Bevor die Tür der Gemeinschaftspraxis um 9 Uhr öffnet, ist die Treppe in den ersten Stock schon gut gefüllt. 20 Patientinnen und Patienten gucken wartend in ihre Smartphones. Geht es dann los, nimmt die Schlange am Tresen stundenlang kaum ab, das Praxisteam hat gut zu tun, zumal auch das Telefon klingelt und Emails mit akuten Terminwünschen reinkommen.
Oft stressiger Alltag ist das für die beiden Hausärztinnen, ihren Arztkollegen und die übrigen sieben Beschäftigten der Praxis in Berlin. Im Augenblick stecken die Ärztinnen und Ärzte zwischen den Folgen der Krankenkassen-Reform, die der Bundestag kürzlich beschloss, und dem nächsten großen Vorhaben: Bald sollen die Praxen die obligatorische Ansprechstation für die meisten Gesundheitsprobleme werden. „Primärversorgungssystem“ wird das genannt. Und dann gibt es noch die Krankschreibung, die sie allen Beschäftigten wieder am ersten Tag ausstellen sollen – ein echter Aufreger.
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Kürzungen bei Krankenkassen: Hausärzte warnen vor längeren Wartezeiten
Im bundesweiten Durchschnitt versorgt jede Hausarztpraxis heute etwa 15 Personen pro Tag. Aber es existieren große Unterschiede – zwischen Dörfern und Großstädten, von Winter zu Sommer. So behandelt die Berliner Praxis über 100 Leute an einem normalen Wochentag. Anders als bei Fachärztinnen und Fachärzten bekommen die Kranken relativ schnell Termine. „Nur 25 Prozent der Patientinnen und Patienten warten aktuell länger als drei Tage“, heißt es beim Hausärztinnen- und Hausärzteverband. Ein Viertel der Patienten suche die Hausarztpraxen ohne Termin direkt auf.
Ist durch die jüngste Reform, die die Kosten der Krankenkassen verringern soll, nun eine Verbesserung oder Verschlechterung zu erwarten? „Die Regierung unternimmt momentan alles, um die Wartezeiten für Patientinnen und Patienten in die Höhe zu treiben“, sagt Markus Blumenthal-Beier, der Vorsitzende des Hausärzteverbandes. Die Kassenärztliche Bundesvereinigung sieht es ähnlich. „Die jüngsten Beschlüsse bewirken das genaue Gegenteil von schnelleren Terminen“, erklärt Pressesprecher Roland Stahl, denn „das Gesetz sieht erhebliche Einsparungen in der ambulanten Versorgung vor: 2,7 Milliarden Euro sollen im nächsten Jahr gekürzt werden“.
Praxen sehen sich durch geringere Kassenleistungen unter Druck
Die bisherige Bundesgesundheitsministerin Nina Warken (CDU) hat in ihren Gesetzentwurf aufgenommen, dass die Krankenkassen den Praxen für manche Leistungen bald weniger Geld zahlen. Laut Kassenärztlicher Vereinigung betrifft das „zum Beispiel ambulante Operationen, Untersuchungen zur Früherkennung und Impfungen“. Während die Praxen heute die kompletten Kosten einer Grippe-Impfung von 10,80 Euro erstattet bekämen, erhielten sie künftig weniger. Sie blieben damit auf einem Teil der Kosten sitzen, sagen die Ärztevertretungen.
Und dies werde dazu führen, dass die Medizinerinnen und Mediziner auch bei ihrem Personal sparten. Freiwerdende Stellen von Sprechstundenhilfen und Ärztinnen würden nicht neu besetzt. Mancher ältere Praxisinhaber werde wohl auch die Konsequenz ziehen und seine Tätigkeit früher als beabsichtigt aufgeben.
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Gesundheitsausgaben steigen schneller als die Einnahmen der Kassen
Warkens Begründung sieht so aus: „Alleine im Vorjahr sind die Ausgaben für ambulante ärztliche Behandlungen um 7,6 Prozent gestiegen.“ Das sei deutlich mehr als die Entwicklung der Kasseneinnahmen. Beides solle also wieder zusammengebracht werden, sprich: Die Kosten müssten runter. Fragt man das Ministerium, ob wirklich mit weniger Terminen in den Praxen zu rechnen sei, lautet die Antwort, diese seien verpflichtet, das notwendige medizinische Angebot aufrechtzuerhalten.
Im Spätsommer oder Frühherbst 2026 soll der Gesetzentwurf zum Primärversorgungssystem kommen. Diesen wird nun Warkens Nachfolger, der bisherige CDU-Generalsekretär Carsten Linnemann, federführend erarbeiten.
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Hausärzte sollen künftig als erste Anlaufstelle dienen
Grundsätzlich könnte sich damit dann die neue Pflicht für gesetzlich Versicherte etablieren, im Fall von Infekt, Krankheit oder Schmerzen als erstes zur Hausarztpraxis gehen zu müssen. Bei Grippe, hartnäckigem Husten oder leichten Verletzungen machen das heute viele Leute sowieso, aber grundsätzlich darf man auch eine spezialisierte Fachpraxis aufsuchen. Das führt nicht selten zu unnötigen oder parallelen Behandlungen und damit beträchtlichen Kosten im Gesundheitssystem.
Künftig sollen die Hausärzte dagegen als obligatorische Lotsen fungieren, die den Weg zu den richtigen Fachpraxen weisen, falls sie die Behandlung nicht selbst leisten können. Ansätze dieser Verfahren existieren in Gestalt der sogenannten hausarztzentrierten Versorgung schon heute auf freiwilliger Basis. Sie genießen einen guten Ruf. „Ein gut umgesetztes Primärversorgungssystem erleichtert die Versorgung der Patientinnen und Patienten, weil unnötige Doppeluntersuchungen oder Rückfragen zu Behandlungen und Krankheitsgeschichte wegfallen“, sagt Hausärzte-Vertreter Blumenthal-Beier. Allerdings fügt er hinzu: Die Vergütung der Praxen „muss diese Versorgungsstruktur gerecht und fair abbilden“.

Kurzfristig muss der neue Gesundheitsminister Linnemann ein Problem bewältigen, das den Konflikt noch verschärft. Um die Krankheitstage der Beschäftigten zu verringern, beschloss der Koalitionsausschuss aus Union und SPD Anfang Juli, dass man wieder vom ersten Tag an eine Krankschreibung vom Arzt braucht. Wie genau die Regelung ausgestaltet wird, ist noch offen. Aber: „Nach unseren Berechnungen würde das 36 Millionen zusätzliche Praxisbesuche pro Jahr bedeuten, vor allem bei den Hausärzten“, warnt Roland Stahl von der Kassenärztlichen Vereinigung.






