„Zeit wird’s!“ Mit diesen zwei Worten erntete Franziska Schenk am Mittwochabend zustimmendes Nicken im Kaisersaal. Mehr als 200 Gäste waren gekommen, um die Sonderausstellung „Liebe – Leistung – Leidenschaft. Sportstadt Erfurt“ feierlich zu eröffnen. Die Moderatorin, die als Weltklasse-Eisschnellläuferin selbst ein Stück Erfurter Sportgeschichte mitgeschrieben hat, begrüßte auf der Bühne neben den drei Kuratoren erfolgreiche Athletinnen und Athleten von einst.

Schwimmweltmeisterin Cornelia Sirch erzählte von ihren Anfängen als Fünfjährige im Nordbad, als ihre Eltern dort den Imbiss betrieben. Seitdem lebt sie im und mit dem Wasser, und bringt bis heute Kindern das Schwimmen bei. Gunda Niemann-Stirnemann verriet, wie schwer ihr als Jugendliche der Wechsel von der Leichtathletik zum Eisschnelllaufen fiel: „Zu Beginn hatte ich neun Blutblasen an den Füßen. Aber ich wollte unbedingt weiter an der Sportschule bleiben. Und irgendwie war mir das Kämpfen in die Wiege gelegt worden“, sagte sie.

Vorfreude: RWE-Jahrhundertfußballer Jürgen Heun (vorn) gab Anekdoten preis.
Vorfreude: RWE-Jahrhundertfußballer Jürgen Heun (vorn) gab Anekdoten preis.© Marcel Junghanns

Straßenrad-Olympiasieger Mario Kummer erinnerte wie Henry Lauterbach an die umfassende Grundlagen-Ausbildung, die sie im Training genossen hatten. Eine Vielseitigkeit, die Lauterbach später sowohl zu einem Weltklasse-Hochspringer als auch zu einem Top-Weitspringer aufsteigen ließ. Und Rot-Weiß-Jahrhundertfußballer Jürgen Heun meinte mit einem Verweis auf ein altes, gestricktes Trikot augenzwinkernd: „Das konnten wir nur bei Regen nicht anziehen, weil es dann zum Kleid wurde.“

Erfurter Gärtner gelang 1886 Weltrekord mit dem Hochrad

Der Dress mit der Nummer 9 findet sich nunmehr wie zahlreiche Memorabilien im Stadtmuseum Erfurt wieder. Bis zum 27. Mai 2027 steht das zweite Obergeschoss im „Haus zum Stockfisch“ in der Johannesstraße ganz im Zeichen der Sonderausstellung. „Es ist keine Fußball-Ausstellung“, verneint Museumsdirektor Hardy Eidam grinsend die ob der Tatsache, dass sich seine beiden Mitkuratoren Steffen Raßloff und Michael Kummer im Ehrenrat des FC Rot-Weiß engagieren, naheliegende Vermutung.

Ausstellung „Liebe – Leistung – Leidenschaft. Sportstadt Erfurt“
Die Schöpfer der Ausstellung: die drei Kuratoren Michael Kummer, Steffen Raßloff und Hardy Eidam (von links).© Jakob Maschke

Bei einem nicht nur wegen der knalligen Hintergrundfarben für Jung und Alt absolut sehenswerten Rundgang durch die Erfurter Sportgeschichte kann man sich davon überzeugen. Los geht’s mit einer Auflistung „unserer Olympia-Helden“ mit den 29 durch Erfurter errungenen olympischen Medaillen. Gleich daneben fallen zwei historische Stücke ins Auge: ein Hochrad, mit dem der Erfurter Friedrich Ferdinand Haage – eigentlich Gärtner – 1886 in 18:47 Minuten einen Weltrekord über zehn Kilometer aufstellte, und eine Armbrust des Bürger-Schützen-Corps. „Sie stammt aus dem Ende des 16. Jahrhunderts und ist das älteste erhaltene Sportgerät der Stadt“, informiert Eidam.

„Molli“ Benkerts Fußballschuhe seit 1985 ungeputzt

Nach dem nächsten Raum, der sich der Entstehungsgeschichte von Erfurter Sportstätten widmet, gelangt man ins alte Steigerwaldstadion – zumindest erweckt die Darstellung des Marathontors, das 2015 im Zuge des Stadionneubaus abgerissen wurde, diesen Eindruck. Daneben ein Schaukasten zur Leichtathletik, darin unter anderem die Spikes von Nils Schumann, in denen er 2000 Olympiasieger über 800 Meter wurde. „Viele trennen sich ungern von ihren Medaillen und Kleidungsstücken, auch wenn es nur zeitweise ist. Mit viel Geduld haben wir die meisten doch überredet“, erklärt Eidam.

Ausstellung „Liebe – Leistung – Leidenschaft. Sportstadt Erfurt“
Erfolgreiche Olympioniken „empfangen“ die Besucher: Zu Beginn der Ausstellung kann man sich über die Erfurter Olympiamedaillengewinner informieren.© Jakob Maschke | Jakob Maschke

Sportgrößen wie Geher Hartwig Gauder, Eisschnellläuferin Gunda Niemann-Stirnemann und Schwimmer Roland Matthes – mit viermal Gold und acht Medaillen insgesamt erfolgreichster Erfurter Olympionike – ist jeweils eine eigene Schautafel mit persönlichen Memorabilien gewidmet, etwa Matthes‘ Badehose. Das gilt auch für Jürgen Heun im Themenraum des FC Rot-Weiß. Kurios: Die ausgestellten Fußballschuhe von Torwartikone Wolfgang Benkert sind seit ihrem letzten Einsatz 1985 ungeputzt, noch mit etwas Stadionerde an den Stollen.

Doping „Teil und Preis des Erfolgs“ und somit Teil der Ausstellung

Ebenfalls bemerkenswert: Das Thema Doping ist inklusive Einordnungen, Zitaten daran Beteiligter und sogar Ampullen und Pillen des anabolen Steroids Turinabol ebenfalls Teil der Ausstellung – „weil es Teil und Preis des Erfolgs war“, wie Eidam befindet. Links und rechts können zudem überall Knöpfe gedrückt werden, um sich etwas anzuhören oder anzusehen. Auch in einem kleinen Kinoraum können die Besucher kurze Dokus zum Thema anschauen.

Ausstellung „Liebe – Leistung – Leidenschaft. Sportstadt Erfurt“
Das älteste erhaltene Erfurter Sportgerät: eine Armbrust des Bürger-Schützen-Corps aus dem 16. Jahrhundert.© Jakob Maschke

Mitmachen ist auch im letzten Raum der Ausstellung gefragt, der die sportliche Vielfalt und Entwicklung in der Neuzeit thematisiert, mit Vereinen wie den Basketball-Löwen, den Black Dragons, den Thuringia Bulls oder dem Thüringer HC. Unter dem Motto „Macht euren Verein sichtbar!“ rufen die drei Kuratoren Erfurter Sportvereine dazu auf, sich selbst auf einer großen, interaktiven Wand vorzustellen.

Hardy Eidam freut sich über das Lob der Anwesenden für die sehenswerte Ausstellung und weiß um ihre Besonderheit: „Es ist die erste in Thüringen, die den Sport phänomenologisch und kulturhistorisch betrachtet.“