Eine irrwitzige Fahrt voller Gebrüll, Streit, falscher Wege, Gelächter und Pausen im voll bepackten Wagen mit sechs Menschen: das normale Grauen auf den Autobahnen in der Ferienzeit – ist das nicht. Obwohl es sich so liest und anfühlt. Die Familie will zwar irgendwo hin, aber sie will vor allem weg. Weg von Zerstörung, Bomben, Raketen, Leichenteilen. In ein Motel an der Grenze, von dem aus es nicht mehr weit sein soll zum Frieden.

Sonntag
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Mit im Gepäck, aus Versehen: die Anleitung zum Aufbau eines Bettes. Aus einer fremden Sprache auf die Art übersetzt, die unweigerlich schmunzeln lässt, aber oft nicht hilfreich ist. Die Rückseite der Zettel dienen der 14-Jährigen Marzia als Tagebuch der Flucht; Zitate aus der Bauanleitung lesen sich wie groteske Kommentare zum Geschehen.
Marzia schwankt zwischen schrottgenervt, todesängstlich, mitfühlend und vor allem wütend. Wütend auf den aufreizend gelassenen Vater, ständig im Livestream des Krieges versunken; auf die Mutter, die scheinbar immer auf der Seite der kleinen Schwester steht; auf die Schwester, dieses unberechenbare, laute kleine Kind; auf die Oma mit ihren guten Ratschlägen und den tauben Großvater, der sich ständig verfährt und auf niemanden hört, aber leider der einzige mit Fahrerlaubnis ist.
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Sie ist wütend auf den Krieg, der ihr das neue Bett genommen hat, das sie gerade erst aufgebaut hatten. Der die Nachbarin dort getötet hat, wo sie sich sicher wähnte. Dessen Bomben Marzias Haus hätten treffen können. Der ihnen einen kleinen Jungen in den Weg spült, stumm, allein, in Sorge um eine verletzte Schlange, und einen evakuierten Zoo. Der dafür verantwortlich ist, dass ihr Lebenshunger nicht gestillt werden kann.
Das alles ist so grotesk wie grausam wie komisch und wirkt irreal, weder in der Gegenwart noch in irgendeiner anderen Zeit verankert. Marzia schreibt mitunter wie abgehackt, in hohem Tempo, dann wieder fast quälend langsam, angepasst an die Irrfahrt der Familie. Dass wir ihre Aufzeichnungen einer Flucht lesen können, verdanken wir dem namenlosen Schriftsteller, dem das Mädchen im Motel an der Grenze seine Zettel übergibt, wie ein Vermächtnis.
Weitere Buchtipps der Woche:
Fantasy: Durch ein Wurmloch in die 80er Jahre
Mädchenpower: Girlhood: Sechs Geschichten über Mut und Vielfalt
Mitmachbuch über Vincent van Gogh: Farbkleckse wie Corona-Viren
Er gibt es uns weiter, in der Rahmenhandlung, die Andrej Bulbenko und Marta Kajdanowskaja erdacht haben für ihr Buch über den Krieg in der Ukraine, dem die Kinder noch ohnmächtiger ausgeliefert sind als die Erwachsenen. Die Originalausgabe erschien 2022 – in Russland. Die Zeiten sind vorbei, in denen das möglich war, die Botschaft gilt weiter: Die deutsche Akademie für Kinder- und Jugendliteratur hat „Elektrizität und Himmelsfische“ zu ihrem Hoffnung-Buchtipp für Oktober gewählt.
Andrej Bulbenko und Marta Kaidanowskaja bilden eine künstlerische Allianz – Andrej Bulbenko ist das Pseudonym eines etablierten ukrainischen russisch schreibenden Autors. Marta Kajdanowskaja ist das Pseudonym einer Schülerin, die während der Zusammenarbeit 15 Jahre alt war. Für sie ist es das literarische Debüt. Beide verbindet eine Fluchterfahrung, das Entsetzen über den Krieg in der Ukraine und der gemeinsame Wunsch, den Lesern und Leserinnen das Leid der Zivilbevölkerung, insbesondere der Kinder, näherzubringen.
Andrej Bulbenko, Marta Kajdanowskaja (Text), Henriette Reisner, Olga Radetzkaja (Übers.): Elektrizität und Himmelsfische. dtv, 192 Seiten, 18 Euro, ab 14




