Erfurt profitiert nicht vom Kinderkanal

Trotz Kinderkanal bleibt Erfurt als Produktionsstandort für den Kinder- und Jugendfilm wenig attraktiv. Laut einer Studie der Hamburg Media School schnitt die Thüringische Hauptstadt in einer Branchenumfrage nahezu durchweg schlecht ab.

Im September feierte die Kika-Serie "Schloß Einstein" fünfjähriges Jubiläum. Foto: Mario Gentzel

Im September feierte die Kika-Serie "Schloß Einstein" fünfjähriges Jubiläum. Foto: Mario Gentzel

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Erfurt. Als besonders unbefriedigend werden mit Noten von lediglich glatt "ausreichend" die Personalsituation sowie die vorhandene Produktionsinfrastruktur am Standort Erfurt eingeschätzt. Laut Produzentenumfrage seien dieses jedoch wichtigste Kriterien bei der Standortwahl. Als noch schlechter wurden das "inspirierende Klima", die Finanzierungsmöglichkeiten am "Standort" und der "Prestigewert" eingeschätzt - und mit "mangelhaft" beziehungsweise schwach "ausreichend" bewertet.

Das sind zwei zentrale Ergebnisse einer Branchen-Studie, die Deutschlands Kinder- und Jugendfilmproduzenten in Auftrag gegeben haben. Erfurt schnitt als einer von sechs untersuchten Standorten hinsichtlich seiner Zukunftsperspektiven mit der Schulnote "ausreichend" (3,8) mit Abstand am schlechtesten ab. Hamburg (2,3) führt die Rangliste an vor Berlin und München (2,4), Köln (2,6) und Stuttgart (3,2).

Alarmierend für die Medienpolitik im Freistaat dürfte vor allem aber die mit Abstand schlechteste Prognose für die Zukunftschancen als Medienstandort unter den sechs bundesweit untersuchten Städten sein.

Für die Thüringer Sozialdemokraten hat auch deren medienpolitischer Sprecher, Hans-Jürgen Döring, erkannt, dass erst die Skandale um die millionenschwere Unterschlagung beim Kika den Blick darauf gelenkt haben, sich wieder mehr um den Kinderkanal zu kümmern. Döring - zugleich Rundfunkratsmitglied - hat daher schon vor einigen Wochen um ein Gespräch von Rundfunkräten und Kika-Programmgeschäftsführung gebeten. "Wir wollen dabei auch über die Produktionsbedingungen am Standort Erfurt sprechen", so Döring.

Gute Noten vergaben die befragten Produzenten an die thüringische Landeshauptstadt für die unkomplizierte Kooperation mit Behörden, die Länderförderung, die Lebenshaltungskosten am Standort sowie die gute Anbindung zu Auftraggebern.

Untersucht wurden neben Erfurt die Kinderfilmstandorte Stuttgart, Köln, Berlin und Hamburg sowie München. Die drei letztgenannten Städte bieten der Umfrage zufolge die besten Produktionsbedingungen. Berlin schneidet dabei insgesamt etwas schwächer ab, biete jedoch die besten Zukunftsperspektiven.

Befragt wurden bundesweit Mitglieder der Allianz Deutscher Produzenten. Die Organisation fungiert als unabhängige Interessenvertretung der deutschen Produzenten von Film-, Fernseh- und anderen audiovisuellen Werken. Sie repräsentiert mit laut Eigenangaben "rund 220 Mitgliedern die wichtigsten deutschen Produktionsunternehmen und ist damit der maßgebliche deutsche Produzentenverband".

Die Staatskanzlei nimmt die Branchenumfrage mit Gelassenheit auf. "Grundsätzlich ist es positiv zu werten, dass Erfurt als einziger Standort in den jungen Ländern bereits nach dieser kurzen Zeit aus Sicht der relevanten Multiplikatoren zu den besten sechs Kindermedienstandorten gezählt wird", so ein Sprecher.

Immerhin müsse daran erinnert werden, dass die infrastrukturellen Voraussetzungen erst vor wenigen Jahren geschaffen worden seien. "Erfurt muss sich seinen Rang im Standortwettbewerb erst noch erkämpfen", so die Erfurter Regierungsmeinung.

