Tourismus

Ferienland Crispendorf als Mitgift mit Folgekosten

Schleiz-Crispendorf.  Kleinod oder Fass ohne Boden: Die Meinungen im Stadtrat Schleiz zur geplanten Dachsanierung gehen auseinander.

Pächter Helmut Schroeder steht vor einem der beiden Bettenhäuser im Ferienland Crispendorf, die dringend neue Dächer benötigen.

Pächter Helmut Schroeder steht vor einem der beiden Bettenhäuser im Ferienland Crispendorf, die dringend neue Dächer benötigen.

Foto: Peter Cissek

Die Stadt Schleiz will 30.000 Euro in die Dachsanierung eines der beiden Bettenhäuser im Ferienland Crispendorf investieren, obwohl sich der Ortschaftsrat dagegen ausspricht. In der jüngsten Stadtratssitzung gab es eine kontroverse Diskussion, aber ein klares Votum zum Vorhaben. Ferienland-Pächter Helmut Schroeder sagt, er könne das 1981 mit Preolitschindeln eingedeckte und mehrfach ausgebesserte Dach nicht mehr reparieren.

Die Stadt Schleiz habe zu Beginn des Jahres mit der Eingemeindung der in finanzielle Schwierigkeiten geratenen Gemeinde Crispendorf auch das Ferienland übernommen. Der Pächter sei verpflichtet, Kleinreparaturen wie Ausbesserungsarbeiten an den Dächern selbst vorzunehmen. Nun aber müsste die Stadt als Verpächterin das Dach eines der beiden Bettenhäuser möglichst schnell sanieren lassen, um weitere Schäden durch eindringendes Regenwasser zu verhindern, erklärte Bürgermeister Marko Bias (CDU).

„Als wir im Bauausschuss über das Thema beraten haben, ging es kontrovers zu. Einige waren der Meinung, dass es sich um einen erheblichen Aufwand handelt. Es war sogar vom Fass ohne Boden die Rede. Letzten Endes hat sich die Mehrheit der Ausschussmitglieder zu der Meinung durchgerungen, dass es sinnvoll wäre, die beiden Bettenhäuser in den Zustand zu versetzen, dass man sie einem Investor anbieten könnte“, sagte Bauausschussvorsitzender Christian Ludwig (Freie Wähler). Dagegen habe es im Finanzausschuss Uneinigkeit über das Thema gegeben, sagte Ausschussvorsitzende Annette Kästner (SPD).

„Diese Ausgabe macht für mich keinen Sinn. Denn der Investitionsstau ist derart groß, dass 30.000 Euro nicht ausreichen werden“, sagte André Grau (Bündnis für Schleiz), Stadtratsmitglied aus Crispendorf. In dem Ortsteil sollte das Geld lieber in Gehwege oder Straßen investiert werden, riet er.

„Wir können als Stadt niemals die vielen kommunalen Einrichtungen von Crispendorf übernehmen. Das hat bereits unsere Arbeitsgruppe Gebietsreform festgestellt“, sagte Heidemarie Walther (BfS). Im Eingemeindungsvertrag sei festgehalten, dass die Ferienlandeisenbahn und der von den Fußballern hergerichtete Sportplatz jeweils mit den Wirtschaftsgebäuden erhalten bleiben, das Ferienland Crispendorf aber nach Auslaufen des derzeitigen Pachtvertrages renaturiert werden soll. „Wir hatten nicht vor, das Gelände zu verkaufen, sondern wollen es für Ausgleichsmaßnahmen anbieten und der Natur zurückgeben. Denn unser touristischer Schwerpunkt ist die Stauseeregion und so soll es auch bleiben“, sagte die frühere Schleizer Bürgermeisterin.

