Stürzt jetzt das Regime im Iran? In der Talkshow „Caren Miosga“ steht am Sonntagabend nach der Tötung von Revolutionsführer Ali Chamenei genau diese Frage im Zentrum – und schnell zeigt sich: Eine einfache Antwort gibt es nicht.
USA-Israel-Angriffe auf Iran: Trump spricht von „Kampfoperationen“
Die USA und Israel greifen strategische Ziele im Iran an. US-Präsident Donald Trump spricht von „großen Kampfoperationen“. Zugleich verlegen die Vereinigten Staaten so viele Soldaten in die Region wie seit mehr als zwanzig Jahren nicht mehr. Vor diesem Hintergrund stellt Miosga die zentrale Frage: Öffnet der Tod Chameneis ein Fenster für Freiheit – oder droht ein größerer Krieg?
Omid Nouripour, Bundestagsvizepräsident (Bündnis 90/Die Grünen), findet persönliche Worte. „Ich tue mich schwer, mich über den Tod von irgendjemandem zu freuen“, sagt er. „Aber ich sehe nur freudige Leute, wenn ich mit ihnen rede aus dem Iran.“ Chamenei sei „der Kopf des Systems der Unterdrückung“ gewesen, ein „Schritt in Richtung Freiheit“ sei mit ihm „nicht denkbar gewesen“.

Donald Trump als „Hoffnungsträger“?
Moderatorin Caren Miosga konfrontiert ihn mit einer zugespitzten Frage: „Wie absurd ist der Gedanke, dass Donald Trump jetzt ein Hoffnungsträger sein könnte?“ Nouripour widerspricht: „Das ist gar nicht mal so absurd.“ Die jahrzehntelange Propaganda, in der Israel und die USA als Erzfeinde inszeniert worden seien, habe sich „abgenutzt“.
Die Iran-Expertin Azadeh Zamirirad von der Stiftung Wissenschaft und Politik dämpft die Erwartung eines schnellen Umsturzes. Zwar gebe es „Anhänger dieses Systems, die ernsthaft trauern“, zugleich aber viel staatliche Inszenierung. Vor allem sei offen, ob der Tod Chameneis tatsächlich ausreiche, um das Regime ins Wanken zu bringen.
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„Es ist eine Illusion“ – Peter Neumann widerspricht der Umsturz-Erzählung
Schon im Zwölftagekrieg habe sich gezeigt, wie stabil die Machtstrukturen sind: Eine getötete Militärgarde sei sofort ersetzt worden. Der Sicherheitsapparat funktioniere weiter, sagt Zamirirad – er sei „sehr einsatz- und handlungsfähig, wahnsinnig gewaltbereit und gut organisiert“. Deshalb sei es „viel einfacher, diesem System den Turban zu entreißen als die Waffen“: Die Führungsspitze könne getroffen werden, der Apparat darunter bleibe bestehen.

Auch Sicherheits- und Terrorismus-Experte Peter Neumann widerspricht der Vorstellung eines Dominoeffekts. „Es ist eine Illusion zu glauben, dass man im Iran eine Person tötet und alles wie ein Kartenhaus zusammenfällt.“ Der Iran sei kein „Ein-Mann-System“, sondern ein revolutionäres Gefüge mit funktionierenden Institutionen.
Neumann erinnert daran, dass es vor wenigen Wochen „die größte Protestbewegung“ gegeben habe – „die Hilfe ist nicht gekommen“. Jetzt gebe es massive Luftangriffe, „doch zynisch gesprochen: Der Patient ist bereits verstorben“. Luftschläge allein führten nicht zu einem Regimewechsel.
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Johann Wadephul im Interview: Gezielte Tötung „philosophische Frage“
Kurz vor der Sendung spricht Miosga mit Außenminister Johann Wadephul (CDU). Das aufgezeichnete Interview wird in der Sendung gezeigt. Ob er erleichtert sei? „Gefühle spielen da keine große Rolle“, antwortet er. Der Iran sei eine „Gefahr für Deutschland“ gewesen. Ob die gezielte Tötung gerecht sei, nennt er „eine fast schon philosophische Frage“. Er halte sich „an die Realitäten“.
