollstuhlbasketball. Das Fit-In Elxleben wurde für ihn eine der wichtigsten Anlaufstellen. Dort fühlte er sich wohler als in seiner alten Umgebung, wo er nach dem Klinikaufenthalt anfangs viel Zeit verbrachte, aber auch die mitleidigen Blicke spürte und sich oft wie ein Fremdkörper fühlte. Erfurt wurde sein neues Zuhause, hier fand er Selbstvertrauen und Selbstständigkeit.

„Ich bin dankbar, dass meine Eltern loslassen konnten. Es muss schwer gewesen sein, mich nach diesen sehr extremen Jahren gehen zu lassen“, schreibt er. Dankbar ist er auch für die Hilfsbereitschaft der Menschen im Alltag. Anders als etwa Menschen mit Autismus oder Gehörlosigkeit, die nicht auffallen und deshalb oft missverstanden oder ignoriert würden, habe es ein Rollstuhlfahrer einfacher. Deshalb nimmt er Reaktionen, die unangemessen und ihm unangenehm sind, mit Humor.
Der Weg zu dieser Gelassenheit habe auch dafür gesorgt, dass er lernte, sich selbst zu lieben. Wo er sich anfangs auf die Beine schlug, weil er wieder laufen wollte, akzeptiert und liebt er nun sein neues Ich. Entgegen seiner Erwartung fand er eine neue Partnerin. Auch das mit dem Sex sei kein Problem. Denn im Alltag gelte wie zuvor in der Klinik: einfach ausprobieren!
Und so kommt Hendrik Radke zu dem Schluss: „Ja, ich bin behindert und mir geht‘s gut. Das Leben geht weiter.“
Der Ratgeber „How to survive: Die Klinik“ von Hendrik Radke ist für 10,90 Euro (als E-Book für 5,49 Euro) bei Amazon erhältlich.



