Mediziner des Landkreises Greiz skeptisch zu Massentests

Greiz/Zeulenroda-Triebes.  Das Anti-Corona-Vorhaben des Bundes stellt Abstrichstellen und Praxen vor Probleme.

Ricky Dilly-Sobeck ist Facharzt für Chirurgie und arbeitet im MVZ der SRH Poliklinik in Zeulenroda und in der Corona-Abstrichstelle im Landratsamt

Ricky Dilly-Sobeck ist Facharzt für Chirurgie und arbeitet im MVZ der SRH Poliklinik in Zeulenroda und in der Corona-Abstrichstelle im Landratsamt

Foto: Maximilian Nippert

Testen, testen, testen – in Zeiten von Corona treibt dieser Wunsch viele Einwohner des Landkreises Greiz um. Bin ich infiziert oder sollte ich sicherheitshalber nachprüfen lassen? Klarheit könnte helfen gegen die Angst. Alle aktuellen Entwicklungen im kostenlosen Corona-Liveblog

Am Mittwoch hat die Bundesregierung ein neues Gesetz auf den Weg gebracht. Damit sollen Corona-Tests auch durchgeführt werden, wenn man keine Symptome zeigt. Medizinisches und Pflegepersonal sollen häufiger getestet werden. Die Labore sollen auch negative Testergebnisse an die Gesundheitsämter melden, diese wiederum melden, wenn jemand als geheilt gilt. Außerdem melden sie, wo sich ein Infizierter vermutlich angesteckt hat. Und wer nach einer Corona-Infektion immun ist, kann sich das bestätigen lassen. Das klingt gut, doch macht es auch Sinn?

Hochdruck wird noch verstärkt

Die Datenmenge und der Rechercheaufwand dürfte für das Gesundheitsamt in Greiz eine enorme Belastung bedeuten, mehr noch als bisher. Alle 25 Mitarbeiter arbeiten jetzt schon unter Hochdruck. Bislang aber sieht man im Amt noch keinen Handlungsbedarf. Die Behörde ist auf konkrete gesetzliche Vorgaben angewiesen, um rechtlich korrekt zu handeln. Wenn sie vorliegen, wird eine super schnelle Reaktion erwartet.

Drive-In für Massentests

Dass Massentests in Greiz machbar seien, bezweifelt der hiesige Mediziner Frank Ackermann. „Es sei denn, man agiere wie in der Drive-In-Teststation in der Hofer Freiheitshalle.“ Dort werden Abstriche von Verdachtspersonen durch das geöffnete Fenster ihres Autos entnommen. Der Abstrich in Nase und Mund sei leicht und der Hygieneaufwand dort geringer, als Hausärzte bei Verdachtspatienten auf sich nehmen müssen. „Wenn ich zum Hausbesuch gehe, muss ich meinen Schutzanzug anziehen, der nur einmal zu nutzen ist“, so Ackermann. Beim nächsten Patienten müsse dann ein neuer her. Dann doch lieber durch das Autofenster. In den Abstrichstellen stehen die Ärzte den ganzen Einsatz über im Schutzmontur. Wenngleich die Schutzausrüstung für die Ärzte im Landkreis Greiz kein Problem sei. Ackermann, der auch Obmann der Kassenärztlichen Vereinigung Thüringen (KVT) ist, hat erst vor zwei Wochen Kartons in der Gesamtgröße von acht Kubikmetern erhalten – pro Arzt 30 Overalls. „Und mit den Schutzmasken und Handschuhen sollten wir über den Sommer kommen“, hofft er.

Seines Wissens seien es etwa zwei Drittel der Hausärzte im Landkreis, die auch in ihrer Praxis Abstriche von Patienten mit Symptomen machen – in voller Schutzausrüstung versteht sich. „Wir schicken hier keinen weg, dennoch darf man nicht unangemeldet in die Praxis kommen“, so Ackermann. Wer einen Infektionsverdacht hat, unbedingt anmelden – bis es mit dem neuen Gesetz anders kommt.

Mehr Tests bei Pflegepersonal

Bei Pflegepersonal oder Krankenhausmitarbeitern gebe es schon jetzt einen Ermessensspielraum. Ebenso in den Heimen. Da würde wegen der höheren Ansteckungsgefahr relativ großzügig getestet. Also würden auch regelmäßige und häufigere Tests Sinn machen, stimmt Ackermann den Berliner Intensionen zu.

Doch ist der Test aller nutzbringend? Der Abstrich zeige, dass man zu diesem Zeitpunkt infiziert oder eben nicht infiziert sei, so Ackermann. „Aber der Betroffene kann sich auch in der Warteschlange infizieren bei einem, der es noch nicht weiß“, so der Mediziner. Dann ist der Test wertlos. Also nochmal von vorn? Wie lange?

Rückgang der Testzahlen in Abstrichstelle

Die zentralen Abstrichstellen würden wieder mehr gefordert. Laut KVT haben sie eine Kapazität von sechs Abstrichen pro Stunde. Derzeit aber seien es weniger Patienten, die über Symptome klagen, sagt Ricky Dilly-Sobeck, Zeulenrodaer Chirurg und Initiator der ersten Abstrichstelle im Landratsamt. Etwa zehn bis 15 Patienten am Tag werden laut Dilly-Sobeck getestet. „Jeden Tag werden Positive identifiziert, wenn sie zu Hause bleiben und niemanden anstecken können, hat die Arbeit etwas gebracht“, sagt der Ärztliche Leiter des MVZ der SRH Poliklinik Zeulenroda. „In Pflegeheimen werden beispielsweise 30 Patienten auf einmal getestet, so zwei Infizierte mit ihnen leben“, sagt Dilly-Sobeck. 24 bis 36 Stunden später liegen die Auswertungen des Labors in Greiz vor.

Sollten die Massentests auch für Menschen ohne Symptome kommen, hat der Arzt Bedenken, ob das Testmaterial auch ausreicht. Schließlich dürften wirklich gefährdete Personen nicht hintenan stehen, nur weil die Testkapazitäten zu klein sind.

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