Kult-Serie

Fünf Gründe, warum wir die „Lindenstraße“ vermissen werden

Berlin.  Taschentücher raus, das „Lindenstraßen“-Ende naht. Am Sonntag läuft die letzte Folge. Darum werden wir Mutter Beimer und Co. vermissen.

So sahen die Stars der Lindenstraße früher aus

Mutter Beimer, Klausi, Gabi Zenker - viele Figuren waren jahrzehntelang Teil der Serie. Nun endet sie mit Folge Nummer 1758.

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Tränen werden fließen, Seufzer und Schluchzer in deutschen Wohnzimmern erklingen. Denn am Sonntag endet eine TV-Ära: Dann läuft die letzte Folge von der „Lindenstraße“ in der ARD. Nach 34 Jahren und vier Monaten ist Schluss. Endgültig. Nach Folge 1758 mit dem Titel „Auf Wiedersehen“ müssen sich die TV-Zuschauer von Mutter Beimer, Klausi, Murat und Co. verabschieden.

Anlass genug, noch einmal sentimental zu werden. Schließlich begleitete die TV-Soap mehr als drei Jahrzehnte lang das Leben der Deutschen. Wir sahen Charakteren wie Nico Zenker oder Klaus Beimer beim Erwachsenwerden zu, fühlten mit bei Liebeskummer und weinten, wenn „Lindenstraßen“-Legenden wie Hans Beimer ihren Serientod starben.

5 Gründe, warum wir die „Lindenstraße“ vermissen werden:

1. Die „Lindenstraße“ ist ein Einblick in die deutscheste Nachbarschaft aller Zeiten:

In den Mehrfamilienhäusern der Lindenstraße wohnten sie alle: Deutsche, Türken, Italiener, Geflüchtete, Nazis, Omas, Opas, Familien, Singles, Schwule, Lesben, Rollstuhlfahrer, Verschwörungstheoretiker, Friseure, Millionäre. Auf wenigen Quadratmetern wurde ein Abbild der Gesellschaft gezeigt – mit all ihren sozialen Schichten, Herausforderungen und Chancen.

„Wir wollten erzählen, was den Zuschauern passiert oder passieren könnte – Krankheit, Tod, Liebe, die großen Begriffe, die immer wieder zu ungeheuer großen Geschichten einladen“, sagte Serienerfinder Hans W. Geißendörfer der Deutschen Presse-Agentur. „Der normale Zuschauer sollte sich selbst in der Serie wiederfinden.“

Seit ein paar Jahren ist Hana Geißendörfer, die Tochter des Erfinders, ausführende Produzentin der Serie. Im Interview mit dieser Redaktion sprach sie über das „Lindenstraßen“-Aus und gab eine Vorschau auf das Finale am kommenden Sonntag.

2. „Lindenstraße“ ist am Puls der Zeit:

Nicht nur banale Nachbarschaftsstreits fanden Einzug in die Serie. In den insgesamt 1758 Folgen war die „Lindenstraße“ stets nah am Puls der Zeit und griff gesellschaftspolitische Diskussionen auf.

So war Klaus Beimer (Moritz A. Sachs) als Jugendlicher mit seinem Freund Olli Klatt (Willi Herren) in der Neonazi-Szene unterwegs. Als Olli mit anderen Rechtsextremen einen Brandanschlag auf ein Asylbewerberheim verübte, distanzierte sich Klaus von seinen Freunden. Auch zuletzt thematisierte „Die Lindenstraße“ das Thema Rechtsextremismus. Klaus und Nina Zöllig (Jacqueline Svilarov) deckten rechte Strukturen innerhalb der Polizei auf.

Der Umgang mit Pädophilen wurde zum Inhalt der TV-Soap, als sich der erwachsene Konstantin (Arne Rudolf) in seine 12-jährige Nachbarin Mila (Trixi Janson) verliebte. Iphigenie Zenker (Rebecca Siemoneit-Barum) hetzte in den sozialen Netzwerken gegen Konstantin, nachdem ihre 14 Jahre alte Tochter Antonia behauptet hatte, von Konstantin angefasst worden zu sein.

Hans Beimer (Joachim H. Lugner) erkrankte 2016 an Parkinson. Um sein Leiden zu lindern, kaufte er erst illegal Cannabis und baute es dann selbst auf dem Dachboden an. Sowieso musste „Hansemann“, wie ihn Helga Beimer immer nannte, einiges erleben: die Entführung von Ehefrau Anna, Arbeitslosigkeit, Betrug, den Verlust seines Sohns Benny und eine späte Vaterschaft mit fast 70 Jahren.

