Europa diskutiert über Zölle, Emissionsziele und die richtige Industriestrategie. Das ist nötig – und doch wirkt es, als würde die Debatte am eigentlichen Umbruch vorbeilaufen. Während in Brüssel noch über Leitplanken gestritten wird, hat China die nächste Stufe der Fertigung vielerorts bereits eingeschaltet: sogenannte Dark Factories. Diese Fabriken sind kaum beleuchtet – und trotzdem verlassen Produkte die Hallen in einem Tempo, das im Halbdunkel beinahe unwirklich wirkt.

Dark Factories: Warum Chinas Dunkelfabriken ohne Licht auskommen

„Dunkel“ heißen diese Fabriken nicht, weil dort etwas versteckt würde, sondern weil sie kaum noch Licht für Menschen brauchen. Dark Factories, oft auch Dunkelfabriken genannt, sind Produktionshallen, in denen nur noch wenige Menschen direkt an der Fertigung beteiligt sind. Die Arbeitsschritte laufen weitgehend automatisch ab: Maschinen übernehmen die Montage, Messsysteme kontrollieren laufend die Qualität, und lernfähige, computerbasierte Steuerungen greifen ein, wenn etwas vom Soll abweicht.

In Europas Debatte über Industrie 4.0 galt die Dunkelfabrik lange als Extremvision: eine Fabrik, in der der Mensch höchstens noch aus der Distanz überwacht. In China aber ist diese Vision vielerorts nicht mehr Theorie, sondern Betriebspraxis.

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Xiaomi und BYD: Produktion im Sekunden-Takt

Wie konkret das inzwischen ist, zeigen Zahlen, die eher nach Stoppuhr als nach Industrie klingen. „Industrial Equipment News“ schreibt, Xiaomis Smartphone-Fabrik im Pekinger Bezirk Changping produziere alle drei Sekunden ein fertiges Gerät – möglich werde das durch eine vollständig automatisierte Produktionslinie, die ohne manuelle Eingriffe auskomme.

Noch eindringlicher wird der Maßstab in der Autoindustrie. Wie das „Handelsblatt“ schreibt, produziert Xiaomis neue Autofabrik in Peking mit mehr als 700 Robotern im Schnitt alle 76 Sekunden ein Elektrofahrzeug vom Typ SU7. Und auch BYD, Chinas Branchenriese, setzt in hochautomatisierten Werken auf Tempo: „Business Insider“ leitet aus Jahresproduktion und Betriebsumfang ab, dass dort ungefähr jede Minute ein Fahrzeug vom Band rollt. Das entspräche mehr als einer halben Million Autos pro Jahr – sofern die Produktion nicht gedrosselt wird. Zum Vergleich: Bei Volkswagen liefen 2023 am Standort Wolfsburg rund 490.000 Fahrzeuge vom Band – in einem Werk mit etwa 70.000 Beschäftigten, wie Volkswagen in einer Presseinformation schreibt.

Industrieroboter in China: Die neue Belegschaft der Dark Factories

Was in diesen Hallen arbeitet, sind längst nicht nur die bekannten Roboterarme aus der Autoindustrie. Zum Einsatz kommen auch hochspezialisierte Maschinen, die sehr feine Montage übernehmen, Oberflächen polieren, Bauteile prüfen oder ganze Arbeitsschritte in der Endmontage erledigen – Aufgaben, die früher oft menschliche Routine und Fingerspitzengefühl verlangten. China setzt solche Industrieroboter inzwischen in einem Umfang ein, der weltweit Maßstäbe setzt. Der internationale Robotikverband IFR berichtet, dass China 2022 mehr als 290.000 neue Industrieroboter installiert habe – mehr als die Hälfte des globalen Gesamtvolumens.

Unternehmen wie Foxconn treiben diesen Wandel voran. Der Elektronikriese hat nach eigenen Angaben in seinem Werk in Kunshan mehr als 60.000 Beschäftigte durch den Einsatz von Robotern ersetzt. Bis 2025 wolle Foxconn rund 30 Prozent seiner Abläufe automatisieren. BYD wiederum integriert Robotersysteme großflächig in die Fertigung – etwa bei Batterien und Fahrzeugaufbauten.

Wie selbstverständlich diese neue Arbeitsteilung inzwischen kommuniziert wird, zeigt auch ein Beispiel von Xiaomi. Firmenchef Lei Jun schrieb auf X, die Montage von Türen, Motorhaube, Kofferraumabdeckung und Kotflügeln werde von 36 Robotern übernommen. Im dazugehörigen Video ist zu sehen, wie die Maschinen Teile greifen, anheben, millimetergenau positionieren und verschrauben – ohne dass daneben jemand steht, der nachjustiert oder eingreift. 

