Theaterkrise in Gera/Altenburg ist hausgemacht

Das Theater Gera/Altenburg wird ab der 50. Kalenderwoche zahlungsunfähig sein. Dies sagte der Oberbürgermeister von Altenburg und Vorsitzende des Aufsichtsrates, Michael Wolf (SPD), am Montag vor der Presse in Altenburg.

Der Intendant Matthias Oldag hat seine Aufsichtspflicht vernachlässigt. Foto: privat

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Altenburg. Das Autokennzeichen von Altenburg (ABG) ist leicht zu verwechseln mit der gebräuchlichen Abkürzung für Allgemeine Geschäftsbedingungen (AGB). Und wird das, was im Augenblick in Gera/Altenburg geschieht, künftig gleichsam die Allgemeinen Geschäftsbedingungen der Thüringer Theater und Orchester: ein strukturelles Finanzierungsproblem mit dramatischen Folgen für die Struktur und die künstlerische Qualität. Allerdings, es gibt in Gera eine Besonderheit, einen Unterschied zu den übrigen Theatern, der klar und deutlich benannt werden muss: Die Krise ist zu einem beträchtlichen Teil im Haus gemacht.

Das Defizit von 1,8 Millionen Euro resultiert in erster Linie aus gewachsenen Personalkosten. Die festen Kosten werden bereits nicht mehr von den Zuschüssen gedeckt. Der dramatische Aufwuchs der Personalkosten ergibt sich, so Michael Wolf, auf zweierlei Weise. Zum einen wurde der für Gäste verfügbare Honoraretat weit überzogen. "Die Geschäftsführung hat von 2006 bis 2010 mehr Kosten verursacht, als sie hätte dürfen." Sprich, der Intendant Matthias Oldag hat einen künstlerischen Anspruch erhoben, und weitgehend realisiert, den er sich nicht hätte leisten können. Offenbar hat Oldag, was sein Recht ist, die Kontrolle der Kosten vollständig auf den ehemaligen Verwaltungsdirektor und die kaufmännische Geschäftsführerin delegiert, deren Haftbarkeit geprüft werden soll. Allerdings, das entbindet den Generalintendanten nicht von seiner grundhaften Verantwortung. Offenbar hat Matthias Oldag hier den falschen Leuten vertraut - deren Versagen so auch das seine ist.

Der andere große Finanzeinbruch resultiert aus dem Haustarifvertrag. Dieser, so der Vorsitzende des Aufsichtsrates, sei mit rückwirkenden Kosten belastet worden, was dem Aufsichtsrat so nicht vermittelt worden sei. Im Eigentlichen ging es dabei wohl um die Kompensation von nicht gezahlten Geldern aus der Laufzeit des vorletzten Haustarifes. Das ist ein sehr merkwürdiger Vorgang.

Dieser Haustarifvertrag wurde verhandelt und unterschrieben, die rückwirkende Kompensation war die Bedingung der Gewerkschaften. Und es sieht so aus, folgt man Michael Wolf, als hätten Aufsichtsrat und Gesellschafter diesen Vertrag, wenn sie ihn denn gelesen haben, zum Mindesten nicht verstanden. Allerdings, diese Tarifverträge sind so komplex und spezifisch, dass sie einer Erläuterung bedürfen. Und das ist es. Wenn es zutrifft, dass die zuständigen Gremien bewusst im Unklaren gelassen wurden über die jeden der Profis klaren Folgen dieses Vertrages, dann wäre das ein hausgemachter Skandal, dann hätte das Theater ein gerade in diesen Zeiten so notwendiges Vertrauen verspielt.

In dieser Woche, sagte Wolf, werden die Gesellschafter dem zuständigen Ministerium ihre Vorschläge für eine Struktur für die Zeit von 2013 bis 2017 vorlegen. Dann wird man im Hause Matschie über mögliche Hilfen entscheiden, etwa in Form einer Kreditabsicherung. Was bedeutet, man wird eine derart reduzierte Struktur anbieten, die das Ministerium akzeptiert – und das Theater muss sich kleinlaut zurückhalten.

So haben die Manipulationen der beiden entlassenen Mitarbeiter und die Leichtfertigkeit des Intendanten schon einen unfreiwilligen und destruktiven Beitrag zur kommenden Finanzierungsdebatte geleistet. Einfacher kann es ein Theater der Politik nicht machen.

Unabhängig von dieser Verantwortung offenbart Gera/Altenburg, was auf die Thüringer Theater zukommt. Wenn die bisherige Förderung beibehalten wird, dann sind die Theater alle strukturell unterfinanziert, die Personal- und Sachkosten steigen stetig. Es kann auch nicht Grundlage von Kulturpolitik sein, die Beschäftigten der Theater zu dauerhaft Unterbezahlten zu degradieren. Irgendwann sind auch die strukturellen Einsparungsmöglichkeiten erschöpft, irgendwann ist kein sinnwahrendes Sparen mehr möglich. Irgendwann heißt es, wie in Gera/Altenburg, hohe Zuschauerzahlen mit geringem Aufwand zu erreichen, heißt es, auch wie in Gera/Altenburg, die Anzahl der Vorstellungen und Produktionen zu reduzieren. Und irgendwann sind das nicht mehr, wie in Gera/Altenburg, "Sofortmaßnahmen", irgendwann ist das ein strukturelles Prinzip. Und irgendwann wird dann jemand fragen, ob sich das überhaupt noch lohnt.

Die Perspektiven nicht nur für Gera/Altenburg sind so schlecht wie nie. Und es muss damit gerechnet werden, dass das die Allgemeinen Geschäftsbedingungen der Thüringer Kulturpolitik werden.

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