Der Crispendorfer Ortsteilbürgermeister Marc Klethe (Frauenbund/Sportverein) bedauerte, dass weder er noch der Ortsteilrat von den Investitionsvorhaben der Stadt vorab informiert wurde. „Die Grundsteuer für das elf Hektar große Gelände, die die Stadt zahlt, liegt in ähnlicher Größenordnung wie die Pachteinnahmen, sodass Ende des Jahres keine Einnahmen verbucht werden.“ Da dass Dach bereits über 30 Jahre alt sei, könnten die Sparren oder die Schalung bereits kaputt sein, gab Klethe zu bedenken. Außerdem sei das Dach des zweiten Bettenhauses in ähnlicher Weise geschädigt. „Der Ortsteilrat und der Ortsteilbürgermeister von Crispendorf sind der einstimmigen Meinung, dass vorrangig in unseren Ortskern investiert werden muss, da hier an sehr vielen Stellen großer Handlungsbedarf herrscht“, so Klethe.

„Noch ist der Unterbau der Dächer in Ordnung“, sagte Bürgermeister Bias. Die Höhe der Pacht habe damals die Gemeinde Crispendorf festgelegt, die Stadt Schleiz habe den Vertrag übernommen. Er fände es schade, wenn das Kleinod Ferienland Crispendorf ähnlich platt gemacht werden sollte wie das einstige Pionierlager Raila. „Denn auch die Abrisskosten wären enorm“, gab Bias zu bedenken. Die Stadt werde nicht das komplette Ferienland sanieren, aber während der Laufzeit des Pachtvertrages die Nutzung ermöglichen. Das Engagement des Pächters sei aller Ehren wert, die Stadt habe die Möglichkeit dort etwas zu entwickeln und ein Konzept zu erstellen, gab Bias zu bedenken. „Sollte sich ein neuer Investor oder Partner für das Ferienland finden, sind wir sehr daran interessiert, dass es weiter betrieben werden kann. Denn was soll eine Ferienlandeisenbahn allein auf freier Wiese? Das funktioniert nur im gemeinschaftlichen Ensemble“, sagte der Bürgermeister.

„Ich kann nicht nachvollziehen, weshalb wir das durchdrücken müssen, wenn sich ein Ort dagegen ausspricht. Denn wir haben noch ganz andere Baustellen“, sagte André Rüdiger (BfS). Fast alle Stadtratsmitglieder meldeten sich zu Wort, auch mit unterschiedlichen Meinungen innerhalb ihrer Fraktionen. Nach langer Diskussion wurde der von Bürgermeister Bias eingebrachte Antrag mit 14 Ja- bei fünf Nein-Stimmen und einer Enthaltung beschlossen.

Not-Konstruktion im Dachboden

Der 71-jährige Pächter Helmut Schroeder, der das Ferienland mit seiner inzwischen verstorbenen Frau 1996 übernommen hatte, erklärt bei einem Vorort-Besuch, dass er jeden eingenommenen Euro und seit acht Jahren auch seine Rente in das Objekt investiert und seine Mitarbeiter bezahlt. So habe man schrittweise die 38 Zimmer in beiden Bettenhäusern und die Gebäude renoviert sowie 1998 auch die Heizung von Kohle auf Heizöl umgestellt. Dennoch habe das Ferienland seinen DDR-Charme behalten. Mit den elf Teilzeit-Beschäftigten habe er im vergangenen Jahr von Mai bis September 2145 Übernachtungen ermöglicht.

In den Dachböden beider Bettenhäuser habe er jeweils eine Not-Konstruktion errichtet, die das durch die verschlissenen Schindeln eindringende Regenwasser auffangen und über eine Dachrinne und ein Rohr abfließen lassen. „Von Crispendorf habe ich keine Unterstützung bekommen, weil ich ein Zugezogener bin. Anders als die zwei letzten Bürgermeister von Crispendorf hat sich der Schleizer Bürgermeister Bias zwei-drei Mal vor Ort blicken lassen und sich nach dem Zustand erkundigt“, sagte Helmut Schroeder, der auf dem Gelände wohnt. Wie lange er das Ferienland noch betreiben will, diese Frage stelle sich für ihn nicht. „Manche Kanzler oder Ministerpräsidenten haben sich erst mit über 70 Jahren wählen lassen. Ich habe viel Herzblut ins Ferienland eingebracht“, sagte er.

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