ICE rast mit Tempo 330 durch den Thüringer Wald

Erfurt  Ab kommender Woche rauscht ein Testzug mit Höchstgeschwindigkeit über die neu gebaute ICE-Strecke von Erfurt ins fränkische Lichtenfeld durch den Thüringer Wald.

Versuchslokführer Karsten Specht und Stefan Sroka (rechts) testen ab heute mit ihrem 13.000 PS-Messzug die ICE-Neubaustrecke bis nach Bayern. Foto: Sascha Fromm

Versuchslokführer Karsten Specht und Stefan Sroka (rechts) testen ab heute mit ihrem 13.000 PS-Messzug die ICE-Neubaustrecke bis nach Bayern. Foto: Sascha Fromm

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Bei der Bahn gibt es wirklich den Beruf des Versuchslokführers. Stefan Sroka und Karsten Specht rasen mit bis zu Tempo 330 über deutsche ICE-Strecken, um diese auf ihre Sicherheit zu überprüfen. Ihr Gefährt ist ein spezieller ICE-Messzug mit 13.000 Pferdestärken, der maximal mit 440 Sachen über die Schienen donnern könnte. Das ist in Deutschland aber nicht erlaubt, auch nicht bei Testfahrten.

In den nächsten vier Wochen soll nun mit diesem Zug der perfekten Zustand der ICE-Neubaustrecke zwischen Erfurt und dem fränkischen Lichtenfels nachgewiesen werden. Dass die Baufirmen die Gleise für die Hochgeschwindigkeitstrasse ordentlich verlegt haben, wurde bereits geprüft. Nun geht es darum, nachzuweisen, dass Gleise und Oberleitungen auf der 107 Kilometer langen Strecke so gut montiert sind, dass auch ein ICE mit Tempo 330 immer ausreichend Strom bekommt und keinesfalls anfängt zu schaukeln.

Ab Montag wird Tempo gemacht

„Es ist schon etwas besonderes, das erste Mal auf einer ganz neuen Eisenbahntrasse zu fahren“, bestätigt Karsten Specht, nachdem er gestern den Testzug am Erfurter Hauptbahnhof abgestellt hatte. Heute werden er und sein Kollege das Gefährt erstmals über die neuen Gleise steuern. „Tempo 20 lautet die Vorgabe“, erklärt der Versuchslokführer. Es gehe darum, sich die Strecke einzuprägen, mögliche Besonderheiten kennenzulernen. Auch morgen wird der Super-ICE eher über die Trasse schleichen, denn auch die Meßtechniker an Bord müssen ihre Geräte erst einstellen.

Ab Montag werde Tempo gemacht, betont Frank Siebenhaar. Der Messingenieur ist Chef der Testfahrten. Mit 160 Sachen beginnen die Versuchsreihen. Sollte alles wie erwartet laufen, wird die Geschwindigkeit in 20er-Schritten gesteigert. Spätestens am Donnerstag wollen die Ingenieure dann erstmals mit 330 über die insgesamt 29 Brücken und durch die 23 Tunnel rasen.

Weil die Bahn ab Dezember nächsten Jahres ihre ICE-Sprinter zwischen München und Berlin mit Tempo 300 fahren lassen will, muss der Messzug noch ein bisschen schneller sein, damit ausreichend Sicherheiten vorhanden sind.

Bahn warnt eindringlich, ICE-Trasse nicht betreten

Mit großen Problemen rechnen die Bahnexperten bei den Probefahrten nicht, versicherte gestern Sprecher Frank Kniestedt. Kleiner Schwierigkeiten könnten immer einmal auftreten, aber die Tests vor zwei Jahren auf der Trasse zwischen Leipzig und Erfurt hätten gezeigt, wie gut die Bauarbeiten ausgeführt wurden.

Doch nicht nur die Techniker haben sich auf die Hochgeschwindigkeitstests vorbereitet, in den vergangenen Wochen klärten Bundespolizisten in zahlreichen Schulen entlang der Trasse, die Kinder über die Gefahren des Bahnverkehrs auf. Wegen der langen Bauzeit waren in einigen Gegenden die ungenutzten Trassen beliebte Abenteuerspielplätze oder Radwege geworden. Das ist aber inzwischen lebensgefährlich. Und damit wirklich niemand mehr auf den Gleisen unterwegs ist, hatte die Bahn diese Aufklärungskampagne gestartet.

Sechsmal am Tag soll der Testzug in den kommenden vier Wochen die Trasse abfahren. An den Wochenenden muss der ICE-S dann auch noch nach München in die Werkstatt, um die Messinstrumente für die Räder wieder neu zu eichen.

Die Bahn will die ICE-Hochgeschwindigkeitsstrecke nächstes Jahr im Dezember eröffnen

Diese Testfahren werden aber nicht die letzten auf der Strecke sein. Denn noch ist das hochmoderne ETCS-Zugbeeinflussungssystem nicht fertig montiert. Künftig sollen die ICE und später auch Güterzüge, automatisch über die Strecke gesteuert werden. Signale für den Lokführer entlang der Strecke fehlen. Diese würde er bei Tempo 300 nicht mehr sicher erkennen.

Bei den Testfahrten rasen die Versuchslokführer aber noch ohne ETCS über die Gleise. „Deshalb müssen wir immer zu zweit auf dem Führerstand sein“, erklärt Karsten Specht. Es sei schon faszinierend, „einer neuen Strecke so den Feinschliff mit geben zu können“.

Wenn alles klappt, will die Bahn die ICE-Hochgeschwindigkeitsstrecke mit ihrem Fahrplanwechsel im Dezember kommenden Jahres in Betrieb nehmen. Damit wäre die rund zehn Milliarden Euro teure Strecke zwischen Berlin und München komplett befahrbar.

Gleise der ICE-Trasse verbinden Bayern und Thüringen