Ilmenauer fährt im Privatwagen von Papst Johannes Paul II. nach Rom

Ilmenau (Ilmkreis). Ein Scheunenfund sorgt weltweit für Aufmerksamkeit: Marek Schramm ließ den Waszawa M 20 von Karol Wojtyla restaurieren.

Dass der Warszawa nach der Konservierung auf Anhieb durch den TÜV kam, hat Marek Schramm erstaunt. Foto: Arne Martius

Dass der Warszawa nach der Konservierung auf Anhieb durch den TÜV kam, hat Marek Schramm erstaunt. Foto: Arne Martius

Foto: zgt

Auf den ersten Blick wirkt der rostige Waszawa Baujahr 1956 wie ein Fremdkörper in der Verkaufsdatei klangvoller Oldtimernamen eines Händlers im Internet. Marek Schramm, Unternehmer aus Ilmenau und wegen seiner Vorliebe für historische Fahrzeuge ein Kenner des Markts, macht das stutzig. "Der Wagen tauchte in einer Liga auf, in die er gar nicht gehörte", erinnert er sich.

Erst bei der näheren Beschreibung des Fahrzeugs wird ihm der Grund bewusst: Bei dem Warszawa M 20 handelt es sich um das einzige Privatauto des polnischen Kardinals Karol Wojtyla - bekannt als Papst Johannes Paul II.

Marek Schramm macht den Handel perfekt. Das Auto hat ihn seitdem nicht mehr losgelassen. Um zu verstehen, was für ihn der Wagen Wojtylas bedeutet, muss man in Schramms Biografie eintauchen: Geboren wird er in Danzig. Selbst lange, nachdem er mit seinen Eltern erst nach Berlin und dann 1971 nach Ilmenau zieht, reißt der Kontakt zu Polen nie ab. Während der Ferienbesuche bei seiner Großmutter erlebt er ab 1981 die Anfänge der Solidarnosc-Bewegung in Form von Aufständen der Werftarbeiter in Danzig. "Auch wenn mir das damals noch nicht so stark bewusst war, habe ich gespürt, welche bedeutende Rolle Karol Wojtyla spielte", berichtet Marek Schramm. Und als der polnische Kardinal, bekannt wegen seiner kritischen Haltung dem Kommunismus gegenüber, dann auch noch Papst wurde, "sind den Herren im Kreml sicherlich die Wodka-Gläser aus der Hand gefallen", erzählt der Unternehmer schmunzelnd.

Karol Wojtyla als Vater der Freiheit in Osteuropa

Schramm ist fasziniert vom Freiheitsdrang der Polen. Zweimal versucht er deswegen selbst der Enge der DDR zu entfliehen. Doch seine Versuche enden jedesmal im Arrest, zum ersten Mal mit 16 Jahren.

Viel größer noch als seinen eigenen Beitrag schätzte der ehemalige russische Präsident Michail Gorbatschow den Anteil von Papst Johannes Paul II. an der politischen Wende im Osten Europas ein. "Ich betrachte Wojtyla als einen der Väter unserer Freiheit, als Vorkämpfer", sagt Marek Schramm.

Seit er den Wagen besitzt, hat er sich mit dem Leben des Papstes noch intensiver beschäftigt - und damit auch mit der Historie des Warszwas. Der Kardinal selbst hatte keinen Führerschein, saß im Auto immer hinten. "Der Mann hat keine Minute aus dem Fenster geschaut. Er hat die Fahrzeit genutzt, um zu lesen und zu schreiben", weiß er aus Berichten des ehemaligen Chauffeurs.

Niemand wird sich heute mehr auf den Platz Wojtylas im Fonds rechts setzen, darauf achtet Marek Schramm penibel.

Dass der Wagen einen neuen Besitzer hat, blieb spätestens seit der Entscheidung zur Heiligsprechung von Papst Johannes Paul II. im vergangenen Jahr nicht lange verborgen. Als ein polnisches Filmteam zu Aufnahmen vorbeikommt, prophezeit ihm der Redakteur eine Flut von Anfragen. Ein kanadisches Magazin bezeichnete die Wiederentdeckung des Privatwagens bereits als "den bedeutendsten Scheunenfund der Welt".

Die letzte Reise: Nach Rom zur Heiligsprechung

Ein Team von zehn deutschen und sechs polnischen Fahrzeugspezialisten hat den Warszawa restauriert. Über 2500 Stunden haben die Männer gebraucht. "Es war eine unglaubliche Leistung aller Beteiligten, dass man die Arbeit, die gemacht wurde, unsichtbar geblieben ist", beschreibt Marek Schramm die Besonderheit. Denn der Wagen wurde nicht generalüberholt, sondern konserviert. Die Lackierung, einmal zu Zeiten Wojtylas von grün auf blau geändert, ist ebenso erhalten, wie Beulen und Rostlöcher. Das Auto wirkt wie eingefroren. Was nicht zu sehen ist: Eine werksoriginale Bodenplatte wurde eingebaut, der Motor generalüberholt.

Bevor der Warszawa demnächst im Ilmenauer Hotel "Mara" zum Ausstellungsstück wird, tritt er ab Mitte April seine letzte große Reise an. Marek Schramm will seinen eigenen Lebensweg und den von Johannes Paul II. nachfahren. Die Strecke führt von Ilmenau nach Berlin an die ehemalige Mauer. Von dort aus geht der Weg nach Danzig zum Denkmal für die gefallenen Werftarbeiter. Schramm fährt von dort aus an den Geburtsort Wojtylas in Wadowice, er wird den Waszawa über Krakau bis nach Rom steuern - wo Papst Johannes Paul II. am 27. April heilig gesprochen wird.

Rund 6000 Kilometer muss der M 20 dafür absolvieren. "Ich glaube, mit diesem Auto wird jeder Tag dorthin ein Abenteuer", ist der Ilmenauer überzeugt. Schneller als 70 Kilometer in der Stunde kann er dabei nicht fahren, "das ist seine Wohlfühlgeschwindigkeit", hat Marek Schramm ausprobiert.

Um schnelles Ankommen geht es ihm aber auch gar nicht. "Es ist mir eine Ehre, diesen Wagen fahren zu dürfen", sagt er.

Fakten zum Auto

  • der Waszawa M 20 war ein polnischer Lizenznachbau des Fordmodels 1941
  • der Vierzylinder mit 2100 Kubikzentimetern leistet 50 PS
  • Karol Wojtyla benutzte den Wagen von 1956 bis 1977
  • neben den originalen Kennzeichen ist auch die Zulassung auf seinen Namen vorhanden
  • nach seiner Ernennung zum Papst hütete eine Familie aus Polen den Wagen 35 Jahre lang