Eine Woche nach der erholsamen Nacht am Südrand des Tokioter Stadtzentrums liegt eine Nachricht mit Anhang im Mailpostfach. „Schlafdauer: von 1.26 Uhr bis 8.35 Uhr“, steht darin, und: „38 Minuten weniger als der Durchschnitt.“ Zehn Wachphasen habe es in der Nacht gegeben, und damit zwei mehr als üblich. Die Schlafeffizienz – das Verhältnis zwischen Schlaf- und Wachzeit – lag bei 70 Prozent. Medizinische Daten seien dies zwar nicht, wird betont. Aber irgendwie ist man nun trotzdem schlauer als vorher.
Solche Informationen erhält, wer bei Nine Hours nächtigt, einem Hotelbetrieb aus Japan, der gerade hohe Wellen schlägt. Er bietet seinen Gästen bei zentraler Lage, am Drehkreuzbahnhof Shinagawa, nicht nur ein Bett für umgerechnet kaum 50 Euro, also vergleichsweise wenig Geld. Sondern auch eine Auswertung dessen, wie die Nacht im Hause gelaufen ist, in Gestalt einer Schlafanalyse. Und wer will nicht wissen, ob sie oder er auch wirklich gut geschlafen hat? Und was „gut“ überhaupt ist?
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Nine Hours in Japan verkauft gesammelte Schlafdaten an Dritte
Das Tokioter Hotel – im Stil eines Kapselhotels gehalten, also mit übereinander angesiedelten röhrenartigen Betten in größeren Schlafsälen – dürfte eine Weltneuheit sein. Einerseits, weil es seinen Gästen eben eher günstig eine Auswertung ihres Schlafs bietet. Andererseits, weil es die Gäste dadurch von Kunden zu Rohstofflieferanten in der Datenökonomie macht. Denn Nine Hours verkauft die Schlafdaten – wenn auch anonymisiert und mit Einverständnis seiner Gäste – an Drittkunden weiter.
Die Kapseln, in die die Gäste hineinkrabbeln müssen, sich darin dann aber hinsetzen können, sind äußerlich in einem schlichten Weißgrau gehalten. Unterm Kopfkissen ist ein Bewegungsmelder angebracht, an der Decke filmt eine Kamera das Gesicht, ein Mikrofon nimmt Geräusche auf. Die Ohrstöpsel, das WiFi-Passwort und der Minifernseher dienen nur dem Komfort der Gäste. Der Rest gilt der Datenerhebung.
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Geschäft mit Schlafdaten soll deutlich wachsen
„Wir sind auf einem guten Weg“, sagt Yasuyuki Watanabe, Direktor von Nine Hours. „Wir wollen, dass unsere Gäste ihren Aufenthalt bei uns wirklich optimal nutzen.“ Und man will auch die Gäste optimal nutzen – oder ausnutzen? Ziel des Unternehmens ist jedenfalls, jährlich eine Million Schlafanalysen durchzuführen. Von Drittkunden erhält das Hotel für 10.000 Analysen eine jährliche Nutzungsgebühr von 10.000 Yen (rund 60 Euro).
Bisher ist der Anteil der Datenverkäufe am Gesamtumsatz des Unternehmens, das anderswo in Japan auch herkömmliche Hotels betreibt, eher gering. Bei rund 31 Millionen Euro Umsatz schlägt das Datengeschäft mit nur zwei Prozent zu Buche. „In zwei Jahren wollen wir bei zehn Prozent sein“, rechnet Watanabe vor. Und über die kommenden Jahre soll das Geschäft weiterwachsen.

Schon jetzt kaufen rund 30 Unternehmen die Schlafdaten ein, die sich auch mit demografischen Informationen zu den Gästen – von Alter über Geschlecht bis Gewicht und Bildungsgrad – kombinieren lassen. Zu den Kunden zählen Lebensmittelkonzerne, Hersteller von Smartwatches und Unternehmen aus der Pharmabranche. Auch Forschungsinstitute arbeiten mit Nine Hours bereits zusammen.
Experte: „Schlaf ist einer der wichtigsten Aspekte unseres Lebens“
Das Unternehmen bewegt sich in einem generell hochinnovativen Markt, der sich wiederum in einer Boomphase befindet. Das Statistikportal Statista schätzte die globalen Umsätze aller möglichen ökonomischen Produkte, die dem individuellen Schlaf helfen sollen, im Jahr 2023 auf umgerechnet rund 64 Milliarden Euro. Bis 2032 dürfte sich das Marktvolumen demnach fast verdoppelt haben. Dabei reicht das Geschäft weit über Tabletten, Spezialtees, Masken oder besondere Decken hinaus.
Dass der Schlafmarkt in hohem Tempo wächst, hat wiederum auch damit zu tun, dass die Wissenschaft Gründe und Bedeutung des Schlafens allmählich besser versteht. Auch die Forschung am schlafenden Körper boomt. „Schlaf ist einer der wichtigsten, aber am wenigsten verstandenen Aspekte unseres Lebens, unseres Wohlbefindens und unserer Langlebigkeit“, schreibt der Neurowissenschaftler Matthew Walker in seinem 2017 erstmals veröffentlichten internationalen Bestseller „Why we sleep.“
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Weiter heißt es darin: „Bis vor Kurzem hatte die Wissenschaft keine Antwort auf die Frage, warum wir schlafen, welchen Nutzen es hat oder warum wir unter so verheerenden gesundheitlichen Folgen leiden, wenn wir nicht schlafen.“ Schlafmangel und -qualität werden mittlerweile in vielen Kontexten erforscht. Bekannt ist, dass Dauer und Qualität des Schlafs hohe Auswirkungen auf Gesundheit und Arbeitsproduktivität haben. Aber die Forschung, so Matthew Walker, stecke noch in den Kinderschuhen.
Nine Hours Hotel: Kritiker zweifeln an Datensicherheit
Das Nine Hours Hotel will helfen, die Qualität der Antworten auf diverse Forschungsfragen zu verbessern, heißt es in der Unternehmenszentrale. Und davon dürfte das Hotel in einer Zeit, in der sich die Menschen mit Smartwatches oder -phones längst in Sachen getaner Schritte, aufgenommener Kalorien und am Bildschirm verschwendeter Zeit selbst vermessen, weiter profitieren.
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Kritiker betonen bereits Zweifel an der Datensicherheit, die gerade bei gesundheitlich relevanten Themen wie Schlaf heikel ist. Nine Hours kontert diese Bedenken damit, dass die Gäste ihr Einverständnis zur Analyse geben. Zudem sei der Preis pro Nacht günstiger als in vielen anderen Hotels. Und er könnte über die Jahre, wenn das Geschäft mit Schlafdaten noch größer wird, gar fallen. Denn die echte Ware ist hier allmählich womöglich nicht mehr das Bett. Sondern das, was auf ihm gemessen wird.







