Für viele Kuriere, Fahrer oder Reinigungskräfte gehört das Smartphone zum Arbeitsalltag wie Uniform oder Schlüsselbund. Es weist ihnen nicht nur Aufträge zu, berechnet Routen und misst die Zeit – es kontrolliert sie. Jede Lieferung wird registriert, jeder Standort verfolgt, jede Minute erfasst. Wer über Plattform-Apps arbeitet, hat oft keinen Vorgesetzten mehr aus Fleisch und Blut, sondern einen Algorithmus, der über die eigene Arbeit entscheidet.

Digitale Plattformen organisieren heute Millionen von Dienstleistungen. Sie „bringen Kunden, die Dienstleistungen benötigen, mit denjenigen zusammen, die sie anbieten. Damit treten sie an die Stelle traditioneller Dienstleistungsbetriebe und Arbeitgeber“, sagt Martin Friedrich vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB). Während in klassischen Betrieben Vorgesetzte die Aufgaben verteilen, übernehmen in der Plattformökonomie Algorithmen die Koordination, „und sammeln dabei gleichzeitig Daten über die Arbeit der Beschäftigten“, sagt der Forscher. „Diesen Vorgang nennt man auch algorithmisches Management.“

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Digitale Kontrolle: Lieferdienst-Apps setzen Beschäftigte unter Druck

Für die Beschäftigten verändert das den Arbeitsalltag grundlegend. Apps weisen Aufträge zu, berechnen Routen, messen die Zeit und registrieren den Standort. Das ermöglicht eine lückenlose Datenspur – und genau das empfinden viele Beschäftigte als belastend. Eine Befragung des IAB zeigt, wie stark sich diese Form der Kontrolle bemerkbar macht. 45 Prozent der befragten Lieferdienstbeschäftigten geben demnach an, sich durch digitale Arbeitsmittel überwacht zu fühlen. In vergleichbaren Helfertätigkeiten außerhalb der Plattformökonomie sind es dagegen nur acht Prozent.

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Das Gefühl ständiger Kontrolle entsteht vor allem durch zwei Funktionen der Apps: die Bewertung des Arbeitstempos und die Standortverfolgung. „88 Prozent derjenigen, die sich überwacht fühlen, nennen insbesondere die ständige Kontrolle des Arbeitstempos durch Apps und Algorithmen als belastend“, sagt Studienautor Friedrich. „Auch die permanente Standortverfolgung trägt wesentlich zu diesem Gefühl bei.“

Hinzu kommt ein weiteres Problem: Entscheidungen werden oft automatisiert getroffen. Wenn ein Auftrag verspätet ankommt oder eine Route länger dauert als geplant, gibt es selten einen Ansprechpartner. „Lieferdienstbeschäftigte haben dadurch kaum eine Chance, sich zu erklären, wenn etwas nicht funktioniert“, sagt Friedrich. Daraus entstehe die Sorge, „dass der Algorithmus sie ‚bestraft‘, indem sie am nächsten Tag schlechtere oder weniger Aufträge erhalten.“

Ein Lieferdienstfahrer bringt bei Regen Essen
Für viele Plattformbeschäftigte, darunter Angestellte von Essens-Lieferdiensten, bestimmen Algorithmen den Arbeitsalltag.© picture alliance | Jochen Tack

EU-Plattformrichtlinie stärkt Rechte und Schutz von Gig-Workern

Genau hier setzt eine europäische Regelung an. Die EU hat im Oktober 2024 die sogenannte Plattformrichtlinie beschlossen. Ein zentraler Punkt ist die sogenannte Beschäftigungsvermutung. Sie soll verhindern, dass Plattformarbeiter fälschlich als Selbstständige gelten: Wenn Plattformen ihre Arbeit faktisch steuern oder kontrollieren, sollen sie rechtlich als Arbeitnehmer eingestuft werden. Außerdem sollen Plattformen künftig offenlegen müssen, wie automatisierte Systeme Aufträge vergeben und Leistungen bewerten. Die Mitgliedstaaten haben nun bis Ende 2026 Zeit, die Plattformrichtlinie in nationales Recht umzusetzen. Friedrich weist darauf hin, dass die Erfahrungen der Gig-Worker dabei systematisch einbezogen werden sollten: „Plattformarbeiter müssen informiert werden, wie die Algorithmen arbeiten und welche Auswirkungen die gesammelten Daten auf ihre Arbeit haben.“

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Für viele Beschäftigte geht es dabei nicht nur um Rechte oder Verträge – sondern auch um ihre Gesundheit. Denn die dauerhafte digitale Kontrolle kann psychisch belastend sein. „Darüber hinaus ist es wichtig, die psychische Belastung und Gesundheit der Beschäftigten im Zusammenhang mit algorithmischem Management zu untersuchen“, sagt Friedrich. Es müsse geprüft werden, „welche Auswirkungen die permanente Überwachung durch Algorithmen auf die psychische Gesundheit hat und ob aus Arbeitsschutzsicht Regelungen notwendig sind, um unverhältnismäßige Belastungen zu vermeiden.“