Realität heißt für Wadephul auch: Keine Evakuierung per Luftbrücke, kein konkreter Zeitplan. Der Luftraum sei geschlossen, das Auswärtige Amt habe gewarnt. Reisende müssten „auf dem Landweg“ in erreichbare Länder gelangen. Ob und wie der Staat diese Wege organisiert oder absichert, bleibt vage. Wadephul betont Zuständigkeiten, nicht Zusagen. Omid Nouripour nennt das „absurd“. Der Staat habe den Eid geschworen, Bürgern zu helfen – „da geht deutlich mehr“.
Aktuelle Nachrichten zum Krieg in Nahost
Öl, Hormus, Energiepreise: Der Konflikt trifft auch uns
„Müssen wir uns auf vermehrte Anschläge einstellen?“, fragt Miosga. Neumann verweist auf „elf gut dokumentierte versuchte Terroranschläge“ seit 2018 in Europa, die den iranischen Revolutionswächtern zugerechnet würden – gegen Dissidenten, israelische Botschaften, jüdische Gemeinden. „Wir haben diese Netzwerke bereits hier.“ Noch halte er Anschläge nicht für wahrscheinlich, solange die Existenz des Systems nicht unmittelbar bedroht sei – ausgeschlossen seien sie aber nicht.
Zamirirad warnt vor einer Regionalisierung des Konflikts. Der Iran könne versuchen, „die Kosten in die Höhe zu treiben“, etwa durch Angriffe auf Energie- und Handelsrouten. Die Straße von Hormus werde bereits blockiert, sagt Nouripour. Das werde sich „an den Tankstellen bemerkbar machen“.
Trump plant längeren Iran-Krieg: „länger als vier Wochen“
Handelsblatt-Korrespondentin Annett Meiritz beschreibt die Lage in den USA als innenpolitisch bemerkenswert stabil. Sie habe „selten so viel überparteiliche Energie“ beim Thema Iran erlebt. Viele Republikaner stünden hinter Donald Trump, selbst Teile der Demokraten stellten sich demonstrativ hinter die Soldaten.
„Nun hat er angekündigt, dass dieser Krieg – den er inzwischen selbst Krieg nennt – länger als vier Wochen dauern könnte“, sagt Meiritz. Trump bereite das Land damit auf einen längeren Konflikt vor. Für ihn sei die Situation „erstmal ein Erfolg“. Kritik aus Europa sei verstummt, politisch drohe ihm im Moment kein unmittelbares Risiko.
Die Verwundbarkeit liege weniger im Militärischen als in möglichen Folgekosten: steigende Energiepreise, wirtschaftliche Turbulenzen oder amerikanische Gefallene. „Ganz viele Variablen sind offen“, so Meiritz.
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Israel hat mit Angriff gerechnet
Aus Israel berichtet ARD-Korrespondentin Sophie von der Tann, man habe sich seit Wochen gefragt „nicht ob, sondern wann“ ein Angriff komme. Die Zahl der Einschläge sei relativ überschaubar, „das spricht für eine gute Luftabwehr“. Gleichzeitig gebe es Tote, Ausnahmezustand, verlängerte Sicherheitsmaßnahmen.
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Die zentrale Frage bleibt unbeantwortet. Zamirirad hält einen Regimewechsel unter den aktuellen Bedingungen für „nicht das wahrscheinlichste Szenario“. Nouripour setzt auf langfristige Erosion: „Das System wird nach jedem Vorfall schwächer und schwächer.“ Neumann wiederum hält sogar einen schnellen Waffenstillstand für möglich: „Ich wäre nicht überrascht, wenn wir bereits nächste Woche einen Waffenstillstand hätten.“
„Caren Miosga“ zeichnet an diesem Abend kein Bild vom unmittelbar bevorstehenden Umbruch. Stattdessen entsteht das Porträt eines Systems, das erschüttert ist, aber nicht kollabiert. Zwischen Hoffnung auf Freiheit und der Stabilisierung eines gewaltbereiten Apparats liegt ein Machtkampf, dessen Ausgang offen ist.









