Peggy Patzschke, die fröhlichste Moderatorin Mitteldeutschland, kann auch ernst: Jüngst erschien ihr Debütroman „Bis ans Meer“, die bewegende Flucht-Geschichte ihrer Großmutter Frieda, die sich im Januar 1945 in Schlesien mit ihrer kleinen Tochter Erika auf den langen Weg gen Westen macht. Nun hat sie den Zukunft-Erbe-Preis der Stiftung Erinnerung Begegnung Integration dafür bekommen. Im Interview spricht Peggy Patzschke über das Buch, dessen Auswirkungen und ihre Arbeit als ehrenamtliche Seelsorgerin, die sie auch mit Anschlag vom Magdeburger Weihnachtsmarkt in Berührung brachte. Am 23. Oktober stellt sie das Buch in der Thalia-Bibliothek in Weimar vor.  

80 Jahre nach Kriegsende noch eine Fluchtgeschichte. Wer liest so etwas noch?

Zum einen älteren Menschen, die dieses Elend selbst erlebt haben. Eine 85-Jährige hat mir geschrieben, dass sie durch dieses Buch noch viel über sich selbst gelernt hat. Das hat mich zutiefst berührt.

Zum anderen aber auch junge Leute. Ein 18-Jähriger hat mir erzählt, dass seine Großeltern diese Geschichten zwar erlebt haben, ihm aber nicht mehr erzählen konnten, weil sie gestorben sind. Und er das Buch so spannend fand, dass er es in einem Rutsch durchgelesen hat.

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Sie schildern sehr plastisch. Bei der Szene, in der sich die Menschen verzweifelt an den letzten Zug Richtung Westen klammern, hat man sofort die Fotos vom letzten Flieger aus Afghanistan vor Augen, als Menschen auf Tragflächen und Fahrwerken hockten. War das beabsichtigt?

Der Grund für dieses Buch liegt tatsächlich darin, dass wir wieder fast jeden Tag schreckliche Bilder von Krieg und Flucht im Fernsehen sehen. Da habe ich mir gesagt, ich muss diesen Stoff, der mich schon mein ganzes Leben lang beschäftigt, jetzt aufschreiben. Und ich muss es schonungslos aufschreiben. Was macht ein Krieg mit der Liebe oder dem Glück von zwei Menschen? Und mit dem Glück all der Kinder, die danach kommen? Ich beschäftige mich schon lange mit dem Phänomen von transgenerativen Traumata.

Seelische Wunden brauchen vier Generationen zur Heilung

Was bedeutet das?

Im Rahmen der Holocaust-Forschung belegen Studien, dass schlimme Erlebnisse nicht nur über das Erzählen und auch das Schweigen weitergegeben werden, sondern auch direkt über die DNA. Wenn also immer wieder neue Kriege ausbrechen und Menschen dadurch seelische Verletzungen erleben, werden immer wieder neue Wunden ausgelöst, die zur Heilung bis zu vier Generationen brauchen.  
Ich finde es extrem wichtig, dass wir mehr Verständnis für andere Menschen entwickeln, um besser miteinander leben zu können. Insofern ist es ein sehr persönliches Buch, aber es auch politisch gelesen werden.

Peggy Patzschke
Peggy Patzschke ist durch ihre natürliche Fröhlichkeit eine der beliebtesten Moderatorinnen in Thüringen.© Agentur | Peggy Patzschke

Mit welcher Botschaft?

Sicher können wir nicht in die große Weltpolitik eingreifen, aber wir können im kleinen Rahmen viel machen: miteinander sprechen, einander zuhören. Das klingt vielleicht kitschig, aber das offene Reden in der Familie und unter Freunden ist für mich gelebte Demokratie.  

Sie beschreiben sehr drastisch. Aber man kennt sie eher als fröhlichen Menschen. Wie passt das zusammen?

Ja, ich wollte schon als Kind Menschen zum Lachen bringen. Aber auch dieser Berufswunsch ist in einer sehr dramatischen Situation entstanden.

Und zwar…?

Frieda, die Hauptfigur meines Buches, ist angelehnt an meine Originalgroßmutter, 1906 in Schlesien geboren. Sie hat viele Schicksalsschläge erlebt. Als kleines Kind habe ich sie in einer Klinik besucht. Ich konnte natürlich nicht verstehen, warum es der Oma so schlecht ging, aber im Garten stand eine verlassene Bühne. Ich dachte, wenn ich jetzt auf diese Bühne gehe, tanze, lache und Witze erzähle, schaffe ich es, dass Oma wieder gesund wird und wieder lachen kann.