Teil des Kika-Budgets bleibt bei ZDF und ARD

Als ein Grund für die mangelnde Impulse, die der Kinderkanal auf die Region ausübt, könnte der Studie zufolge die Einkaufspolitik des Senders gelten. Im Jahr 2008 wurden von jeder Rundfunkgebührenzahlung zwar 21 Cent pro Monat für den Kika verwendet. Doch von den theoretisch 80 Millionen Euro, die dem Kika damit zur Verfügung stünden, erhielt der Sender aufgrund von Verwaltungsvereinbarungen mit ARD und ZDF nur 37 Millionen Euro ausbezahlt. Der Rest des Geldes fließt in die Kinderfilmproduktion der anderen deutschen Sendeanstalten. Experten gehen davon aus, dass vom Kika nur rund 20 Millionen Euro an Eigen-, Auftrags- oder Koproduktionen ausgegeben werden.

Hinzu kommt: Laut der Analyse der Hamburg Media School betrage der Anteil des Programms deutscher oder europäischer Herkunft am Kika-Programm zwar zwei Drittel des Programms. Im Animationsbereich schrumpfte dieser Anteil im Jahr 2009 jedoch auf knapp zehn Prozent der Sendungen. Die Studie kommt zu dem Fazit: "Der zentrale Baustein Animationsprogramm des Kika besteht im Kern aus internationalen Produktionen."

Diese Entwicklung sei insofern bedenklich, als dass das Fernsehen nach wie vor das Hauptmedium für Kinder bis zu 14. Lebensjahr darstellt. Es trage damit "ganz wesentlich" zur kulturellen Identitätsstiftung bei, heißt es in der Studie weiter.

Doch ohne relevante deutsche Angebote wird ein Großteil dieser kulturellen Angebote auch in Zukunft durch Verfilmungen japanischer Manga-Comics oder US-amerikanische Angebote erfolgen.

Der Politik ist Staatsferne das Gebot der Stunde

Um diesem Missverhältnis zu begegnen, schlägt Michael Schmetz, Leiter der Produzentenallianz-Sektion Animation, in seinem Vorwort "ein Bündnis der Verantwortlichen aus Politik, der Gremien der ARD-Sender, des ZDF und privaten Sendern" vor.

Doch so einfach ist das nicht: Aus Thüringer Sicht "wäre es in diesem Zusammenhang zwar selbstverständlich wünschenswert, wenn sich die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten dahingehend einigen könnten, dass mehr eigenständige Produktionen unmittelbar am Kika-Standort durch den Kika erfolgen könnten", so ein Sprecher der Staatskanzlei. Doch seien hier nicht die Politik, sondern vielmehr die Rundfunkgremien von ZDF und ARD-Anstalten gefordert. Hinsichtlich der Einkaufspolitik und inhaltlichen Angebote der Sender ist Staatsferne geboten. Hier müsste der Rundfunkrat stärkere Akzente setzen - ähnlich wie zuletzt bei der Wahl Karola Willes zur Intendantin des beim Kika aufsichtsführenden MDR.

In dieser Situation kann sich die Landesmedienpolitik vordergründig nur auf das Auflegen weiterer Förderprogramme, Serviceangebote für Produzenten oder intensiven Kontaktanbahnungen beschränken. Hier allerdings ist in den vergangenen Jahren vieles begonnen und auf halbem Wege wieder abgebrochen worden. So plante etwa Medienminister Michael Krapp einst eine Landesagentur, die Produzenten ins Land locken sollte - mit einer prominenten Person an der Spitze. Es ist nie etwas daraus geworden.

Und erst in diesem Frühjahr bedurfte es eines regelrechten Machtkampfes, wer in der Regierung überhaupt für Medienpolitik zuständig sein soll. Staatskanzleiministerin Marion Walsmann setzte sich zwar in dieser Frage gegen den glücklos agierenden Staatssekretär Peter Zimmermann durch. Doch dabei blieb es zunächst.

Heute werden wieder weitaus kleinere Brötchen gebacken. Nicht erst seit dem Skandal um den Herstellungsleiter Marko K., der über Jahre unbemerkt Millionenbeträge aus dem Kika-Budget veruntreut hatte, um damit seine Spielsucht zu finanzieren. Die Quittung für so viel Schludrigkeit bei der Rechnungsprüfung bekam der Sender inzwischen zurück. Im kommenden Jahr werden in Erfurt noch einmal 800.000 Euro weniger an Produktionsgeldern zur Verfügung stehen.

Und so ist der Freistaat inzwischen wieder beim Grundsätzlichen in der Kindermedienpolitik angelangt: Thüringens Medienministerin Marion Walsmann hat für Dezember ein Expertengespräch geplant, bei dem - zwölf Jahre nach Gründung des Kika - einmal mehr die Frage erörtert werden soll, welche Anforderungen heute an einen Produktionsstandort gestellt werden.

