Es ist Sonntagnachmittag. Der Kinder- und Jugendchor der Hohen Domkirche Sankt Marien zu Erfurt gibt das Gloria von Antonio Vivaldi im Rathausfestsaal. Es sind die jungen Frauen des Mädchenchores und die jungen Männer des neu gegründeten Knabenchores. Sie haben in dieser Konstellation ihren ersten öffentlichen Auftritt.
Jugendchor am Erfurter Dom ist kein elitärer Zirkel
Die einheitliche Kleiderordnung erinnert an die Schuluniformen englischer Universitäten. Die Mädchen und Jungen intonieren mehrstimmig, mit glasklarem Klang. Sie lesen ganz selbstverständlich die Noten, so wie sie es auch bei den liturgischen Auftritten im Dom tun. Angesichts dieser professionellen Aura mag bei manchem der Eindruck entstehen, dass es sich bei diesem Chor um einen geschlossenen Zirkel handelt, etwas Elitäres gar, bei dem nicht jeder mitmachen kann.
Doch weit gefehlt! „Wir sprechen eine herzliche Einladung an alle Kinder und deren Eltern aus. Ob katholisch, evangelisch oder konfessionslos. Es gibt keine Zugangsvoraussetzungen. Das Gütesiegel kommt ganz von allein“, betont Elisabeth Lehmann-Dronke, die Leiterin des Kinder- und Jugendchores. Der frisch gegründete Knabenchor wird von Thomas Hofereiter geleitet. Er ist unter anderem Kirchenmusiker am Dom in Nordhausen und Leiter des Chores Nordhausen. Seit Oktober ist er auch in Erfurt tätig.
Stimmbruch kein Grund für Rausschmiss
Den Kinder- und Jugendchor mit aktuell 140 Kindern gibt es seit 2003. Neu ist der 2024 ins Leben gerufene Knabenchor, der eine Ausgründung des Jugendchores ist. 16 Jungen ab 10 Jahren machen hier mit, gesanglich unterstützt von einer Handvoll Männer. „Bisher war es so, dass die Jungen mit dem Stimmbruch den Chor verlassen mussten. Seit Langem ist es mir ein Anliegen, das zu ändern. Wir bilden die Jungen über Jahre aus, bauen Beziehungen zu ihnen auf – da darf der Stimmbruch kein Rausschmisskriterium sein“, erklärt Elisabeth Lehmann-Dronke. Zum ersten öffentlichen Auftritt der Knaben am 12. Januar im Rathaus war der Festsaal rappelvoll.
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Ähnlich hohen Zuspruch gibt es für die Proben der verschiedenen Chorgruppen, die schon Kleinkinder in ihren Reihen willkommen heißen. „Es gibt einen großen Bedarf. Eltern und Kinder rennen uns wirklich die Bude ein“, fasst es Elisabeth Lehmann-Dronke zusammen. Das hat aus ihrer Sicht nicht nur mit der musikalischen Ausbildung, sondern auch mit der Gemeinschaft zu tun, die häufig bis zum Abitur hält.
Musikalische Ausbildung ab dem Kita-Alter
Der Spatzenchor richtet sich an Kinder zwischen 3 und 4 Jahren. Auf spielerische Weise wird hier die Begeisterung für das gemeinsame Singen, Hören und Musizieren geweckt. Die Knirpse setzen sich mit Rhythmus, Dynamik, Tonhöhe und Tondauer auseinander. Ab dem Alter von 5 bis zur 1. Klasse besuchen die Kinder den Nachwuchs-Chor, in dem die Grundlagen der Chorarbeit vermittelt werden. Die aktuell 60 Kinder lernen, mit den anderen in gleicher Tonlage zu singen und studieren geistliche und weltliche Lieder ein. Der Vor-Chor richtet sich an Dritt- und Viertklässler. Hier werden der Umgang mit einer Partitur und das mehrstimmige Singen trainiert. Auch erste Auftritte im Gottesdienst und bei Konzerten gibt es.

Nach der Grundschulzeit rücken die Mädchen in den Konzertchor auf, die Jungen besuchen ab Klasse 4 den Knabenchor. Es gibt wöchentliche Proben und regelmäßig individuellen Unterricht zur Stimmbildung. Die Auftritte absolvieren Jungen und Mädchen gemeinsam. Neben den Gottesdiensten stehen Konzerte und Chorfahrten auf dem Programm.
„In unseren Vor-Chören durchlaufen die Kinder automatisch eine musikalische Ausbildung und wachsen in den Chor und in die Gemeinschaft hinein. Dass ein Chor so klingen kann, wie man es im Rathaus hören konnte, braucht diesen Unterbau“, sagt Elisabeth Lehmann-Dronke.
Jungs haben schnell eigene Gemeinschaft gebildet
„Ich bin in der komfortablen Lage, dass der Knabenchor an diese Nachwuchsgewinnung angeschlossen ist. Die Jungs kommen in der 4. Klasse zu uns. Das Neue und Spannende ist, dass diese Jungs, die bisher im Verband mit den Mädchen gesungen haben, nun auf sich allein gestellt sind. Es ist eine viel kleinere Gruppe, in der es viel mehr auf jeden Einzelnen ankommt“, berichtet Thomas Hofereiter.

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Seit dem Start im Oktober zeige sich, dass die Jungs ein Zusammengehörigkeitsgefühl entwickelt haben. „Natürlich beginnen wir mittendrin. Wir haben junge Kinder. Und wir haben die älteren Jungs, die bereits Tenor und Bass singen – davon aber noch nicht genug. Interessierte Freunde und Eltern springen ein und füllen diese Lücken, sodass wir schon jetzt mit einem mehrstimmigen Knabenchor arbeiten können.“ Das Ziel ist es, den Knabenchor langsam wachsen zu lassen, auf dass er zu einer ähnlichen Institution wird, wie der Gesamtchor am Erfurter Dom.
Weitere Informationen unter www.dommusik-erfurt.de/kujchor
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