Rund 250.000 Bürger jenischer Abstammung leben Schätzungen zufolge in Deutschland. Nach ihrem Selbstverständnis sind die Jenischen ursprünglich ein reisendes Volk von Handwerkern und Händlern. Doch warum sind diese und andere modernen Nomaden kaum noch zu entdecken? Wie und wo leben sie, vor allem die Frauen? Die Thüringer Regisseurin Anna Friedrich hat sich für ihren Dokumentarfilm „Lichter der Straße“ auf die Suche nach ihnen begeben. Entstanden sind filigrane Porträts mehrerer Frauen, unterschiedlichster Vertreterinnen dieser Lebensweise, etwa einer Artistin und einer Handwerkerin auf der Walz. Der Film bringt verschiedene Menschen zusammen, die nicht alle unter dem gleichen Begriff zu fassen sind, auch Menschen, die nur zum Teil, also semi-nomadisch leben.

Lichter der Straße
Die Thüringer Regisseurin Anna Friedrich im Selbstporträt.© Anna Friedrich | Anna Friedrich

Begonnen hat das Projekt mit der Straße vor ihrem Haus. „Während der Pandemie hatte ich immer diesen Blick auf die Landstraße, die sich in die Ferne windet – ich empfand es immer als Einladung, ihr zu folgen. So habe ich angefangen, die Scheinwerfer der Autos, die nächtlichen Lichter der Straße, in Gedanken zu verfolgen – wer fährt wohin und was ist mit denen, die nicht ausschließlich sesshaft leben?“

Relikt aus einer anderen Zeit

Bislang war sie mit dem Thema noch nicht in Berührung gekommen, verrät die Regisseurin: „Meine Mutter hatte mir dann erzählt, dass sie in Arnstadt einen Wagen eines fahrenden Händlers gesehen hatte. Es erschien mir wie ein Relikt aus einer anderen Zeit, das fand ich faszinierend.“

Lichter der Straße
Szenenfoto aus dem Dokumentarfilm „Lichter der Straße" der Thüringer Regisseurin Anna Friedrich.© Leonard Schmidt | Leonard Schmidt

So begann Anna Friedrich zu recherchieren, fuhr durch ganz Deutschland und stieß dabei auf die Jenischen, eine Minderheit, die reisende Berufe ausführt. „Der Markt ist von jeher ein klassischer Ort der Jenischen. Früher, als mehr repariert wurde, waren es etwa Scherenschleifer, Bürstenbinder und Kesselflicker, aber auch Schausteller und Artisten, Metallhändler und Handwerker, das ist ganz vielseitig.“

Lichter der Straße
Plakat des Dokumentarfilms „Lichter der Straße" der Thüringer Regisseurin Anna Friedrich.© Anna Friedrich | Anna Friedrich

Der Film, der durch die Mitteldeutsche Medienförderung und die Thüringer Staatskanzlei gefördert wurde, räumt auch mit Missverständnissen auf, etwa, dass nomadisch nicht haltlos und völlig ungebunden bedeutet, so Friedrich. „Früher waren die Jenischen, auch aufgrund der Ausgrenzung aus der Gesellschaft, tatsächlich meist dauerhaft unterwegs, mittlerweile sind sie aber größtenteils sesshaft und nur noch saisonal unterwegs, um ihren Gewerken nachzugehen. Das bedeutet dann, wochenlang auf verschiedenen Märkten zu stehen und im Wohnmobil zu übernachten.“

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Die Langsamkeit des Reisens

Aber warum sind die modernen Nomaden so unsichtbar? „Die Gesellschaft hat keine Zeit mehr für sie“, sagt etwa ein Straßenarbeiter, zudem seien die meisten Straßen so ausgebaut, dass es keine Freude sei, auf ihnen zu laufen und auf eine Mitfahrgelegenheit zu hoffen. „Die Leute auf der Walz testen, da sie per Anhalter reisen, immer wieder aus, wie sehr es diese Langsamkeit des Reisens, diese Räume der Solidarität und diese Gastfreundschaft noch gibt“, erklärt Anna Friedrich.

Negative Vorurteile

Die Jenischen seien dagegen gesellschaftlich komplett unsichtbar. „Kaum einer weiß, wer sie sind, wo sie sind. Diese Unsichtbarkeit, gekoppelt mit alten Stereotypen, lastet schwer auf ihnen und konfrontiert sie immer wieder mit großen Herausforderungen beim Unterwegssein, weil sie dann eben auch Träger von negativen Vorurteilen sind, die aber mit ihrer Lebensweise wenig zu tun haben.“

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Diskriminierung in der Schule

Sowohl die Menschen auf der Walz als auch die Jenischen treten für Offenheit und Gastfreundschaft ein – und sind auch darauf angewiesen, etwa, um ihrer Arbeit nachzugehen. „Bei den Jenischen aber wiegen die Traumata aus dem Nationalsozialismus noch sehr schwer nach, einerseits durch Verlusterfahrungen in den Familien, andererseits aber auch dadurch, dass in dieser Zeit die Normalität des Reisens in deren Sinne ganz stark eingeschränkt wurde und danach nie wieder zurückgekommen ist.“ Deshalb würden die Jenischen gerade wieder verstärkt um Anerkennung durch die Gesellschaft kämpfen. Erschreckend sei für sie gewesen, welche Diskriminierungen junge Jenische etwa in der Schule erfahren, so Anna Friedrich.

Von älteren Protagonistinnen wie der Hochseilartistin Elvira, aber auch von der Wandergesellin Magdalena habe sie aber viel über das Leben gelernt, etwa über die Kunst des Reisens. Die müsse man beherrschen, wenn man wochen- oder gar monatelang mit Minimalgepäck unterwegs sei. Denn man müsse Freude daran haben, „auch mal bei Nieselregen unter dem Vordach zu schlafen.“

Sonntag

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Zu sehen ist der Film am 25. Februar im Theater Arnstadt, am 7. April im „Spatz“ in Waltershausen und am 8. April im Schillerhof in Jena, dazu gibt es jeweils ein Filmgespräch. Weitere Aufführungen soll eine Spendenaktion ermöglichen. Infos dazu hier oder unter www.startnext.com/kinotourlichter