Eine offensive Kindermedienpolitik sieht anders aus. Zumal es Walsmann ablehnt, sich im mitteldeutschen Raum als Standorte gegenseitig Konkurrenz zu machen.

So sei Halle unzweifelhaft der Animationsstandort im mitteldeutschen Raum, Leipzig für fiktionale Produktionen erste Wahl, wogegen Dresden über eine gewisse Konzentration als Dokumentarfilmstandort verfüge. An dieser Aufteilung will die Thüringer Landesregierung nicht rütteln. ""Wir sollten uns im mitteldeutschen Raum nicht gegenseitig Konkurrenz machen.", lässt sich Ministerin Marion Walsmann zitieren.

"Ein bisschen mehr Entschlossenheit wäre schön"

Margret Albers leitetseit 14 Jahren das Deutsche Kinder-Medien-Festival Goldener Spatz in Thüringen. Mit ihr sprach Ute Rang.

Wie viele Produzenten von Filmen und Fernsehsendungen für Kinder kommen jährlich zum Festival Goldener Spatz?

Es sind ungefähr fünfzig, darunter die Kinderfilm GmbH mit Sitz in Erfurt oder die Produktionsfirma Tradewind Pictures mit Niederlassungen in Köln und Erfurt. Hinzu kommen Firmen wie KIDS Interactive, die mit Interaktiven Spiel- und Lernanwendungen ebenfalls Kindermedien entwickeln.

Eine Studie rät gewissermaßen davon ab. Sie bescheinigt Erfurt im Vergleich mit Köln, Berlin, München, Stuttgart und Hamburg als Firmensitz für Kindermedien-Produzenten eher Nachteile. Entspricht das Ihren Erfahrungen?

Meine Erfahrungen und Kenntnisse der Branche sagen mir, dass es schon sehr bemerkenswert ist, wenn eine Stadt wie Erfurt in diesem Kanon überhaupt vorkommt, es im Bereich Kindermedien in diese Liga geschafft hat. Es gibt also keinen Grund, nun in Erfurt sehr betrübt zu sein. Vielmehr zeigt sich hier, dass da ein Pflänzchen ist, das gehegt und gepflegt sein will.

Tut Thüringen dafür genug?

Ich sehe ein großes Engagement. Mitunter wäre ein entschlosseneres Zusammenwirken der verschiedenen Ressorts ganz schön.

Bemängelt werden in Erfurt die Personalsituation und die Produktionsinfrastruktur. . .

Das wundert mich in dieser Pauschalität, denn hier hat sich in den vergangenen Jahren einiges entwickelt. Es gibt Drehorte, Studios und bestens ausgestattete Dienstleister für Produktion und Postproduktion sowie gut ausgebildeten Nachwuchs. Allerdings ist es häufig so, dass bei Filmen die Produktionsfirma wie auch der Regisseur mit einem bestimmten Kameramann und überhaupt mit einem festen Team arbeitet - und diese Leute leben dann eher selten in Erfurt, weil es an den großen Standorten wie Berlin oder Köln einfach mehr Arbeit gibt.

Erfurt gilt auch im Punkt "inspirierendes Klima" als eher mangelhaft. Teilen Sie diese Ansicht?

Eher nicht. Ich finde es hier sehr inspirierend. Wenn es um großstädtisches Flair geht, kann Erfurt allerdings nicht punkten. Die Stadt hat dafür andere Vorzüge wie beispielsweise kurze Wege. Wahrscheinlich meint "inspirierendes Klima" eine kritische Masse an Menschen, Firmen und Institutionen, die in der Medienbranche tätig sind und sich laufend austauschen.

Die Studie der Hamburg Media School meint auch, der Kika vergebe zu wenige Produktionsaufträge. Ist der Vorwurf gerechtfertigt?

Es ist legitim, zu hinterfragen, ob von den Programmetats genügend Mittel im Land beziehungsweise in der Region bleiben. Dabei sollte man freilich realistisch bleiben und auch anerkennen, wenn sich die ARD mit dem MDR klar positioniert und eine Fernsehserie wie "Schloss Einstein" nach Erfurt holt. In der Summe hat der Kika zudem deutlich mehr eigene Produktionen als die private Konkurrenz bei den Sendern Super-RTL und Nickelodeon im Programm.

Wenn man mehr als zehn Jahre nach der Kika-Gründung fragt, ob Erfurt der richtige Ort war, wie antworten Sie?

