Thüringen Kontrovers zum Thema Massentierhaltung

Der massenweise Einsatz von Antibiotika in der Tierhaltung hat den Streit zwischen Ökolandbau und Agrar-Großunternehmen neu entfacht. Allein in Thüringen gibt es 220.000 viehhaltende Betriebe. Neue Riesenställe sollen gebaut werden, stoßen aber auf Widerstand der Grünen und der Umweltschützer.

Im Haus Dacheröden diskutierten Cornelie Jäger, Helmut Gumpert, TA-Wirtschaftsredakteur Dietmar Grosser, Frank Augsten und Jürgen Reinholz (von links). Foto: Marco Kneise

Im Haus Dacheröden diskutierten Cornelie Jäger, Helmut Gumpert, TA-Wirtschaftsredakteur Dietmar Grosser, Frank Augsten und Jürgen Reinholz (von links). Foto: Marco Kneise

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Dietmar Grosser: Muss es sein, dass man in Massentierhaltung 100 000 Schweine in großen Ställen hat?

Jürgen Reinholz: Das Wort Massentierhaltung verwende ich ungern. Ich sage Haltung in Großtieranlagen.

Cornelie Jäger:

Viele Leser sind alarmiert durch die jüngsten Veröffentlichungen von Studien aus Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen zum Einsatz von Antibiotika. Das deckt sich mit Erfahrungen, die wir aus der Überwachung haben. Aber der Einsatz von Antibiotika ist nur eine Reaktion auf die Massentierhaltung, nicht die Ursache. Die Regelungen im Tierarzneimittelbereich sind eigentlich im Vergleich zum Humanbereich viel strenger.

Jürgen Reinholz:

Die hygienischen Vorkehrungen in großen Ställen sind enorm, um den Einsatz von Antibiotika zu verhindern. Dem steht aber der Preisdruck aus dem Handel gegenüber. Wenn für 99 Cent 4 Hähnchenschenkel angeboten werden, geht das nur mit Massentierhaltung. Der Verbraucher hat es in der Hand.

Frank Augsten: Ich würde die Schuld nicht dem Verbraucher geben. Es ist die Preispolitik, die man überdenken muss. Die Tierhaltung im ökologischen Landbau ist für mich das Mindestmaß einer vertretbaren Größe.

Helmut Gumpert: Mit dem Ökolandbau ist das nicht zu machen. In Thüringen gibt es 220 000 viehhaltende Betriebe mit 120 Millionen Stück Geflügel und 220 Milch produzierenden Betrieben. Wir dürfen nicht vergessen, dass wir uns dabei in einem Dilemma befinden: da sind einerseits die Bedingungen, die uns der Markt aufzwingt, und andererseits die praktischen Bedingungen der Landwirte. Wir sind auch offen für eine Debatte, wie wir produzieren können. Dazu brauchen wir Zeit, Übergangsfristen und wissenschaftliche Begleitung.

Frank Augsten:

Ich verwende statt Massentierhaltung den Begriff Intensivtierhaltung. Denn was Tieren zugemutet wird, geht weit über das genetisch vorhandene Vermögen hinaus. Sie werden zu einer Leistung getrieben, die biologisch nicht vorgesehen ist. Dann ist das kein Bauernbetrieb mehr, sondern eine Fabrik.

Stückzahl im Stall sagt nichts über Tierkomfort

Cornelie Jäger:

Die Entscheidung der Verbraucher findet vor dem Hintergrund der Information statt. Wenn man über ein Tierschutzlabel diskutiert, dann wird mehr Transparenz gefordert.

Michael Grolm, Berufsimker in Tonndorf: Warum wird die Vergabe von Fördermitteln nicht an Bedingungen zur Tierhaltung verknüpft? Warum werden nicht mehr eiweißhaltige Pflanzen angebaut?

Jürgen Reinholz: Die Förderprogramme müssen kleiner werden, weil Thüringen ab 2014 nicht mehr die höchste Förderquote der EU erhält.

