Missbrauchs-Verdacht an vielen Schulen

An jeder zweiten Lehranstalt und in 80 Prozent aller Heime gibt es laut einer aktuellen Studie Vorwürfe des Missbrauchs. Deutsche Bischofskonferenz will sexuelle Gewalt in der katholischen Kirche wissenschaftlich erforschen lassen.

Bei der Vorstellung der Missbrauchs-Studie forderte Christine Bergmann eine zusätzliche Qualifizierung und Sensibilisierung der Lehrkräfte. Foto: Steffi Loos/dapd

Bei der Vorstellung der Missbrauchs-Studie forderte Christine Bergmann eine zusätzliche Qualifizierung und Sensibilisierung der Lehrkräfte. Foto: Steffi Loos/dapd

Foto: zgt

Berlin. Spätestens seit Bekanntwerden der Ereignisse an der Odenwaldschule im hessischen Heppenheim ist klar: Sexueller Missbrauch ist nicht nur ein Problem der katholischen Kirche. In jeder zweiten deutschen Schule hat es in den vergangenen Jahren einen Verdacht auf sexuelle Gewalt gegeben.

In Internaten lag diese Quote bei 70 Prozent, in Kinderheimen sogar bei 80 Prozent. Das geht aus einer gestern in Berlin vorgestellten Studie des Deutschen Jugendinstituts hervor.

Auch die Deutsche Bischofskonferenz will mit zwei wissenschaftlichen Forschungsprojekten Missbrauchsfälle innerhalb der katholischen Kirche aufarbeiten. Nach Abschluss der Untersuchungen werde das bisherige Präventionskonzept noch einmal überprüft, sagte der Trierer Bischof Stephan Ackermann gestern in Bonn.

Schon im Frühjahr 2010 hatte die Missbrauchsbeauftragte der Bundesregierung, Christine Bergmann (SPD), die Studie zu sexueller Gewalt gegen Kinder in Institutionen beim Deutschen Jugendinstitut (DJI) in Auftrag gegeben. Über die heutige Situation habe es praktisch kein "systematisches Wissen" gegeben, sagte DJI-Direktor Thomas Rauschenbach. Nun habe die Studie belegt, dass "das Thema so virulent ist, dass wir es nicht einfach zur Seite schieben können".

Die Untersuchung stützt sich auf freiwillige Angaben von rund 1100 Schulleitern, etwa 700 Lehrern, 325 Heim- und 100 Internatsleitungen. Es geht um alle Fälle, die in der Institution irgendwie bekannt wurden - ob sie nun innerhalb oder außerhalb stattfanden, ob sie sich bewahrheiteten oder nicht.

Zahlen speziell für Thüringen liegen nicht vor. Die Kultusministerien der Länder hatten der Weitergabe der Daten nur unter der Bedingung zugestimmt, dass die Ergebnisse nicht regionalisiert werden, erklärte eine DJI-Sprecherin gegenüber unserer Zeitung.

Nur vier Prozent der Verdächtigen sind Lehrer

50 Prozent der befragten Schulleiter und Lehrer berichteten, dass sie in den vergangenen Jahren mit mindestens einem Verdachtsfall zu tun hatten. Von den Verantwortlichen in Internaten sagten dies fast 70 Prozent, in Heimen 80 Prozent.

Als Verdächtige galten danach in den Schulen in rund vier Prozent der Fälle Lehrer, Erzieher oder andere Beschäftigte. In Heimen stand bei jedem zehnten Fall Personal im Verdacht. Dies sei zwar ein vergleichsweise kleiner Anteil, doch wögen solche Fälle schwer, weil Kinder und Eltern den Fachkräften vertrauen können müssen, so die Autoren.

Eine zahlenmäßig weit größere Rolle spielte sexuelle Gewalt von Jugendlichen gegen Gleichaltrige: Sie waren an Schulen in 16 bis 17 Prozent der Fälle in Verdacht, bei Übergriffen an Heimen waren es sogar fast 40 Prozent. Darüber zeigten sich die Fachleute erstaunt.

Der größte Teil der Tatverdächtigen kam jedoch gar nicht aus der Institution, sondern aus dem privaten Umfeld. In bis zu 32 Prozent der Fälle, auf die Schulen aufmerksam wurden, galten Verwandte oder Bekannte als Tatverdächtige, bei Heimen lag die Quote bei fast 50 Prozent. Damit deckt sich die Studie mit Erkenntnissen anderer Forscher, wonach Missbrauch am häufigsten in der Familie stattfindet.

Die Täter waren weit überwiegend männlich, die Opfer in vier von fünf Fällen Mädchen. Die Übergriffe reichten von Berührungen an den Geschlechtsteilen bis hin zu versuchter oder vollzogener Penetration.

Richtete sich der Verdacht gegen Betreuer oder Lehrer an Schulen, folgten letztlich in 20 Prozent der Fälle arbeits- oder strafrechtliche Konsequenzen.

Bischofskonferenz lässt Missbrauch erforschen

Mit Hilfe zweier wissenschaftlicher Projekte will die Deutsche Bischofskonferenz verstehen, "wie es zu den Ungeheuerlichkeiten sexuellen Missbrauchs durch Kleriker und kirchliche Mitarbeiter kommen konnte", so Stephan Ackermann. Der Leiter des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen, Christian Pfeiffer, wird das erste Forschungsprojekt leiten, der Direktor des Instituts für Forensische Psychiatrie der Universität Duisburg-Essen, Norbert Leygraf, das zweite.

Leygraf will ein umfassendes Bild von Täterpersönlichkeiten erstellen und daraus Möglichkeiten zur Vorbeugung von Missbrauch ableiten. In Pfeiffers Projekt geht es unter anderem um belastbare Zahlen und eine Untersuchung des Verhaltens der katholischen Kirche gegenüber Tätern und Opfern. Hierzu würden in allen 27 Bistümern die Personalakten der zurückliegenden zehn Jahre, in neun Bistümern bis in das Jahr 1945 zurück untersucht.