Thüringen hat eine neue ungewöhnliche Freizeit-Destination. Im Weimarer Land hat das derzeit wohl erste Lost-Place-Hotel eröffnet: Seit dem 3. Oktober gehören der Sophienhof, ein früherer Versorgungshof, und die verfallene Lungenheilanstalt Sophienheilstätte nach Jahrzehnten offiziell wieder zusammen.

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Der Sophienhof bei Bad Berka soll das geschichtsträchtige Ensemble aufwerten und neue Angebote schaffen. Er bietet Gästezimmer, Tagungsräume, einen Festsaal, ein Café und mehrere Tiergehege. Das Besondere: 900 Meter bergauf steht die Sophienheilstätte, eine frühere Lungenklinik, die seit 1994 leer steht. Beide Anlagen gehören jetzt denselben Eigentümern, Silvio Kayser und Oliver Einicke, und sollen künftig auch touristisch verknüpft werden. Zusammen kommt das Ensemble in München bei Bad Berka auf rund 40 Hektar.
Eine Klinik und ihr Hof
„Oben“ und „unten“ – im Gespräch mit Eventmanagerin Giolina Kayser und Hotelmitarbeiterin Linda Hoffmann fallen ständig diese beiden Begriffe. „Oben“ auf dem Emskopf eröffnete 1898 die Sophienheilstätte, eine Klinik für lungenkranke Männer. Ihren Namen erhielt sie nach Großherzogin Sophie von Sachsen-Weimar-Eisenach, einer geborenen Prinzessin von Oranien-Nassau. Antibiotika gegen Tuberkulose gab es erst ab den 1940er-Jahren. Bis dahin hieß die Therapie: Ruhe, Höhenluft und Wald. Später kamen Labore, Röntgen und Operationen dazu, das Haus wuchs auf 200 Betten. Zeitzeugen nannten es „Hustenburg“. 1994 schloss die Klinik.

„Unten“ lag der Sophienhof, der die Heilstätte versorgte. Er lieferte Lebensmittel aus Landwirtschaft, Küche und Schlachtung, ab 1912 gab es dort auch Arbeitstherapie für Patienten. Nach der Schließung wechselten Nutzung und Pächter oft, zuletzt hieß der Gasthof „Henriettenhof“. Ganz getrennt waren die Orte aber nie: Bei Veranstaltungen oben schliefen die Gäste unten im Herrenhaus.
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Drei Jahrzehnte Leerstand
Rund 30 Jahre stand die Heilstätte leer, mehrere Pläne für eine neue Nutzung scheiterten. Einbrecher nahmen Fenster, Heizkörper und alles mit, was sich abbauen ließ. 2015 brannte eine historische Liegehalle ab. Gleichzeitig zog das Gebäude Urban Explorer an, also Leute, die verlassene Orte erkunden. Auch Filmteams kamen: „Tatort“ und „In aller Freundschaft“ drehten hier. Heute kommt nur noch hinein, wer eine Führung oder einen Termin bucht. Eine Alarmanlage sichert das Gelände.
Treffpunkt für Geistersucher
Der Lost Place fasziniert. Die Sophienheilstätte lockt Menschen aus ganz Europa an, die nach Übersinnlichem suchen. Laut Giolina Kayser mieten sich regelmäßig Gruppen ein, um paranormale Aktivitäten zu untersuchen. Die Eventmanagerin kennt diverse Geschichten, in denen Besucher von schaurigen Erlebnissen mit vermeintlichen Geistern berichten. Beweisen lässt sich nichts davon, doch die Erzählungen nähren den Mythos des Ortes.

Auch Giolina Kayser selbst betritt die Heilstätte am Abend nicht – außer zu Halloween. „Ich muss in diesem Haus ja noch arbeiten, aber wenn ich den ersten Geist sehe, kann ich das nicht mehr“, scherzt sie. Der Komplex, etwa so groß wie 100 Einfamilienhäuser nebeneinander, soll durch den Tourismus erhalten bleiben. Das Denkmal komplett zu sanieren, hält sie für unrealistisch: „Aber den Erhalt zu finanzieren – das ist das Ziel.“
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Konzerte, Flohmärkte, Grusel-Events: Mit solchen Veranstaltungen belebt das Event-Team die Heilstätte seit geraumer Zeit. Ein besonderes Schmankerl ist eine Zeitzeugen-Führung mit Frau Ammon, die bis 1994 in der Klinik arbeitete.
Was Gäste unten erwartet
Im Sophienhof können Gäste nun feiern und übernachten. Besonders interessant sei das für Familien, sagt Giolina Kayser. Denn neben dem hofeigenen Café „Q-Stall“ leben in Gehegen Ziegen, Ponys, Meerschweinchen und Hasen zum Anfassen. Sie wurden vor dem Schlachter gerettet. Außerdem bietet der Sophienhof zahlreichen Alpakas eine neue Heimat.

Wer mehr will als Streicheln, geht hoch zur Sophienheilstätte: Dort locken Entdeckertouren, Fackelwanderungen den alten Schwesternweg hinauf und für Kinder eine Schnipseljagd mit Maskottchen Tibu, einem Tuberkulosebakterium, samt Entdeckerurkunde am Ende. Grusel meets Familienausflug, Kuschelübernachtung meets Lost Place.
Der Weg nach oben
Im Dorf München unweit der Heilstätte fallen die Reaktionen auf das neue Konzept gemischt aus. Viele freuen sich, bleiben aber vorsichtig, weil hier schon oft etwas eröffnet und wieder geschlossen hat. Giolina Kayser und Linda Hoffmann lassen sich davon aber nicht verunsichern: „Mit dem Team, das wir jetzt haben, sind wir gekommen, um zu bleiben.“