Helmut Gumpert:

Die Tierhaltung beginnt mit der Artenvielfalt auf dem Acker. Ich stimme zu, was den Einsatz von eiweißhaltigen Pflanzen betrifft. Eine ausgewogene Fruchtfolge streben viele Betriebe an. Doch müssen sie auch ökonomisch überleben können.

Frank Augsten: Es reicht nicht aus, dafür die Betriebe zu verkleinern. Die Intensivhaltung muss aufhören.

Dietmar Grosser: Warum lassen wir die Holländer mit Großanlagen ins Land?

Jürgen Reinholz: Es gibt Freizügigkeit in Europa. Wir schreiben doch auch keinem Thüringer Solarunternehmen vor, wenn es im Ausland aktiv ist.

Frank Augsten: In den Niederlanden wurde der Ausstieg aus der intensiven Tierhaltung mit hohen Prämien gefördert. Mit diesem Geld werden jetzt die Ansiedlungen in Thüringen vorangetrieben. Das ist doch nicht normal.

Helmut Gumpert: Mir wäre es auch lieber, wenn es deutsche Bauern wären.

Dietmar Grosser: 86 Prozent der Thüringer kaufen ihre Lebensmittel im Supermarkt: Zwingt das zu niedrigen Preisen?

Frank Augsten: Wir müssen ein Bewusstsein schaffen, dass man bei einer Intensivhaltung mehr Geld für die Lebensmittel ausgeben muss. Zudem steigt auch mit dem Bildungsgrad die Bereitschaft, in Bioläden einzukaufen. Andererseits können wir niemanden zwingen, die Lebensmittelpreise zu erhöhen.

Helmut Gumpert: An der Ladentheke ist das Kaufverhalten anders. Trotzdem halten wir an der Direktvermarktung fest, weil es neben den Discountern ein Weg des Verkaufs ist. Außerdem sagt die Stückzahl im Stall nichts über den Tierkomfort aus. Große Betriebe sollte man darum nicht an den Pranger stellen. Ich wünsche mir mehr Anerkennung für diesen Berufsstand.

Gudrun Holzapfel, Nordhausen: Der Verbraucher will wissen, was man kauft. Da muss es viel mehr Aufklärung geben.

Jürgen Reinholz: Der Verbraucherschutz in Thüringen funktioniert gut. Das hat die Ehec-Krise gezeigt. Die Erziehung zu bewussten Verbrauchern, zur gesunden Ernährung fängt im Kindergarten an.

Frank Augsten: Wir müssen das Bewusstsein verändern und die Vorgaben der Deutschen Gesellschaft für Ernährung umsetzen. Denn die sagt, dass wir doppelt so viel Fleisch essen, als wir eigentlich brauchen. Wir brauchen einen langsamen Übergang zu weniger Fleisch. Wir haben doch die einmalige Chance, mit Bio-Energie Geld zu verdienen. Warum steigen die Bauernverbände nicht darauf ein?

Helmut Gumpert: Gülle und Stalldung erhöhen unsere Bodenfruchtbarkeit. Ich wünsche mir mehr davon. Es bringt doch nichts, die Wertschöpfung in der Agrarwirtschaft zu verteufeln. Oder wollen wir das auch aufgeben?

Jürgen Reinholz: 47 Prozent der Gülle werden in Thüringen in Biogasanlagen verwertet. Das ist Spitze.

Frank Augsten:

Ich kann nicht verstehen, dass in Thüringen 5 Massentieranlagen mit bis zu 10 000 Tieren geplant werden. Da kommen wir zu einer Tierproduktion zurück, die wir mit der DDR hinter uns gelassen glaubten.

Dr. Gisbert Paar, Sozialministerium Erfurt: Das Thüringer Sozialministerium führt einmal im Jahr einen Verbraucherschutztag mit 250 Workshops durch. Daran sind auch Schulen angeschlossen. Andererseits: Ich kann mir nicht vorstellen, dass wir 3 fleischlose Tage in der Woche einführen werden. Wir sind in einem freien Land.

Jürgen Reinholz: Das ist ein gesellschaftliches Problem. Ich kann die Veränderung bei den Verbrauchern nicht mit einer Order erzwingen. Das Umdenken geht nicht wie beim Atomausstieg.

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