Mit Ja. Allein vor Ort und nicht einer unter vielen zu sein, hat gerade in punkto Aufmerksamkeit auch Vorteile und betont wiederum die Region, so dass beide etwas davon haben. Zudem hätte der Kika auch an einem anderen Standort nicht mehr Mittel für die Produktion zur Verfügung.

Sie bereiten gerade das immerhin 11. Festival unter Ihrer Leitung vor. Gab es eigentlich je Lockrufe, dem Goldenen Spatzen außerhalb von Thüringen ein hübsches Nest zu bauen?

Ja, die gab es, allerdings vor einigen Jahren bereits. Was Erfolg hat, ist eben begehrt.

Fragen des Tages

1. Wie viel Geld wird in Deutschland mit Kinder- und Jugendfilmen umgesetzt?

Der Umsatz mit Kinder und Jugend-Fernsehprogrammen aus deutscher Produktion (in Form von Auftrags-, Ko-, Lizenz- oder Eigenproduktionen) von 2005 bis 2009 liegt bei rund 60 Millionen Euro im Jahr. Davon entfallen jeweils etwa zwischen 52 und 54 Millionen Euro auf öffentlich-rechtliche Nachfrager und rund 6 bis 8 Millionen Euro auf private TV-Sender.

2. Wie sieht die Branche aus?

Die Produktionsbranche für Kinofilme für Kinder und Heranwachsende ist klein- und eher mittelständisch geprägt; mit Fernsehsendern bzw. Senderfamilien verflochtene Unternehmen bilden die Ausnahme.

3. Aus welchen Ländern kommt das Kinder- und Jugendprogramm ?

Zwei Drittel des Programms des Kika sind deutscher oder europäischer Herkunft, während Super RTL und Nickelodeon zusammen nur 20 Prozent erreichen - 5 Prozent auf deutsche, 15 Prozent auf europäische Produktionen. Ausweislich dieser Ergebnisse verstoßen die beiden privaten Sender gegen die Quotenvorgabe des Rundfundstaatsvertrages.

4. Welche Bedeutung haben Kinder- und Jugendfilme im Leben der Zielgruppe?

Fernsehen ist mit täglichen Nutzungsdauern zwischen 71 und 102 Minuten je nach Alter das Hauptmedium der 3- bis 13-Jährigen. Erst ab 14 Jahren verdrängt das Internet das Fernsehen auf den zweiten Platz.

5. Laufen nicht ohnehin nur noch Wiederholungen im Kinderprogramm?

Das Verhältnis von Erstausstrahlungen und Wiederholungen ist beispielsweise beim Zweiten Deutschen Fernsehen von 2005 bis 2009 in etwa gleich geblieben. Die Zahl der Erstausstrahlungen bewegt sich um einen Mittelwert von 13.400 Minuten (39,5 Prozent), die der Wiederholungen um 20.500 Minuten (60,5 Prozent ) im Jahr.

6. Wie sieht es in anderen europäischen Ländern in der Branche aus?

Im Vergleich zum Nachbarland Frankreich etwa zeigt sich, dass das französische Produktionsvolumen von TV-Animationen das deutsche um 500 Prozent übersteigt. Grund hierfür dürften die strengeren Quotenvorgaben für TV-Sender bezüglich der Programmherkunft sein. Aber auch die größere industriepolitische Verantwortung der Sender gegenüber der nationalen Produktionswirtschaft bildet nach Expertenmeinung den Hintergrund dafür.

7. Wie beurteilt die Branche ihre Zukunftsaussichten?

Im laufenden Jahr und für die nächsten fünf Jahre rechnet jeder fünfte Befragte mit einem Sinken der Umsatzerlöse.

8. Wo steht der Medienstandort Erfurt genau?

Deutschlandweit spielen sechs Standorte eine Rolle im Kinder- und Jugendfilmbereich. Hamburg erlangt der Media-School-Studie zufolge eine Gesamtnote von 2,3. Berlin und München schließen je mit 2,4 ab. Köln erzielt eine 2,6. Stuttgart erreicht die Note 3,2. Erfurt bekommt nur die Note 3,8 zugesprochen. Vergleichsweise gute Noten erhält Erfurt für die Kooperation mit Behörden (2,0), die Lebenshaltungskosten oder die Förderung (je 2,3). Ein schwaches "Mangelhaft" (5,5) erhalten in Erfurt auch die Banken, die zur Finanzierung von Kinderfilmen praktisch nicht bereit stehen.

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