„Mittelaltermetropole“ und „Puppenstübchen“ sind die am häufigsten gebrauchten Wortschöpfungen, wenn es um die Baukunst geht, die Erfurt zu einer spannenden Stadt macht. Dass zwischen dem Roten Berg, den Fachwerkbauten der Altstadt und den backsteingesäumten Straßen Daberstedts auch Jugendstil zu finden ist, lässt sich erstmal schwer vorstellen. Doch tatsächlich kann der Suchende auf seiner architektonischen Exkursion eine hübsche Liste zusammenstellen, die eben doch dem Art Decó entsprechen.

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Dass Erfurt in dieser Hinsicht nicht ganz mit Paris und Wien mithalten kann, muss nicht betont werden. Aber schmuckvolle, elegante Formen und Linien, die Anfang des 20. Jahrhunderts in Haus, Dekoration, Schrift und Skulptur ins Stadtbild eingebracht wurden? Das kann Erfurt auch! Wir haben ein paar Orte zusammengetragen:

Bankhaus Stürcke am Anger

Jugendstil in Erfurt
Auch das rote Geschäftshaus am Anger/Ecke Grafengasse hat Ornamente des Art Decó.© Funke Medien Thüringen | Kathleen Kröger

Mit seiner rötlichen Färbung hebt sich das alte Bankhaus Stürcke am Anger von den sonst recht grauen Bauten der Einkaufsstraße ab. Ist es auch nicht das offensichtlichste Exemplar eines Jugendstil-Hauses, wird die Epoche anhand der eingearbeiteten Reliefe doch ziemlich deutlich. Das alte Geschäftshaus, in dem heute die Filiale einer Bekleidungskette ansässig ist, sorgt zumindest für so viel Interesse, dass Aufnahmen des Hauses in den Bildarchiven des Fachbereichs Kunstgeschichte der Technischen Universität Dresden hinterlegt sind.

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Richard Breslau-Denkmal am Flutgraben

Jugendstil in Erfurt
In der Löberwallstraße findet sich das Richard-Breslau-Denkmal.© Funke Medien Thüringen | Kathleen Kröger

Nicht nur Häuser, auch andere Monumente zeichnen sich durch die typische Jugendstil-Formgestaltung aus. Wer sich die Figuren an den Seiten des Richard-Breslau-Denkmals in der Löberwallstraße anschaut, wird die flachen Reliefs mit geübtem Blick schnell dem passenden Stil zuordnen. Gewidmet ist das 1912 enthüllte Denkmal dem ehemaligen Oberbürgermeister Breslau, dessen Wirken der Bildhauer Carl Melville mit den Symbolfiguren von Handel und Bau gewürdigt hat. Ein Brunnen, der einst zum Denkmal gehörte, ist über die Jahre abhandengekommen.

Wohn- und Geschäftshaus in der Bahnhofstraße

Jugendstil in Erfurt
Wer durch die Bahnhofstraße geht, kann auf der Ostseite diese ausladende Bogenform samt großem, fast schon monströsem Kopf entdecken. © Funke Medien Thüringen | Kathleen Kröger

Über den Bahnhofsarkaden gibt es viel zu sehen. So auch ein etwas auffälligeres Haus zwischen Schmidtstedter Straße und Willy-Brandt-Platz. Über den Bögen der Arkaden spannt sich eine lange dekorative Kurve. Einmal gesehen, kommt man beim Begutachten des Gebäudes dann auch nicht mehr an dem großen monumentalen Kopf mit den weit aufgerissenen Augen vorbei, dessen konkrete Gestalt schwer zu erraten ist, aber einem Drachen recht nahekommt.

Wohnhaus in der Schillerstraße

Jugendstil in Erfurt
Nicht nur Geschäftshäuser, auch einfache Wohnhäuser gibt es häufig im Jugendstil-Format. Vor allem im Erfurter Süden, hier in der Schillerstraße. © Funke Medien Thüringen | Kathleen Kröger

Fenster- und Türrahmen sind oft die sichersten Anhaltspunkte, um Art-Decó-Elemente an alten Gebäuden auszumachen. Südlich des Stadtparks lassen sich immer wieder dezente Ornamente finden. Ein deutlicheres Exemplar befindet sich direkt in der Schillerstraße, wo es durch die Verwendung eines anderen Materials abgesetzt und damit hervorgehoben wurde.

