Die Farbe auf den Fingern ist passend zum Anlass gewählt. Nathalie Hendrikse, Ida Gullberg, Julie Holm, auch Johanna Reichert, sie alle trugen die Clubfarbe auf den Nägeln. Rot ist Trumpf gewesen. Auf den Rängen des Grazer Sportparks. Und vor allem auf dem Feld darunter. Mit großem Mut, dem Schwung nach dem glänzenden Halbfinal-Auftritt gegen Dijon und einer famosen Finalleistung schrieben die Handballerinnen des Thüringer HC eine außergewöhnliche Geschichte fort. 25 Jahre, nachdem der Name Thüringer Handball-Club Erfurt-Bad Langensalza auf der Mitgliederversammlung angenommen wurde, feierte der THC am Sonntag seinen ersten internationalen Triumph. Einen großen.

Auf den Sitzen hielt es Minuten vor dem Ende längst niemanden mehr. Nicht die Thüringer Anhänger, nicht die von Ikast. Und wieder stand Dinah Eckerle im Mittelpunkt. Wieder hielt sie einen „Riesen“. Und wenig später schlossen sie ihre Mitspielerinnen in die Arme. Tränen flossen. Tränen der Freude.

Hendrikse verwandelt nervenstark Matchball

Der Traum ist wahr geworden, ihr persönlicher. Und der des Thüringer HC. In einem Riesenspiel schlugen die Thüringerinnen den Topfavoriten Ikast 34:32 (15:16) und gewannen die European League. Anderthalb Minuten vor dem Ende versenkte Nathalie Hendrikse den Ball nervenstark im Eck, nachdem die Däninnen nach einem 28:33 noch einmal bedrohlich nah auf 32:33 herangekommen waren.

„Ich kann es gar nicht in Wort fassen. Wir wussten, dass wir es können. Aber dass wir es abrufen können, ist unglaublich. Ich bin wahnsinnig stolz, einfach nur stolz“, rang Dinah Eckerle nach den passenden Worten, nachdem erste Tränen in den Augen getrocknet waren. Mit Goldglitter auf den Wangen nach dem Konfetti-Regen strahlte die herausragende Torhüterin wie ihre Mitstreiterinnen. Die Torfrau hört nach der Saison auf. Im Anschluss startete noch in der Kabine die Riesensause. Der THC-Zug hatte längst die Bremsen gelöst.

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„Was für ein wundervoller Tag. Was die Mannschaft mit den Fans heute hier erreicht hat, kann man gar nicht beschreiben. Das ist einer der größten Titel überhaupt. Dieser Wettbewerb ist so stark besetzt“, fehlten einem eloquenten Trainer wie Herbert Müller beinahe die Worte.

„Es muss alles passen“, sagte Müller wenige Stunden vor dem Duell gegen die Däninnen. Torhüterin Kristina Lövgren-Hallberg sprach von zweihundert Prozent, die ihre Mannschaft in Rot leisten müsste. „Ikast hat eine Champions-League-Mannschaft“, hob Julie Holm zusätzlich die Klasse des European-League-Siegers von 2023 hervor. Die Dänin in Diensten des THC kennt das Team aus Jahren, in denen sie bei Ikast trainiert hatte.

THC lässt sich durch 11:15-Rückstand nicht beirren

Viel Wahrheit lag in ihren Worten. Umso bemerkenswerter war das, was der THC 24 Stunden nach dem harten Halbfinalkampf auf das Feld legte. Angeführt von einer bärenstarken Dinah Eckerle und einer erneut wie vom anderen Stern treffenden Johanna Reichert bot der THC mit Geschlossenheit dem Favoriten die Stirn und ließ sich auch von einem 11:15 (24.) nicht aus der Verfassung bringen. Eine Viertelstunde blieb das Duell eng. Dann schlichen sich Fehler ein, die Ikast mit seinem Turbo-Handball bestrafte. Doch mit Löwenmut, Biss und Eckerles Glanzparaden kämpfte sich der Bundesligist bis zur Pause auf 15:16 heran.

THC gewinnt die European League
Sektdusche für Trainer Herbert Müller: In der Kabine begann ein Partymarathon. © Steffen Eß / TA | Steffen Eß

Thriller mit Happy End

Die Frage lautete, wer mehr Sprit im Tank besaß. Die Thüringerinnen rannten jeden Zentimeter, wuchsen über sich hinaus, lieferten das beste Spiel der Saison und wurden nicht nur mit dem Ausgleich belohnt. Wenige Minuten, nachdem Reichert mit dem zehnten Tor ausgeglichen hatte (40.), brachte sie den THC zum zweiten Mal nach dem 1:0 nun mit 25:24 in Front (43.), dann sogar mit 26:24 (45.).  Das Finale war längst zu einem erbitterten Fight geworden, zu einem Thriller mit historischem Happy End.

Bereits am Vortag war den Thüringerinnen durch den Finaleinzug Historisches gelungen. Nachdem die Thüringer Fans mit ihrem rauchenden Empfang unfreiwillig einen unter Umständen im Nachgang noch teuren Feueralarm ausgelöst hatten, brannten die Thüringerinnen beim 35:29 (21:15) ein Feuerwerk ab. Vor allem Johanna Reichert lief heiß. Die 23-Jährige traf phänomenal, dass Dijons Trainer Clement Alcazar eingestehen musste, keine Mittel gegen die Wucht der Österreicherin gefunden zu haben.

Gold-Schützin und wertvollste Spielerin

Sagenhafte 16 Tore erzielte die Rückraumschützin. Sie übertraf ihren eigenen Rekord von 15 Toren in einer Partie – und sicherte sich einen Platz in der Historie der European League für womöglich lange Zeit. Nie hatte eine Spielerin in der Geschichte des Final Four dieses Wettbewerbs mehr als elf Tore in einem Spiel erzielt.

HANDBALL - EHF EL Women Final Four
THC-Torhüterin Dinah Eckerle, hier im Duell gegen Line Mai Hougaard (beim Wurf), war eine große Stütze ihrer Mannschaft im Finale gegen Ikast.© IMAGO/Wolfgang Grebien

Reichert kommt auf sagenhafte 110 Tore

Die Schützin selbst wollte es nach dem Halbfinale gar nicht so recht glauben und hatte die Messlatte in der Euro-League auch sonst extrem hochgelegt. Seit Beginn der Gruppenphase hatte die Blondine aus Niederösterreich bis zum Finale 97 Tore erzielt. Am Ende standen 110 Tore hinter dem Namen Johanna Reichert. Der Ball für die beste Werferin war Lohn und die Auszeichnung für die wertvollste Spielerin.

„Es ist eine sehr schöne persönliche Auszeichnung“, sagte „Jojo“, wie sie beim Thüringer HC gerufen wird. „Aber ich sage mal, wie es jeder Trainer sagt: Spiele werden in der Abwehr gewonnen“, meinte sie und hob die Vorarbeit ihrer Mitspielerinnen hervor.

Aktuelle Nachrichten zum Thüringer HC:

Den großen Zusammenhalt strich auch Co-Trainer Helfried Müller heraus. „Wir sind vielleicht nicht filigran. Aber wir sind eine Mannschaft“, schwärmte er. Die Ziele sind längst übertroffen gewesen. Seit Sonntag erst recht.