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Künstliche Intelligenz in der Produktion: Das „Gehirn“ der Dark Factory

So beeindruckend diese hochspezialisierten Maschinen auch sind – ohne übergeordnete Steuerung wären sie vor allem schnell, aber nicht zwingend effizient. Damit eine Dark Factory stabil läuft, muss das System ständig neu entscheiden, welcher Schritt als Nächstes folgt und wo sich ein Engpass anbahnt. Dafür liefern Sensoren ununterbrochen Messwerte, etwa zu Temperatur, Vibration, Stromverbrauch und zur Position von Bauteilen; Kamerasysteme registrieren sogar kleinste Abweichungen an Form und Oberfläche.

„Industrial Equipment News“ beschreibt Künstliche Intelligenz (KI) deshalb als das „Gehirn“ solcher Fabriken. Sie wertet diese Signale in Echtzeit aus, gibt den Maschinen neue Anweisungen und greift ein, bevor kleine Abweichungen die ganze Linie aus dem Takt bringen. Das gilt auch für die Instandhaltung: Statt erst zu reagieren, wenn etwas kaputtgeht, erkennt die KI früh typische Warnzeichen in den Messwerten – und löst Wartung aus, bevor Maschinen stehenbleiben. Bei Xiaomi übernimmt das laut Unternehmensangaben eine Plattform namens HyperIMP: Sie überwache die Produktion, koordiniere elf Fertigungslinien und verteile Aufgaben neu, wenn etwas aus dem Takt gerät.

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Energiepreise in China: Der zweite Vorteil neben der Technik

So viel lässt sich aus der Technik ableiten – aber sie erklärt Chinas Tempo nur zur Hälfte. Der zweite Hebel ist Energie. Die „Financial Times“ nennt Chinas Umbau einen Schritt in Richtung eines „elektrischen Staates“, in dem Strom zur strategischen Grundlage von Wachstum und Produktion wird. 

Eine Schlüsselrolle spielen dabei Ultrahochspannungsleitungen, die Energie über Tausende Kilometer transportieren. Nach Angaben der US-Energiebehörde EIA hatte China 2024 bereits 42 solcher UHV-Leitungen in Betrieb – mit einer Übertragungskapazität von über 300 Gigawatt. So kann erneuerbarer Strom aus wind- und sonnenreichen Regionen im Westen in die Industriezentren im Osten fließen, ohne dass unterwegs zu viel verloren geht. 

Und das schlägt sich am Ende in der entscheidenden Kennzahl nieder: dem Preis. Laut „BusinessEurope“ lagen industrielle Strompreise 2024 in China bei etwa 8 Cent pro Kilowattstunde. In Deutschland lag der modellierte Industriestrompreis 2024 im Schnitt bei 16,77 Cent pro Kilowattstunde – also etwa doppelt so hoch.

Dark Factories: Zukunft der Industriearbeit oder Verlust der Wettbewerbsfähigkeit?

Was folgt daraus? Wenn Energie in großen Mengen verfügbar und vergleichsweise günstig ist, lohnt sich eine Produktion, die nahezu durchlaufen kann. Dark Factories sind genau darauf ausgelegt: keine Schichtwechsel, keine Pausenlogik. Und weil jeder Schritt permanent gemessen und dokumentiert wird, kann die Qualität gleichmäßiger ausfallen als in Fabriken, in denen Menschen unter Takt und Zeitdruck entscheiden müssen.

Vor allem aber sinken die direkten Personalkosten. In chinesischen Staatsmedien ist teils von Einsparungen zwischen 80 und über 90 Prozent die Rede; Xiaomi nennt für sein Werk in Changping eine Reduktion um 91 Prozent. Das klingt nach Effizienzgewinn – hat aber einen Preis. Denn jede eingesparte Arbeitsminute bedeutet in der Praxis oft: weniger klassische Industriearbeit.

In Deutschland klingt deshalb Skepsis mit. Martin Krzywdzinski vom Wissenschaftszentrum Berlin sagte dem „Deutschlandfunk“, eine vollständig automatisierte Produktion sei „ökonomisch riskant, technologisch schwer und sozial nicht erstrebenswert“. Auch der Dortmunder Industrie-Soziologe Hartmut Hirsch-Kreinsen bremst die Vorstellung von der „menschenleeren“ Fabrik. Ganz ohne Menschen, betont er, gehe es nicht: Anspruchsvolle, gut bezahlte Tätigkeiten in Planung, Umsetzung, Überwachung und Wartung blieben unverzichtbar. Zudem gebe es Dark Factories bisher vor allem in stark standardisierten, hochkomplexen Bereichen wie Chip- und Pharmaindustrie; für die Breite der Industrie seien sie, so Hirsch-Kreinsen, technologisch schwer beherrschbar und ökonomisch riskant.