„Wer ist Ingeborg Schnabel?“ Die Indizienlage Mitte Oktober: Erfurter Künstlerin, geboren 1969, aktivistisch, multimedial, herausragend und doch alltäglich. Als Pionierin verschiedener Fachgebiete befasst sie sich mit den großen Fragen des Lebens sowie den kleinen Momenten des Alltags. Anfang des Jahres verstarb sie, doch ihr Wirken ist zeitlos. Eine post mortem Ausstellung ist jetzt wohl das Mindeste.

Sonntag

Der Gute Woche-Newsletter

Alles Gute aus Thüringen in einem Newsletter - jede Woche gute Nachrichten

Mit meiner Anmeldung zum Newsletter stimme ich der Werbevereinbarung zu.

Seit Wochen spukt die Frage nach Ingeborg Schnabel durch die Erfurter Subkultur, durch Instagram und das Straßenbild der Thüringer Hauptstadt. Spekulationen sind ausdrücklich erwünscht. Doch, so viel vorweg: Eine richtige Antwort gibt es nicht. Ingeborg Schnabel ist ein Phantom.

Empfohlener externer Inhalt

An dieser Stelle befindet sich ein externer Inhalt von Instagram, der von unserer Redaktion empfohlen wird. Er ergänzt den Artikel und kann mit einem Klick angezeigt und wieder ausgeblendet werden.
Externer Inhalt
Ich bin damit einverstanden, dass mir dieser externe Inhalt angezeigt wird. Es können dabei personenbezogene Daten an den Anbieter des Inhalts und Drittdienste übermittelt werden. Mehr dazu in unserer Datenschutzerklärung.

„Sie ist ein Gedanke, eine Idee, ein Zitat aus einem Lied“, verkündet Jakob Bork. Er ist Initiator des ungewöhnlichen Kunstprojekts und Vorsitzender der Erfurter Jederkann-Galerie. Das erste Mal sei er Ingeborg mit 14 Jahren auf einem Fußballplatz begegnet. „Wenn ich mich zurückerinnere, habe ich das Gefühl, ich hätte mir den Namen ausgedacht“, erzählt der 27-Jährige. Das Internet verrät ihn, denn in den frühen 2000ern diente der Name bereits einer Berliner Journalistin als Pseudonym.  

Kunstkenner sind fehl am Platz – Ingeborg Schnabel verlangt Fantasie

Für das bisher umfangreichste Projekt der selbsternannten „Mitmach-Galerie“ spielt das allerdings keine Rolle. Ingeborg Schnabel hätte genauso gut Magda Kanasta oder Fabrio Pantelmann heißen können. Die Figur ist eigentlich nur eine Projektionsfläche, ein Katalysator für die Kreativität und den Einsatz vielzähliger Beteiligter.

Auch interessant

„Wir glauben, dass sie zeitgemäße Themen auf den Punkt bringt“, sagt Jakob Bork. Die Figur helfe bei der Reflexion über Intelligenz, Wissen und Künstlichkeit. „Ist es zum Beispiel haltbar, dass Menschen komplett allein auf Ideen kommen und alles selbst ausdenken?“

Mit jedem Workshop gewinnt das Phantom an Substanz

Um dieser und weiteren Fragen auf den Grund zu gehen, sind im Rahmen des Ingeborg-Projekts rund 30 kostenlose Workshops und Veranstaltungen in der Jederkann-Galerie angedacht. Fast täglich kommen neue Erkenntnisse über die Erfurter Künstlerin ans Licht. Werke aus ihren verschiedenen Schaffensphasen, Kritiken, Performances, Musik, Metallarbeit, politische Manifeste, KI-Kunst und Tagebucheinträge verschaffen dem Gedankenkonstrukt ein reales Fundament.

Jederkann Galerie Erfurt
Mit mehr als 30 Veranstaltungen und einer großen Abschlussausstellung ist "Ingeborg Schnabel" bisher das umfassendste Projekt der Jederkann-Galerie.  © Funke Medien Thüringen | Jade Pannier

Gemäß dem Motto „jeder kann“ können sich sowohl Vereinsmitglieder als auch Außenstehende einbringen und ein Puzzleteil zum Gesamtwerk beitragen. Bei der „post mortem Ingeborg Schnabel Ausstellung“ ab dem 1. November werden alle Resultate präsentiert.

Im Galerieprogramm wird Kunst weit ausgelegt

Möglich wird das Projekt durch eine großzügige Förderung des Fonds Soziokultur und den ehrenamtlichen Einsatz vielzähliger Freiwilliger. 150 Mitwirkende an Ingeborg Schnabel wären wünschenswert, sagt Jakob Bork. Die Welle um die Jederkann-Galerie erreicht bereits weitaus mehr Menschen. Viele Besucher haben über Instagram von dem jungen Kulturort erfahren oder über eine der weiteren Veranstaltungen, die auf den insgesamt 400 Quadratmetern der alten Fabrikhalle Raum finden.

Auch interessant

Oft wisse selbst das Kernteam nicht, was in den verschiedenen Ecken des künstlerisch kuratierten Geländes genau vor sich geht. Einige Menschen malen, andere machen sich mit schwerem Werkzeug zu schaffen, prompt entsteht eine Jam-Session, ein Rollenspiel zum Konfliktmanagement, im hinteren Teil üben Sprachlehrer- und Schülerinnen gemütlich bei Kerzenschein, dazu die Vernissage der Erfurter Zeichengruppe, ein Platten-DJ erfüllt den Raum mit Oldies.