Diesen Wunsch habe ich mit durchs Leben genommen. Gerade in meinem Ehrenamt als Seelsorgerin, Trost und Liebe geben, kann ich ihn oft erfüllen. Meine Familiengeschichte ist, ich bin ja Kriegsenkel, eher eine düstere. Auch daraus ist der Wunsch gewachsen ist, Menschen etwas Freude zu bringen.

Im Krieg stirbt die Menschlichkeit

Ihre Hauptfigur Frieda muss kämpfen, um zu überleben. Wie egoistisch darf man im Krieg sein?

Diese Frage stellt sich Frieda ganz oft. Aber obwohl sie versucht, auch in schlimmsten Situationen anderen Menschen zu helfen, wird ihr bald klar, dass im Krieg ziemlich schnell die Menschlichkeit stirbt.

Wie hat ihre Familie über das Buch diskutiert?

Früher war der Krieg fast jeden Tag Thema. Das war für mich als Kind sehr belastend. Erst durch das Schreiben und die vielen Gespräche mit meiner Mutter hat eine Art Versöhnung stattgefunden. Habe ich als Kind unwirsch reagiert, weil ich es nicht ertragen konnte, dass meine Mutter dieses Leid nicht loslassen kann, verstehe ich sie heute – und nehme ich sie in den Arm.

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Aber muss man nicht, auch aus Selbstschutz, mal mit den Kriegsgeschichten aufhören?

Ich habe das Thema lange weggeschoben, wollte komplett anders werden als meine Mutter, wollte viel Spaß. Aber ich habe gemerkt, dass ich an bestimmten Stellen nicht funktionierte, bis hin zu Panikattacken. Ich habe recherchiert, in Fotoalben und Rumpelkammern Antworten gesucht und dann beide Geschichten, die meiner Vorfahren und meine eigene, zusammengebracht.

Geht es Ihnen jetzt besser?

Ja, ich kann bestimmte Dinge anders einordnen, auch Gefühle. Und ich habe eine neue Aufgabe gefunden, kümmere mich in der Seelsorge um andere Menschen. Mein Leben ist dadurch erfüllter geworden.

Wie ist es dazu gekommen?

Ich habe durch eine Krankheit meine allerbeste Freundin verloren, hatte sie im Hospiz begleitet und die tolle Arbeit kennengelernt, die dort geleistet wird. Und weil ich einen ergänzenden Sinn in meinem Leben suchte, habe ich eine Ausbildung zur ehrenamtlichen Seelsorgerin gemacht und bin jetzt in Kliniken und Hospiz-Einrichtungen unterwegs.

Wer Zeit schenkt, bekommt Dankbarkeit zurück

Keine leichte Aufgabe. Wie gehen Sie damit um?

Auch wenn es wie ein Postkarten-Spruch klingt: Wenn du Menschen Zeit schenkst, ihnen zuhörst, Liebe gibst, bekommst du ganz viel Dankbarkeit zurück. Und gerade jetzt habe ich den Eindruck, dass viele Menschen immer einsamer werden. Da ist Zuhören und Dasein ein ganz tolles Geschenk.

Was war ihr bisher bewegendstes Erlebnis?

Als ich an Heiligabend meine Familie nach Hause gebracht hatte, saß ein etwa 35-jähriger Mann vor meinem Haus und war dabei, sich zu betrinken. Er war vier Tage vorher mit Freunden auf dem Weihnachtsmarkt in Magdeburg und geriet in den Anschlag. Drei seiner Jungs lagen im Krankenhaus, er erlitt eine Beinverletzung. Er hat mir drei Stunden erzählt, wie das Attentat sein Leben verändert hat. Mit welch brachialer Wucht einen so etwas treffen kann, aus heiterem Himmel, das kann man sich nicht vorstellen. Diese Wucht habe ich in dieser Nacht richtig gespürt. Solche Dinge brauchen ewig, um zu heilen.

Eine sehr düstere Prognose…

Na ja, mein Buch handelt zwar von ganz tiefen Verlusten, aber auch davon, wie man trotz allem versuchen kann, sich mit dem Leben zu versöhnen. Das ist eigentlich die Botschaft am Ende des Buches: Dass es auch in schweren Zeiten lohnt, die Hoffnung nicht aufzugeben.