DDR-Geschichte zwischen Bildungsarbeit und lukrativem Job

Erfurt. Rainer Schneider ist viel unterwegs. Der Vorsitzende von Freiheit e. V., dem Verein ehemaliger politischer Häftlinge aus Erfurt, spricht als Zeitzeuge in Schulen und bei Veranstaltungen. Über die Jahre dürften so einige Hundert Begegnungen zusammengekommen sein.

Rainer Schneider steht in der Zelle des ehemaligen Stasiknastes, in der er 1972 für vier Monate inhaftiert war. Das Foto entstand 2012 bei der Eröffnung der Gedenk- und Bildungsstätte Andreasstraße in Erfurt. Archiv-Foto: Alexander Volkmann

Rainer Schneider steht in der Zelle des ehemaligen Stasiknastes, in der er 1972 für vier Monate inhaftiert war. Das Foto entstand 2012 bei der Eröffnung der Gedenk- und Bildungsstätte Andreasstraße in Erfurt. Archiv-Foto: Alexander Volkmann

Foto: zgt

Schneider hat etwas zu erzählen - über seine Leben, über die DDR, die Diktatur. Der ausgebildete Kaufmann wurde 1954 in Erfurt geboren. Mit seinem Interesse für den Erfurt-Besuch Willy Brandts von 1970 eckte er das erste Mal an. Verhaftet und zu zehn Monaten Haft verurteilt wurde er im Februar 1972, nachdem seine geplante Republikflucht verraten worden war. 1974 konnte er in die Bundesrepublik übersiedeln.

"Ich war damals noch sehr jung und erzähle den Schülern von meinem Leben und meinen Problemen als Heranwachsender in der SED-Diktatur. Das kommt bei den jungen Leuten an", sagt der 60-Jährige, der seit seiner Ausreise in Bayern lebt.

Heute kommt Schneider einmal mehr nach Erfurt. Beim Bürgerfest des Thüringer Geschichtsverbundes in der Gedenk- und Bildungsstätte Andreasstraße wird es auch um die Rolle von Zeitzeugen bei der Aufarbeitung der DDR-Geschichte gehen.

Zeitzeugen sind gut vernetzt und organisiert

Schneider weiß um die Gefahren des Zeitzeugen-Daseins. "Betroffenheit allein reicht nicht, man muss die Zuhörer fesseln." Das verführe den einen oder anderen dazu, dicker aufzutragen. Dabei könne man schon mal vergessen, dass es nur ein Ausschnitt ist, den man wiedergeben kann und eben nicht die ganze Geschichte.

Tatsächlich sind Zeitzeugen heute ebenso gut organisiert und vernetzt wie etwa Künstler. Zeitzeugenbüros führen Datenbanken mit ihren Geschichten und vermitteln sie auf Anfrage. So kann etwa das von der Berliner Bundesstiftung Aufarbeitung und der Gedenkstätte Hohenschönhausen gemeinsam geführte "koordinierende Zeitzeugenbüro" aus einem Pool von rund 200 DDR-Zeitzeugen schöpfen.

Vermittelt wird nach Themen und Zuhörerkreis, sagt die Koordinatorin Jessica Steckel. Menschen, die vor Schülern sprechen, sollten einen Draht zu den jungen Leuten finden. Pro Termin zahlt das Zeitzeugenbüro eine Aufwandsentschädigung von 100 Euro sowie Fahrtkosten bis zu 300 Kilometern.

Auch Rainer Schneider bekommt Geld für seine Vorträge. Er selbst spricht von Auftritten. Inzwischen hat er sie perfektioniert, in Präsentationen zeigt er Dokumente seiner Verurteilung. "Ich möchte glaubhaft vermitteln, wie die Diktatur bis in den Alltag junger Leute hinein funktionierte", sagt er. Reich werde man damit nicht. "Berufs-Zeitzeugen, die aus ihrer Geschichte einen lukrativen Job machen wollen, bereiten mir Bauchschmerzen."

Kritisch sieht Schneider inzwischen auch einen Teil seines eigenen Engagements. Anfang 2010 war er beim Hungerstreik in der Andreasstraße dabei. "Wir haben Ausstellungen und Führungen gemacht und waren der Meinung, dass nur Zeitzeugen und ehemalige Insassen das Sagen haben sollten", sagt er. Inzwischen gesteht er sich ein, dass er sich damals einspannen ließ für Interessen, die nicht seine waren. "Erreichen können wir nur gemeinsam etwas. Zusammen haben Politiker, Historiker und Zeitzeugen richtig gute Arbeit gemacht", sagt er.

Beim heutigen Bürgerfest dabei sein wird auch die Schriftstellerin Claudia Rusch (Jg. 1971), die über ihre Jugend in der DDR eine Buch geschrieben hat. Sie findet, dass "jeder ein Zeitzeuge seiner Zeit ist. Das liegt in der Natur der Sache". Es gibt also viel zu diskutieren.

Heute: Bürgerfest

Aus Anlass des 25. Jahrestags der friedlichen Revolution 1989/90 laden der Thüringer Geschichtsverbund und die Stadt Erfurt heute von 10 bis 21 Uhr zu einem Bürgerfest auf dem Gelände der Gedenk- und Bildungsstätte Andreasstraße ein. Thüringer Geschichtsvereine stellen sich vor. Bei Podiumsdiskussionen geht es ab 11 Uhr um den Stand der DDR-Aufarbeitung und die Rolle der Zeitzeugen. Zudem kann die Gedenkstätte besichtig werden.

Die Menschen im Osten haben sich wie verrückt in die Arbeit reingekniet

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