Aber auch Emanzipation, Islamismus, Leihmutterschaft, Transsexualität, Adoption, Vegetarismus, Stalking oder Umweltschutz beschäftigten in den vergangenen fast 35 Jahren die Serienbewohner. Am Ende war es dann die Gentrifizierung, die die schöne, heimelige „Lindenstraßen“-Welt zerstörte.

Das Leben in der Lindenstraße

3. „Lindenstraße“ bricht Tabus:

Die Ereignisse im Haus Nr. 3 in der Lindenstraße waren viele Jahre lang DAS Gesprächsthema in den Büros und auf dem Schulhof – jeder konnte mitreden. Durchschnittlich über zehn Millionen Menschen schalteten zu Beginn ein – und erlebten 1990 den „ersten Schwulenkuss in einer TV-Serie“ mit. Fernsehgeschichte!

Der legendäre Kuss zwischen Carsten Flöter (Georg Uecker) und Robert Engel (Martin Armknecht) war ein Dammbruch im bis dahin oft biederen deutschen TV. Die beiden Darsteller erhielten nach ihrer romantischen Szene sogar Morddrohungen.

Auch Aids und eine Hochzeit von zwei Schulen thematisierte die „Lindenstraße“ schon in frühen Jahren – und vor allen anderen Fernsehserien.

4. Die „Lindenstraßen“-Charaktere regen auf – und werden fehlen:

Von Folge 1 bis 1069 führte Else Kling (Annemarie Wendl) mit Putzeimer und Schrubber bewaffnet ein strenges Regiment in der bekanntesten deutschen Straße und brachte mit ihrer spießigen Art nicht nur ihre Mitmenschen, sondern auch viele TV-Zuschauer zur Weißglut. Hausschreck Else Kling steckte ihre Nase einfach in jede Angelegenheit.

Genauso wie die Übermutter der Nation: Helga Beimer (Marie-Luise Marjan). Übergriffig mischte sie sich in jedes Privatleben ein, gab (un-)passende Lebensratschläge und Kommentare ab. Doch böse konnte ihr keiner lange sein. Ihre traditionell an Weihnachten im Backofen verbrannten Raben und ihr Seelentröster in der Not, ein gebratenes Spiegelei, werden in der Fernsehlandschaft fehlen.

  • Hintergrund: Mutter Beimer bis Jo Zenker – Das waren die Stars der „Lindenstraße“

Die „Lindenstraßen“-Charaktere sind eben facettenreich, so wie Menschen wirklich sein. Fehler werden auch mal mehrfach gemacht (Klaus Beimer betrügt seine Ehefraue(n) und glaubt stoisch an die große Liebe, Anna Ziegler versetzt direkt zweimal einem Menschen einen tödlichen Stoß). Es wird gestritten, verziehen, betrogen und geliebt – ohne Versüßlichung, Übertreibung oder Zuspitzung. Die „Lindenstraße“ macht Menschen menschlich. Nicht nur einer der Gründe, warum viele Fans gegen das Aus der Kult-Serie kämpften.

5. Der Sonntagabend ist ohne „Lindenstraße“ nicht mehr derselbe:

Die „Lindenstraße“ brachte unzähligen Zuschauern Struktur am Sonntagabend. Pünktlich um 18.50 Uhr saß man auf dem Sofa, im Fernsehen flimmerte „Lindenstraße“, später dann „Tagesschau“ und „Tatort“.

Ohne „Lindenstraße“ ist da ein großes Loch. Ehen könnten kriseln, weil Partner seit fast 35 Jahren die Kult-Serie gucken und nun jeden Sonntag vor dem Problem stehen, was man von 18.50 bis 19.20 Uhr bloß machen soll. Einen Ersatz bietet die „Sportschau“, die ab April den Sendeplatz übernimmt, nicht.

Auch der oft dramatische Cliffhanger am Ende der Sendung, der für ein Raunen im heimischen Wohnzimmer sorgte, und die Titelmelodie, die wohl jeder „Lindenstraßen“-Fan mitpfeifen kann, werden schmerzlich vermisst werden.

Und für alle, die in Erinnerungen schwelgen möchten, die vorletzte „Lindenstraße“-Folge zum Nachgucken:

YT Lindenstraße1757
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