So ganz „Tschüss“ sagt Matthias Dreißig dann doch nicht, wenn er am Sonntag offiziell als Kirchenmusikdirektor in den Ruhestand verabschiedet wird. Es wird gewiss ein „Nachspiel“ geben: Das ein oder andere Mal wird er auch künftig die 56 Register der Schuke-Orgel in „seiner“ Predigerkirche ziehen, da ist sich der 66-Jährige sicher. Eine gute Nachricht für Fans seines Orgelspiels, die den Organisten nach 30 Jahren im Amt gewiss vermissen werden.

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In der „Verlängerung“ ist er jetzt schon: Eigentlich endete seine Aufgabe schon in den letzten Monaten des Vorjahres. Seit 1994 hat Dreißig die Kirchenmusik in der Predigerkirche und im Kirchenkreis Erfurt gestaltet. Nun endet eine Ära – wie könnte es anders sein, als mit einem Orgelkonzert.

Als Musiklehrender bleibt er seinen Schülern erhalten

Seinen Studierenden in Halle, an der Erfurter Uni und in der kirchenmusikalischen C-Ausbildung wird er überdies noch erhalten bleiben. „Wir danken Matthias Dreißig für sein langjähriges, engagiertes und zuverlässiges Wirken als Kirchenmusiker in der Predigergemeinde, als Organist der Predigerkirche und als Kreiskantor im Kirchenkreis Erfurt“, so der Kreiskirchenrat Erfurt. Senior Matthias Rein ergänzt: „Wir danken ihm von ganzen Herzen für musikalisch wunderbar gestaltete Gottesdienste und Konzerte, für 30 Jahre inspirierende musikalische Anregungen im Rahmen der Internationalen Orgelreihe und für sein segensreiches Wirken als Lehrer im Fach Orgel“.

„Es ist Zeit für etwas Neues“, wünscht Dreißig seinem Nachfolger Samuel Huhn alles Gute und ein glückliches Händchen bei allen Projekten. Vielleicht, so wünscht es sich der scheidende Kirchenmusikdirektor, könnten aber auch die von ihm aus der Taufe gehobenen Kirchenmusiktage eine Fortsetzung erfahren. Das läge ihm doch sehr am Herzen. Dass sich die Reihe so etablieren konnte, erfülle ihn mit Freude.

Im Ruhestand wird der 66-Jährige verstärkt zum Musik-Konsumenten

Einen harten Schnitt des Abschiednehmens von der geliebten Orgel und Musik wird es für Dreißig nicht geben: Konzerte in den Niederlanden, in Italien und in Deutschland hat er in seinem Terminplan für 2025. Da sich Organisten häufig gegenseitig zu Konzerten verpflichten, werde der Kalender künftig sicher dünner gefüllt, wenn er die Orgel in der Predigerkirche nicht mehr verantwortet, da ist sich der angehende Ruheständler sicher. Häufiger als Musikkonsument werde er nun in der gewonnenen freien Zeit anzutreffen sein, etwa zu Klassikkonzerten im Theater.

Im Bücherregal warteten viele Biografien auf die Lektüre. Und ein in mehrere Kisten verteiltes Erbstück des Großvaters auf seinen Einsatz: „Eine Märklin Eisenbahn im Maßstab Null-Null, mit der ich als Zehnjähriger mal gespielt habe“, blickt Dreißig voraus, werde nun endlich wieder aufgebaut und in Betrieb genommen. „Das braucht Zeit und Geduld“, sagt er voll Vorfreude. Bei der Modellbahn handele es sich schließlich um Vorkriegsware. Zum Bahnprojekt, so ist es bereits besprochen, wird dann auch der 35-jährige Sohn Dreißigs aus Potsdam anreisen.

An der Familie Bach führt kein Weg vorbei

„Eine To-Do-Liste für den Ruhestand habe ich ansonsten nicht“, sagt Dreißig. Konzertreisen in 13 europäische Länder, aber auch nach Japan oder Russland haben seine Zeit als Kirchenmusikdirektor bereichert, wie er sagt. „Ich habe da nichts nachzuholen, war bereits viel unterwegs“, erinnert er sich gern an Konzerte im Gewandhaus ebenso wie im Berliner oder Magdeburger Dom. CD-Aufnahmen sind für ihn im Rückblick Höhepunkte der letzten 30 Jahre, ebenso wie der Bau der neuen Orgel im Refektorium in den Jahren 2005 bis 2022. Und natürlich die Kirchenmusiktage, organisiert mit Dietrich Ehrenwert und Silvius von Kessel.

An der Familie Bach führt dabei in der Regel kein Weg vorbei, aber auch Reger und List, den Komponisten der deutschen Romantik, gehört Dreißigs musikalische Vorliebe. Pachelbel und Kittel, Komponisten des mitteldeutschen Raums, sieht er sich als Thüringer ebenso verpflichtet, schon aus Tradition. Dass die Orgel, die als Königin der Instrumente gilt, heute in der Hitliste junger Menschen nicht unbedingt an erster Stelle steht, ist für Dreißig kein Grund für Bedauern. Schließlich ließe sich mithilfe der 56 Register mit 4302 Pfeifen gleich ein ganzes Orchester imitieren, wirbt er für „sein“ Instrument. Mehr als das: In Verbindung zum (Kirchen-)Raum biete die Orgel wie kein anderes Instrument ein ganz besonderes, ein sinnliches Erlebnis.

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