Kunstgewerbeschule Villa Hügel

Villa Hügel
In der ehemaligen Kunstgewerbeschule in der Villa Hügel werden auch heute noch junge Menschen im künstlerischen Bereich ausgebildet. © Funke Medien Thüringen/Stadtarchiv Erfurt | Kathleen Kröger|Stadtarchiv Erfurt

Obwohl viele Schmuckelemente an der Fassade der alten Kunstgewerbeschule Am Hügel durch Schäden im Zweiten Weltkrieg verloren gingen, ist das heutige Lehrgebäude der angehenden Kunst- und Musikerzieher immer noch als Jugendstilbau erkennbar. Die 1905 errichtete Villa (Paul Peters und Max Brockert) war bereits Bestandteil der Erfurter Denkmalwoche, in der die Geschichte des Prachtbaus am Breitstrom beleuchtet wurde. Nach dem Krieg wurde in der Villa Angewandte Kunst gelehrt, mittlerweile ist sie fester Bestandteil der Universität Erfurt.

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Café und Konditorei Rommel in der Johannesstraße

Rommel Jugendstil
Das Café Rommel ist bei Erfurtern und Touristen wegen seines historischen Interieurs sehr beliebt.© Funke Medien Thüringen | Merle Jakobus

Auch Schriftarten können dem Jugendstil entsprechen. Beim Café Rommel ist es aber viel mehr als dieses profane Liebhaber-Detail. Die Inneneinrichtung des Kaffeehauses ist in ihrem Chique so stilecht, dass sie den seit 1911 bestehenden Ort zu einem Magneten für Freunde früherer Zeiten macht.

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„Jugendstilhaus“ in der Schlüterstraße

Schlüterstraße
In der Schlüterstraße gibt es ein Gebäude, das „Jugendstilhaus“ genannt wird. © Funke Medien Thüringen | Kathleen Kröger

Dass es in der Landeshauptstadt ein „Jugendstilhaus“ gibt, ist wohl den wenigsten Einheimischen bekannt. Doch in der Schlüterstraße kann man das imposante Eckhaus besuchen – und dort auch kurzfristig einziehen. Seinen Namen hat der Bau, der im Erdgeschoss eine Restaurantfläche hat, von den Inhabern jener Ferienwohnungen, in die man sich einmieten kann. Während es an den Fassaden recht wenige typische Ornamente gibt, existiert dennoch ein besonderer Hingucker: Dekorative Elemente wurden hier im oberen Bereich schlichtweg als Illusion aufgemalt und sollen ein echtes Relief vortäuschen.

Nymphe in der Karthäuserstraße

Jugendstil Nymphe
Ein grazile Nymphe schaut auf die Karthäuserstraße. Einst floss zu ihren Füßen auch Wasser.© Funke Medien Thüringen | Kathleen Kröger

Neben eleganten Akt-Skulpturen in den Erfurter Parks, die durch ihre langgestreckten und anmut-betonenden Linien zum Jugendstil gehören, findet sich ein außergewöhnlicher Stil-Fund in der Karthäuserstraße. An der Fassade einer großen Villa schaut nämlich eine Nymphe Richtung Innenstadt. Nicht nur die Frauen-Plastik an sich entspricht den typischen lieblichen Formen, sondern auch der Sockel, auf dem sie steht. Unter der Anfang des 20. Jahrhunderts aufgestellten Nymphe sprudelte einst Wasser aus dem großen Kopf eines Meerwesens. Damit nach ihren Füßen am Quellwasser nicht auch noch ihr Kopf durch Regengüsse nass wird, hat die gut mit Seilen gesicherte Figur sogar ein eigenes Dach bekommen.

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Jugendstil Teaser
Ein Wohnhaus in der Thälmannstraße, eine Eingangsportal-Gestaltung am Boyneburgufer und ein Detail an einem Wohnhaus in der Fritz-Büchner-Straße.© Funke Medien Thüringen | Kathleen Kröger

Die aufgezählten Beispiele sind nur einige der besonders auffälligen Zeitzeugnisse des Jugendstils in Erfurt. Wer einmal mit der Suche beginnt, wird in vielen Straßen fündig. So bieten auch die Johannes- und die Krämpfervorstadt an so manchem Häuserblock gutes Fundmaterial, wenn es um florale Dekorationen, langgestreckte Linien und klassische Formen geht. An mancher Stelle ergibt sich damit auch Raum für die kleine Rätselfrage, ob es wirklich ein Jugendstilbau ist, oder ob bestimmte Reliefs erst später zur Aufhübschung hinzugefügt worden sind. Doch das ist ein anderes Thema.