Beteiligte verschiedener Fachrichtungen helfen beim Aufbau

Einige Angebote wie die kostenlose Kinderbetreuung am Montag oder der „kleine Freitag“ am Donnerstag gehören fest zum Repertoire. Hinzukommen größere, externe Projekte wie Workshop-Wochenenden, Flohmärkte oder das Synthesizer-Festival am 17. und 18. Oktober. Meist kommen Einzelpersonen oder Gruppen mit ihren Ideen auf den Verein zu und setzen diese dann selbstständig um.

Jederkann-Galerie Leipziger Platz Erfurt
Am 25. Oktober feiert die Jederkann-Galerie am Leipziger Platz 9 ihren ersten Geburtstag. Aus einer alten Fabrikhalle wurde ein Kunst- und Kulturort. © Funke Medien Thüringen | Sofie Woldrich

„Unser Alleinstellungsmerkmal ist das Grundkonzept“, sagt Nico Scheidig, „dass es ein Ort der freien Gestaltung und des Zusammenkommens ist.“ Der 31-Jährige ist eigentlich Mechatroniker und seit der Vereinsgründung im März dieses Jahres ebenfalls im Jederkann-Vorstand aktiv. „Ich hab schon als Kind gebastelt, am Anfang mit Papier, Pappe und Tesa. Über die Jahre und dann mit der Ausbildung haben sich meine Materialien und Werkzeuge geändert. Aber der Prozess ist der gleiche“, sagt er.

Wie Nico Scheidig kommen viele Mitglieder der Jederkann-Galerie nicht direkt aus dem künstlerischen Bereich. Unter ihnen finden sich beispielsweise Elektriker, IT-ler, Pädagoginnen und eine Restauratorin. Das Konglomerat verschiedener Generationen und Interessenfelder schafft einen Raum des Austauschs über die alltäglichen Grenzen hinaus. Gleichzeitig sind die Ehrenamtlichen dadurch in der Lage, verschiedenste Projekte aus sich selbst heraus umzusetzen.

Jederkann Galerie Erfurt
Der Kunstbegriff wird in der Jederkann-Galerie weit ausgelegt. Neben den klassischen Kunstrichtungen finden auch technische, experimentelle und politische Projekte in ihr einen Raum und eine Plattform. Hier: offene Lesebühne zum Thema "Utopien". © Funke Medien Thüringen | Jade Pannier

Schließlich war die Halle am Leipziger Platz bei ihrem Einzug vor rund einem Jahr kalt und heruntergekommen. Gemeinsam haben die Vereinsmitglieder die Wände verputzt, Galerieräume, eine Bar und ein Waschbecken gebaut sowie einen gemütlichen Lese- und Schauspielbereich mit Theatervorhang aufgezogen. „Jetzt machen wir gerade noch den Boden, ziehen die Kabel fertig, machen das WC schick und dann läuft es“, sagt Nico Scheidig. Das Ziel eines langfristigen und fest etablierten Kultur- und Veranstaltungsort habe sich der Verein auf die Fahne geschrieben.

Empfohlener externer Inhalt

An dieser Stelle befindet sich ein externer Inhalt von Instagram, der von unserer Redaktion empfohlen wird. Er ergänzt den Artikel und kann mit einem Klick angezeigt und wieder ausgeblendet werden.
Externer Inhalt
Ich bin damit einverstanden, dass mir dieser externe Inhalt angezeigt wird. Es können dabei personenbezogene Daten an den Anbieter des Inhalts und Drittdienste übermittelt werden. Mehr dazu in unserer Datenschutzerklärung.

Ein aha Moment war auf jeden Fall zu sehen, dass wir Räume und Veranstaltungsfläche vermieten können und so Einnahmen generieren, sagt Jakob. Bisher haben Förderungen und Spenden wie Instrumente, Möbel und Materialien das Überleben des Kulturorts gewährleistet.

Offenes Ende für Ingeborg Schnabel

Was Ingeborg Schnabel angeht, konzentriert sich das Projektteam aktuell auf die heiße Phase. „Witzigerweise haben mich auch schon Leute angesprochen und nicht gefragt, wer Ingeborg ist, sondern mir neue Fakten über sie erzähl“, sagt Nico Scheidig. Der Teil des Plans scheint aufzugehen: Dem Gerücht wachsen Flügel. Wer weiß, vielleicht wird Ingeborg Schnabel über das Projekt hinaus weiterleben, sagt Jakob Bork. Grenzen setzten schließlich nur die Kreativität der Beteiligten.

Hard Facts zur Jederkann-Galerie

  • Standort: Leipziger Pl. 9, 99085 Erfurt
  • Offene Kreativzeit jeden Donnerstag ab ca. 16 Uhr (“Kleiner Freitag“ )
  • Ausstellung zu Ingeborg Schnabel ab 1. November bis 31. Dezember
  • Jederkann-Geburtstagsparty am 25. Oktober
  • Feministischer Wintermarkt am 29.11., 12 - 18 Uhr (mit @chinchin_Erfurt)
  • Ganzes Programm und Kontakt auf @jederkann.insta; www.jederkann.online; jederkann.email@gmail.com