Wer erst zum geplanten Anstoß um 15 Uhr in der Riethsporthalle eintraf, verpasste das erste Tor. Blumenstadt United Erfurt hatte es eilig mit dem Unternehmen Futsal-Bundesliga. Lauter Jubel brandete um 14.58 Uhr auf, als Zakreya „Zico“ Abushrmet auf Vorarbeit von Firas Alshuweesheen – beide bilden in Suhl in der Fußball-Landesklasse auch draußen ein kongeniales Duo – zum 1:0 traf. Sieben Minuten später schien der Traum von der Bundesliga ganz nah: Die Erfurter hatten mit einer überragenden Anfangsphase den letztjährigen Bundesliga-Aufsteiger Young Boys Balkan Pfarrkirchen im alles entscheidenden Relegationsspiel überrumpelt, führten durch weitere Tore von Kaoa Kahlef und zweimal Alshuweesheen mit 4:0. Die Pfarrkirchener Trommler ließen verdutzt die Stöcke hängen, der Rest des Publikums konnte sein Glück kaum fassen.

Was dann passierte, war ebenso unfassbar. Blumenstadt-Coach Robert Fritzsch beschrieb es später so: „Nach dem 4:0 wollten wir zu viel, standen nicht mehr gut gegen den Ball, haben ihn bei unseren Kontern zu oft verloren und sind in Gegenkonter gelaufen, statt einfach abzuschließen und zur Not vorbeizuschießen.“ So drehten die Gäste aus Niederbayern in einer völlig verrückten ersten Halbzeit mit fünf Treffern binnen sechs Minuten tatsächlich ruckzuck das Spiel. Per Konter erhöhten sie gar zum 4:6-Halbzeitstand in einem Futsal-Spektakel, dem gut 300 Zuschauer beiwohnten.
Mit „Flying Goalkeeper“ spielt Erfurt alles oder nichts
Genauso verrückt ging es im zweiten Durchgang weiter. Kusae Yousha vergab zweimal freistehend den Anschluss für die Gastgeber, die sich stattdessen durch Pfarrkirchens „Zauberzwerg“ Stankovic das 4:7 fingen. Doch dann rettete Mesanovic auf der Linie und sah Rot, den fälligen Siebenmeter verwandelte Erfurts Auffälligster, Kaoa Kahlef, zum 5:7. Der Regionalligist, der schon im Vorjahr den Bundesliga-Aufstieg knapp verpasst hatte, brauchte einen Sieg für seinen Traum und riskierte alles: Der bis dato starke Torwart Stefan Gräber ging auf die Bank, „Zico“ agierte nun als „Flying Goalkeeper“, wodurch Blumenstadt auf dem Feld in Überzahl agierte.

Mit Erfolg: Nachdem Ibrahim El Hajj nur den Pfosten getroffen hatte, überwand Alshuweesheen den Torwart aus spitzem Winkel zum 6:7 (26.). Doch dann kassierte Erfurts Abdullah Saleem Gelb-Rot und Pfarrkirchen nutzte seinerseits die Überzahl stark zum 6:8. Erfurt spielte danach weiter ohne Torwart und legte sich den Gegner wie im Handball zurecht – oder gar auf dem Hosenboden: Kahlef spielte mit zirkusreifer Aktion zwei Gegner mit der Hacke aus und verfehlte das Tor mit selbiger nur knapp. Erstligist Hohenstein-Ernstthal hatte eigens zur Beobachtung des beim FC Rot-Weiß ausgebildeten Ausnahmekönners eine Delegation nach Erfurt entsandt.
Endloses Anrennen und dann der K.o.-Schlag ins leere Tor
Sie sahen dann Kahlefs dritten Treffer des Tages zum 7:8. Noch waren knapp sieben Minuten zu spielen – im Futsal mit seinen Zeitstopps eine halbe Ewigkeit. Doch das Risiko, ohne Torwart zu spielen, zeigte sich knapp zwei Minuten vor dem Ende: Im endlosen Anrennen verloren die Erfurter den Ball, Berovic traf aus der eigenen Hälfte zum 7:9. Da den Gästen auch ein Remis zum Bundesliga-Verbleib reichte, brauchte Blumenstadt United nun ein Wunder. Doch mehr als Kahlefs viertes Tor zum 8:9-Endstand gelang nicht mehr.

Nun waren es die Erfurter, die nach dem Sensationsstart traurig auf dem Hallenboden lagen. Die Trommelstöcke der Gästefans tanzten dagegen mit den Pfarrkirchener Spielern im Takt.



