Unsere Leserin Gisela Reinhardt berichtet über Erfahrungen in Eichsfelder Krankenhäusern. Dabei fällt ihr vor allem ein Aspekt negativ auf:
Ich schreibe diese Zeilen als Begleiter von Trauernden im Eichsfeld. Wenn ich in Wohnzimmern, an Küchentischen, zwischen Fotos, Kerzen und Erinnerungen sitze, höre ich immer wieder die gleichen Erlebnisse. Leise erzählt, aber mit Trauer, Verzweiflung und Wut. Oft mit dem Satz: „Wir wollen keinen Ärger machen.“

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Aber was ich höre, lässt mich nicht mehr los. Ein Mann kommt mit einem geplatzten Stoma ins Krankenhaus. Man hilft und schickt ihn mit dem Taxi nach Hause: Im offenen OP-Hemd, seine durchnässte Kleidung auf dem Arm. Später sagt er: „Man hat mir meine Würde genommen.“
Ein Patient bekommt normales Essen. Erst in einem anderen Krankenhaus stellt der Arzt entsetzt fest: „Wissen Sie nicht, dass er eine Magensonde hat?“ Die Angehörigen wissen es nicht. Niemand hat es ihnen gesagt und dokumentiert wurde es auch nicht.
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Mangelnde Zeit darf keine Entschuldigung sein
Und dann ist da der Mann nach einem Schlaganfall. Einseitig gelähmt und er kann nicht sprechen. Das Essen wird ihm hingestellt – und später wieder abgeräumt. Tag für Tag. Bis ein Mitpatient sagt: „Er hat noch gar nichts gegessen.“ Die Antwort: „Es stand doch lange genug da!“ Wie lange muss ein Mensch schweigen, bis jemand merkt, dass er gelähmt ist und nicht sprechen kann?
Das sind keine Einzelfälle mehr. Das ist ein Muster. Auch hier bei uns im Eichsfeld. Und das Erschreckendste ist nicht nur das, was passiert. Sondern das, was nicht passiert. Niemand beschwert sich. Aus Angst. Aus Angst, dass der eigene Angehörige es ausbaden muss.
Ich weiß: In unseren Krankenhäusern arbeiten Menschen mit Herz. Menschen, die helfen wollen. Menschen, die längst am Limit sind. Es fehlt nicht an guten Menschen. Es fehlt an Zeit, an Strukturen, an Raum für Menschlichkeit. Aber – und das muss gesagt werden: Zeitdruck erklärt vieles. Doch er darf nicht alles entschuldigen. Wenn ein Mensch nicht essen kann, muss es jemand sehen. Wenn ein Eingriff gemacht wird, muss er dokumentiert werden.
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Wenn ein Mensch hilflos ist, darf er nicht übersehen werden. Das ist keine Zusatzleistung. Das ist Würde. Während ich diese Schilderungen höre, wird in Berlin bereits an neuen Reformen gearbeitet. Expertenkommissionen suchen nach Wegen, die steigenden Gesundheitskosten in den Griff zu bekommen.
Der Blick für den Menschen darf nicht verloren gehen
Die Gründe sind bekannt: immer mehr ältere Menschen, immer teurere Medizin, immer weniger Beitragszahler. Das System gerät unter Druck – und dieser Druck kommt unten an. Bei den Menschen. Und genau hier liegt die Sorge: Wenn jetzt weiter gespart wird – wo wird es am Ende spürbar sein? Noch weniger Zeit? Noch weniger medizinische Versorgung und Pflege?
Und doch gehört auch die Wahrheit dazu: Es gibt Bereiche in unseren Krankenhäusern, in denen Menschlichkeit spürbar ist. Zum Beispiel auf Palliativstationen und Intensivstationen. Dort, wo Zeit für den Menschen noch selbstverständlich scheint. Dort, wo Begleitung mehr ist als ein Ablauf. Umso schmerzlicher ist der Gegensatz zu dem, was viele Patienten auf normalen Stationen erleben.
Im Eichsfeld wird ein neues Klinikum gebaut. Ein modernes Haus und ein Zeichen für die Zukunft. Und das ist gut so. Aber bei aller Technik, bei aller Planung, bei aller Größe bleibt eine Frage: Was nützt uns das modernste Gebäude, wenn der Blick für den Menschen verloren geht?
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Wir im Eichsfeld haben uns immer ein Stück weit abgehoben. Nicht durch Größe oder Tempo, sondern durch etwas anderes: durch Nähe, durch Herz und durch Menschlichkeit. Gerade deshalb dürfen wir diesen Anspruch nicht verlieren. Sind wir noch Menschen – im Umgang miteinander? Oder haben wir ein System geschaffen, in dem Menschlichkeit untergeht, weil niemand mehr Zeit hat, hinzusehen?
Gemeinsam die Stimme erheben
Ich schreibe das nicht, um anzuklagen, sondern weil die, um die es geht, keine Stimme mehr haben. Und weil die, die noch sprechen könnten, sich oft nicht trauen. Das Eichsfeld stand immer für etwas, worauf wir stolz waren: Mensch sein – gelebte Nächstenliebe!
Es gibt Maßstäbe für Pflege und medizinische Versorgung. Aber was ist mit dem, was sich nicht messen lässt? Und wer legt sie fest? Vielleicht ist es an der Zeit, dass wir anfangen, uns ehrlich zu fragen: Was ist das Mindestmaß an Würde, das einem Menschen zusteht?
Denn eines wird immer deutlicher: So, wie es ist, darf es nicht bleiben. Nicht für die Patienten, nicht für die Angehörigen und auch nicht für das Personal, das selbst längst an seine Grenzen gekommen ist. Vielleicht liegt die Veränderung darin, dass wir gemeinsam den Mut finden, unsere Stimme zu erheben: Patienten, Angehörige, Pflegekräfte und Ärzte.
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Nicht gegeneinander, sondern miteinander. Lauter zu werden. Und zu sagen: So kann es nicht weitergehen. Denn am Ende muss es ein gemeinsames Ziel geben: eine medizinische Versorgung und Pflege, die dem Menschen zugewandt bleibt. Und die ihm das lässt, was ihm zusteht: seine Würde.
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