Sechs hauptamtliche Angestellte arbeiten normalerweise in den Räumen des Queeren Zentrums Erfurt. In den vergangenen Wochen jedoch sind die Büroplätze in der Johannesstraße 52 leer geblieben. „Das ist die größte Krise, die wir jemals hatten“, beschreibt Felizia Möhle die aktuelle Situation der queeren Anlaufstelle. Die 25-jährige Studentin ist die Vorstandsvorsitzende von QueerWeg, dem Trägerverein des Queeren Zentrums.

Ungewisse Zukunft bis zum Haushaltsbeschluss

Grund für die leeren Arbeitsplätze ist der fehlende Thüringer Landeshaushalt. Zuletzt hatte Ministerpräsident Mario Voigt (CDU) angekündigt, dass es vor April keinen Beschluss geben wird. Solange der fehlt, bleibt auch die finanzielle Situation des Queeren Zentrums ungewiss. Dank finanzieller Rücklagen kann das Zentrum zumindest bis Ende März die Miete zahlen.

Das Queere Zentrum ist ein Begegnungsort für trans, intergeschlechtliche, bisexuelle, lesbische, schwule und andere queere Menschen. Es ist die einzige hauptamtlich geführte Anlaufstelle für queere Personen in ganz Thüringen. Unter der prekären Situation der sozialen Einrichtung leiden aktuell vor allem die Öffnungs- und Beratungszeiten. Regulär sind die Räumlichkeiten dreimal die Woche für alle Interessierten geöffnet. „Im Moment ist das eher ein Auf-gut-Glück-Vorbeigucken“, sagt Felizia Möhle. Auch Beratungsgespräche können aktuell ohne das geschulte Personal nicht angeboten werden.

Eine Minijob-Stelle als Notlösung

Regelmäßig stattfindende Gruppenaktivitäten wie Bouldern oder Theaterspielen müssen nun ausschließlich ehrenamtlich organisiert werden. Das sei bei manchen Angeboten leichter als bei anderen. „Viele Veranstaltungsformate laufen ohnehin schon selbstständig über Ehrenamtliche, bei anderen kümmern sich Festangestellte um die Koordination“, erklärt Felizia Möhle. Dazu zählt etwa die Gruppe Young and Queer, die sich an Jugendliche und junge Erwachsene richtet.

Queeres Zentrum Erfurt
Im Queeren Zentrum können Interessierte zum Austausch und zur Beratung zusammenkommen. Es ist ein geschützter Raum für queere Menschen.© Funke Medien Thüringen | Merle Jakobus

Mehr denn je ist das Queere Zentrum zurzeit auf Ehrenamtliche angewiesen. Über die Sozialen Medien hatte es daher zu einem großen Ehrenamtsplenum am 8. Januar eingeladen. „Die Ehrenamtlichen gucken jetzt, wie sie die Angebote aufrechterhalten können“, so Felizia Möhle. Die Resonanz sei dabei sehr gut gewesen. Außerdem wird das Queere Zentrum zur Bearbeitung der wichtigsten Verwaltungsaufgaben eine Minijob-Stelle schaffen. Mithilfe der Stelle sollen auch die Öffnungszeiten, wenn auch eingeschränkt, gewährleistet werden.

Anfeindungen im Alltag

Queere Personen sollen durch die Angebote des Queeren Zentrums vor allem eines lernen: Selbstwirksamkeit. „Gerade am Anfang des Outing-Prozesses hat man oft Angst vor fremden Orten“, erklärt Felizia Möhle. In der sozialen Einrichtung entwickeln queere Personen im geschützten Raum mehr Selbstbewusstsein.

Im Alltag seien queere Personen häufig Diskriminierung ausgesetzt – insbesondere im ländlichen Raum. „Durch die AfD, die Queerfeindlichkeit zum Top-Thema macht, und dem Zuspruch zu dieser Politik werden solche Einstellungen legitimiert“, sagt Felizia Möhle. Sie geht aber davon aus, dass unter der Brombeerkoalition die bisherigen Fördergelder des Landes auch weiterhin gewährt werden.

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